Sozial-familiäre Beziehungen – und das Umgangsrecht der Großtante

12. Januar 2016 | Familienrecht
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Die Anforderungen an die Feststellung einer sozial-familiären Beziehung gemäß § 1685 Abs. 2 S. 1 BGB sind geringer, wenn nur durch den Kontakt zu diesem, den Umgang begehrenden entfernten Verwandten (hier: einer Großtante) dem Bedürfnis des Kindes Rechnung getragen werden kann, einen Teil seiner Herkunftsfamilie kennen zu lernen.

Ein Umgangsrecht der Großtante des Kindes kommt nur auf der Grundlage des § 1685 Abs. 2 Satz 1 BGB in Betracht. Ein Recht auf Umgang mit einem Kind haben danach auch Personen mit einer sozial-familiären Beziehung zum Kind, wenn diese für das Kind tatsächliche Verantwortung tragen oder getragen haben, § 1685 Abs. 2 Satz 1 BGB. Die Aufzählung der Umgangsberechtigten nach Abs. 1 der Vorschrift, welche sich auf Großeltern und Geschwister eines Kindes beschränkt, kann hingegen nicht auf andere Verwandte analog angewendet werden1.

Maßgeblich ist somit das Verständnis von dem Begriff der sozial-familiären Beziehung zu einer engen Bezugsperson im Sinne von § 1685 Abs. 2 Satz 1 BGB. Der Begriff wurde vom Bundesverfassungsgericht in einem Verfahren um das Umgangsrecht eines leiblichen – nicht aber rechtlichen – Vaters eingeführt2. Hierauf hat der Gesetzgeber bei der Erweiterung der umgangsberechtigten Personen auf weitere Bezugspersonen des Kindes zurückgegriffen3.Danach muss zwischen dem Umgangswilligen und dem Kind eine soziale Beziehung bestehen, die darauf beruht, dass der Umgangswillige zumindest eine Zeit lang tatsächlich Verantwortung für das Kind getragen hat4. Es muss somit eine gewachsene soziale Familienbeziehung, in der das Kind gelebt hat, festzustellen sein5.

Neben dieser mit einer Familie vergleichbaren Vertrauensbeziehung zwischen dem Umgangswilligen und dem Kind muss es sich zudem um eine enge Bezugsperson des Kindes handeln. Durch diese Begrenzung wird deutlich gemacht, dass nur solche Personen erfasst sein sollen, deren Verantwortung für das Kind familiäre, insbesondere elterngleiche Züge trägt6.

Dabei kommt es nicht darauf an, dass diese Vertrautheit zwischen der Großtante und ihrem Großneffen infolge des Zeitablaufs wahrscheinlich nicht mehr besteht. Es genügt vielmehr, dass an eine früher aufgebaute enge Beziehung wieder angeknüpft werden kann7. Ebenso wenig ist es erforderlich, dass das Kind längere Zeit in häuslicher Gemeinschaft mit der Großtante gelebt hat, wie sich im Umkehrschluss aus der Vermutungsregel des § 1685 Abs. 2 Satz 2 BGB entnehmen lässt.

In dem hier entschiedenen VKH-Fall hatte die Großtante nach ihrer Darstellung von Geburt an Kontakt zu dem Kind. Nach der Trennung der Kindeseltern Ende 2012 habe das Kind bis Oktober 2013 etwa jedes dritte Wochenende etwa fünf Stunden in ihrem Haushalt verbracht. Dabei sei sie zeitweise allein für das Kind verantwortlich gewesen, wenn der Kindesvater die Zeit für sich allein genutzt habe. Obgleich das Kind somit nur über einen Zeitraum von etwa zehn Monaten und in einem Alter von ein bis zwei Jahren bloße Wochenendkontakte zur Großtante hatte, kann bei den gegebenen Umständen nicht von vornherein angenommen werden, dass die Voraussetzungen einer sozial-familiären Beziehung nicht vorliegen. Allerdings bleibt eine genauere Ermittlung der Häufigkeit, Dauer und Ausgestaltung der früheren Kontakte zwischen der Großtante und dem Kind dem Hauptsacheverfahren vorbehalten. Angesichts der vorliegenden Ausnahmesituation ist das Oberlandesgericht der Auffassung, dass in diesem besonderen Einzelfall ein großzügiger Maßstab bei der Prüfung geboten ist, ob ein sozial-familiäres Verhältnis zwischen der Großtante und dem Kind im Sinne von § 1685 Abs. 2 Satz 1 BGB bestand. Zu berücksichtigen ist, dass die Großtante womöglich die einzige Bezugsperson des Kindes zu seiner väterlichen Herkunftsfamilie sein könnte, zumal diese nicht dem deutschen Kulturkreis entstammt. Ein Umgangsrecht des Kindesvaters, der aufgrund der Tötung der Kindesmutter zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, ist nach Kenntnis des Oberlandesgerichts aus dem parallelen Umgangsverfahren zum Aktenzeichen 10 WF 11/15 offen. Auch zu den Großeltern des Kindes besteht aufgrund ihres Aufenthalts in der Türkei kein Kontakt. Offenbar sind auch keine anderen umgangswilligen Personen aus der väterlichen Familie vorhanden.

Somit bleibt die Großtante die einzige Bezugsperson aus der väterlichen Familie und könnte damit aus entwicklungspsychologischer Sicht eine wichtige Rolle für die Identitätsfindung des Kindes spielen, was in die Würdigung der Umstände einzubeziehen ist. Es droht angesichts der besonderen familiären Situation auch nicht der vom Gesetzgeber bei Einführung des § 1685 Abs. 2 BGB befürchtete “Umgangstourismus” im Falle eines zu großen Kreises von Umgangsberechtigten, welcher dem Kind nicht mehr ausreichend Zeit für eigene Interessen belassen könnte8. Demnach spricht nichts dagegen, den Begriff der sozial-familiären Beziehung zu einer engen Bezugsperson vorliegend in einem weiten Sinne zu verstehen, um dem eventuellen Bedürfnis des Kindes nach einem Kontakt zur Herkunftsfamilie väterlicherseits gerecht werden zu können.

Im Hauptsacheverfahren wird zunächst näher aufzuklären sein, ob früher tatsächlich die erforderliche Vertrautheit zwischen der Großtante und dem Kind entstanden ist, an welche nunmehr im Falle eines erneuten Kontaktaufbaus angeknüpft werden kann. Dabei ist nach den vorstehenden Ausführungen ein großzügiger Maßstab anzusetzen.

Sofern die sozial-familiäre Beziehung im Sinne von § 1685 Abs. 2 Satz 1 BGB bejaht wird, bedarf es sodann der Feststellung, ob das Recht auf Umgang zwischen der Großtante und dem Kind dem Wohl des Kindes dient, § 1685 Abs. 1 BGB. Ob und – wenn ja – wann und in welcher Form dies angesichts der Tat des Kindesvaters, der Entwicklung des Kindes und der persönlichen Fähigkeiten der Großtante möglich ist, wird das Familiengericht gegebenenfalls durch Einholung eines Sachverständigengutachtens gemäß § 26 FamFG näher aufzuklären haben.

Oberlandesgericht Celle, Beschluss vom 27. November 2015 – 10 WF 303/15

  1. Staudinger/Rauscher, BGB, Bearb.2014, § 1685 Rn. 15
  2. vgl. BVerfG, FamRZ 2003, 816
  3. vgl. RegE v. 17.12 2003, BT-Drs. 15/2253 S. 7
  4. BVerfG, aaO
  5. Staudinger/Rauscher, aaO, § 1685 Rn. 9
  6. Staudinger/Rauscher, aaO Rn. 9a
  7. BGH, FamRZ 2005, 705, 706
  8. vgl. Bundesrat, BT-Drs. 15/2253, S. 16 und 15/2761, S. 1

 
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