AdV – wegen zweifelhafter Verfassungsgemäßheit des zugrunde liegenden Gesetzes

26. August 2016 | Steuerrecht
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Bei verfassungsrechtlichen Zweifeln an der Gültigkeit einer dem angefochtenen Verwaltungsakt zugrunde liegenden Norm ist eine Aufhebung der Vollziehung möglich. Hierzu hat der Bundesfinanzhof bestimmte Fallgruppen entwickelt.

Nach § 69 Abs. 3 i.V.m. Abs. 2 Satz 2 FGO soll die Vollziehung eines angefochtenen Verwaltungsaktes ausgesetzt werden, wenn ernstliche Zweifel an dessen Rechtmäßigkeit bestehen oder wenn die Vollziehung für den Betroffenen eine unbillige, nicht durch überwiegende öffentliche Interessen gebotene Härte zur Folge hätte. Ist der Verwaltungsakt -wie vorliegend- im Zeitpunkt der Entscheidung schon vollzogen, kann das Gericht ganz oder teilweise die Aussetzung der Vollziehung, auch gegen Sicherheit, anordnen (§ 69 Abs. 3 Satz 3 FGO). Ernstliche Zweifel i.S. von § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO liegen vor, wenn bei summarischer Prüfung des angefochtenen Bescheids neben für seine Rechtmäßigkeit sprechenden Umständen gewichtige Gründe zutage treten, die Unentschiedenheit oder Unsicherheit in der Beurteilung von Rechtsfragen oder Unklarheit in der Beurteilung entscheidungserheblicher Tatfragen bewirken1.

Ernstliche Zweifel i.S. des § 69 Abs. 2 und 3 FGO können auch verfassungsrechtliche Zweifel an der Gültigkeit einer dem angefochtenen Verwaltungsakt zugrunde liegenden Norm sein2.

Wegen des Geltungsanspruchs jedes formell verfassungsgemäß zustande gekommenen Gesetzes kommt in Fällen, in denen die ernstlichen Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Verwaltungsaktes auf Bedenken gegen die Verfassungsmäßigkeit einer dem Verwaltungsakt zugrunde liegenden Gesetzesvorschrift beruhen, eine Aufhebung der Vollziehung nur in Betracht, wenn ein besonderes berechtigtes Interesse des Antragstellers an der Gewährung vorläufigen Rechtsschutzes vorliegt3.

Das Erfordernis eines besonderen berechtigten Interesses des Antragstellers ist zwar im Schrifttum umstritten4, vom Bundesverfassungsgericht aber ausdrücklich gebilligt5.

Der Bundesfinanzhof hält an seiner ständigen Rechtsprechung fest. Die Ausführungen des Niedersächsischen Finanzgerichts6, die sich weder mit der hierzu ergangenen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts noch mit der des Bundesfinanzhofs auseinandersetzen und sich darauf beschränken, auf seine eigenen Beschlüsse vom 22.09.20157; und vom 06.01.20118 zu verweisen, bieten keinen Anlass für eine Änderung der Rechtsprechung.

Die Gewährung einstweiligen Rechtsschutzes ist somit erforderlich, um eine erhebliche, über Randbereiche hinausgehende Verletzung von Grundrechten zu vermeiden, die durch eine Entscheidung in der Hauptsache nicht mehr beseitigt werden kann9.

Diese Voraussetzung hat der Bundesfinanzhof in verschiedenen Fallgruppen als erfüllt angesehen, und zwar, wenn

  • das zuständige Gericht von der Verfassungswidrigkeit einer streitentscheidenden Vorschrift überzeugt ist und diese deshalb gemäß Art. 100 Abs. 1 GG dem Bundesverfassungsgericht zur Prüfung vorgelegt hat10,
  • ein beim Bundesfinanzhof anhängiges Verfahren, das für die Beantwortung von Rechtsfragen vorgreiflich ist, im Hinblick auf mehrere beim Bundesverfassungsgericht anhängige Verfahren der konkreten Normenkontrolle ruht11,
  • wenn dem Steuerpflichtigen durch den sofortigen Vollzug irreparable Nachteile drohen12,
  • wenn das zu versteuernde Einkommen abzüglich der darauf zu entrichtenden Einkommensteuer unter dem sozialhilferechtlich garantierten Existenzminimum liegt13,
  • wenn das Bundesverfassungsgericht eine ähnliche Vorschrift für nichtig erklärt hatte14,
  • wenn der Bundesfinanzhof die vom Kläger als verfassungswidrig angesehene Vorschrift bereits dem BVerfG gemäß Art. 100 Abs. 1 GG zur Prüfung der Verfassungsmäßigkeit vorgelegt hatte15.
Unter Zugrundelegung dieser Voraussetzungen kan in dem hier vom Bundesfinanzhof entschiedenen Fall eine über den Antrag des Finanzamt hinausgehende Aufhebung der Vollziehung nicht in Betracht, es lag ersichtlich keine der genannten Fallgruppen vor. Die Verfassungswidrigkeit des § 32 Abs. 6 EStG in seiner im Streitjahr geltenden Fassung einmal unterstellt, würde es sich im konkreten Einzelfall auch allenfalls um eine den Randbereich der Grundrechte berührende Verletzung handeln. Denn die Belastung durch einen um 1.862 € zu niedrigen Kinderfreibetrag fällt bei einer Steuerpflichtigen, deren Einkommensverhältnisse dergestalt sind, dass für sie die Inanspruchnahme des Freibetrages günstiger ist als das Kindergeld, nicht so schwerwiegend ins Gewicht, dass durch die Aufrechterhaltung des Vollzuges bis zum Abschluss des Hauptsacheverfahrens irreparable Nachteile drohen. In einem Fall eher geringfügiger Belastung, die ohne Weiteres in einem Hauptsacheverfahren beseitigt werden kann, sind die Voraussetzungen für die Aufhebung der Vollziehung wegen Bedenken gegen die Verfassungsmäßigkeit einer dem Verwaltungsakt zugrunde liegenden Gesetzesvorschrift nicht erfüllt16.

Bundesfinanzhof, Beschluss vom 21. Juli 2016 – V B 37/16

  1. z.B. BFH, Beschluss vom 20.01.2015 – XI B 112/14, BFH/NV 2015, 537, Rz 15
  2. BFH, Beschlüsse vom 22.12 2003 – IX B 177/02, BFHE 204, 39, BStBl II 2004, 367, Rz 10; vom 06.11.2001 – II B 85/01, BFH/NV 2002, 508, Rz 11; vom 05.03.2001 – IX B 90/00, BFHE 195, 205, BStBl II 2001, 405, Rz 13
  3. ständige Rechtsprechung, z.B. BFH, Beschlüsse vom 01.04.2010 – II B 168/09, BFHE 228, 149, BStBl II 2010, 558, Rz 11; vom 27.08.2002 – XI B 94/02, BFHE 199, 566, BStBl II 2003, 18, Rz 13; vom 06.11.2001 – II B 85/01, BFH/NV 2002, 508, 2. Leitsatz; vom 30.01.2001 – VII B 291/00, BFH/NV 2001, 1031, 3. Leitsatz und Rz 11; vom 19.08.1994 – X B 318, 319/93, BFH/NV 1995, 143, Rz 15; vom 17.03.1994 – VI B 154/93, BFHE 173, 554, BStBl II 1994, 567, Rz 16; vom 09.11.1992 – X B 137/92, BFH/NV 1994, 324, 4. Orientierungssatz sowie Rz 18; vom 21.05.1992 – X B 106/91, BFH/NV 1992, 721, Rz 15; vom 20.05.1992 – III B 100/91, BFHE 168, 174, BStBl II 1992, 729, Rz 25; vom 14.04.1992 – VIII B 114/91, BFH/NV 1993, 165, Rz 30; vom 01.04.1992 – III B 137/91, BFH/NV 1992, 598, Rz 14; vom 20.07.1990 – III B 144/89, BFHE 162, 542, BStBl II 1991, 104, Rz 13; vom 02.08.1988 – III B 12/88, BFHE 154, 123, Rz 15; vom 06.11.1987 – III B 101/86, BFHE 151, 428, BStBl II 1988, 134, Rz 32; offengelassen in BFH, Beschlüssen vom 25.08.2009 – VI B 69/09, BFHE 226, 85, BStBl II 2009, 826, Rz 18; vom 23.08.2007 – VI B 42/07, BFHE 218, 558, BStBl II 2007, 799, Rz 18; vom 02.08.2007 – IX B 92/07, BFH/NV 2007, 2270, Rz 21; vom 31.01.2007 – VIII B 219/06, BFH/NV 2007, 914, Rz 12; vom 11.06.2003 – IX B 16/03, BFHE 202, 53, BStBl II 2003, 663, Rz 16; in BFHE 195, 205, BStBl II 2001, 405, Rz 22
  4. z.B. Seer, in Steuer und Wirtschaft -StuW- 2001, 3, 17 f.; ders., in Tipke/Kruse, Abgabenordnung/Finanzgerichtsordnung, § 69 Tz. 97; Gräber/Koch, Finanzgerichtsordnung, 8. Aufl., § 69 FGO Rz 190; Schallmoser, Deutsches Steuerrecht 2010, 297; Drüen, in Finanz-Rundschau 1999, 289; a.A. aber Klaus J. Wagner, Über effektiven vorläufigen Rechtsschutz im finanzgerichtlichen Verfahren, Festschrift für Kruse, 735, 751 ff.; Gosch in Beermann/Gosch, § 69 FGO Rz 129 ff., 180, 180.1, m.w.N.
  5. BVerfG, Beschlüsse vom 03.04.1992 – 2 BvR 283/92, HFR 1992, 726, 2. Orientierungssatz; vom 06.04.1988 – 1 BvR 146/88, Information StW 1989, 335, 2. Orientierungssatz
  6. Nds. FG, Beschluss vom 16.02.2016 – 7 – V 237/15
  7. Nds. FG, Beschluss vom 22.09.2015 – 7 – V 89/14, EFG 2016, 63
  8. Nds. FG, Beschluss vom 06.01.2011 – 7 – V 66/10, EFG 2011, 827
  9. vgl. BVerfG, Beschlüsse vom 15.08.2002 – 1 BvR 1790/00, NJW 2002, 3691, Rz 13; vom 16.05.1995 – 1 BvR 1087/91, BVerfGE 93, 1, 14, Rz 28; vom 25.10.1988 – 2 BvR 745/88, BVerfGE 79, 69, 1. Leitsatz
  10. BFH, Beschlüsse vom 23.04.2012 – III B 183/11, BFH/NV 2012, 1173, Rz 15; vom 26.01.2010 – VI B 115/09, BFH/NV 2010, 935, Rz 20; in BFHE 204, 39, BStBl II 2004, 367, Rz 21
  11. BFH, Beschluss vom 21.05.2010 – IV B 88/09, BFH/NV 2010, 1613, Rz 17
  12. BFH, Beschlüsse in BFH/NV 1994, 324, Rz 18; in BFH/NV 1995, 143, Rz 15
  13. BFH, Beschlüsse vom 25.07.1991 – III B 555/90, BFHE 164, 570, BStBl II 1991, 876, 1. Leitsatz; vom 29.10.1991 – III B 83/91, BFH/NV 1992, 246, Rz 13
  14. BFH, Beschluss vom 15.12 2000 – IX B 128/99, BFHE 194, 157, BStBl II 2001, 411, Rz 14
  15. BFH, Beschlüsse in BFHE 202, 53, BStBl II 2003, 663, Rz 9; in BFHE 204, 39, BStBl II 2004, 367, Rz 21; vom 30.11.2004 – IX B 120/04, BFHE 208, 213, BStBl II 2005, 287, Rz 8; in BFH/NV 2007, 914, Rz 8
  16. vgl. die ausdrücklich zum Kinderfreibetrag ergangenen BFH, Beschlüsse in BFHE 162, 542, BStBl II 1991, 104, 2. Leitsatz sowie Rz 13; in BFHE 154, 123, Rz 14, 16

 
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