Entscheidung ohne mündliche Verhandlung – und die Verletzung des rechtlichen Gehörs

18. August 2016 | Steuerrecht
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Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs ist ein Verfahrensmangel im Sinne von § 119 Nr. 3 und Nr. 4 FGO u.a. dann anzunehmen, wenn die Voraussetzungen für eine Entscheidung des Finanzgerichts ohne mündliche Verhandlung nach § 90 Abs. 1 und Abs. 2 FGO nicht gegeben sind1.

So durfte das Finanzgericht in dem hier vom Bundesfinanzhof entschiedenen Fall im Zeitpunkt seiner Entscheidung nicht von einem Verzicht der Kläger auf mündliche Verhandlung ausgehen: Die Kläger hatten unstreitig schriftlich den Verzicht auf mündliche Verhandlung für den Fall ausgeschlossen, dass der Bundesfinanzhof den Rechtsstreit einem seiner Mitglieder als Einzelrichter zur Entscheidung überträgt. Dennoch hatte das Finanzgericht den Rechtsstreit auf die Einzelrichterin übertragen und sodann ohne mündliche Verhandlung durch Urteil entschieden.

Ein Beteiligter kann sein Einverständnis mit einer Entscheidung ohne mündliche Verhandlung grundsätzlich gegenständlich beschränken, z.B. indem er den Verzicht auf mündliche Verhandlung auf eine Entscheidung durch den Vorsitzenden bzw. den Berichterstatter anstelle des Bundesfinanzhofs oder aber allein auf eine Entscheidung durch den Bundesfinanzhof beschränkt2. Nach Auffassung des Bundesfinanzhofs bezieht sich jedoch selbst ein vor der Übertragung des Rechtsstreits auf den Einzelrichter vorbehaltlos erklärtes Einverständnis mit einer Entscheidung ohne mündliche Verhandlung nur auf die Entscheidung durch den Bundesfinanzhof, es sei denn, das Einverständnis ist ausdrücklich auch für den Fall der Entscheidung durch den Einzelrichter erklärt worden3.

Diese einschränkende Auslegung der Verzichtserklärung und die Beschränkung ihrer Wirkung bis zur nächsten eine Sachentscheidung vorbereitenden Entscheidung des Finanzgericht ist aufgrund der besonderen Interessenlage der Beteiligten geboten4. Denn der Verzicht hat für die Beteiligten weitreichende Folgen, weil er als Prozesshandlung nicht wegen Irrtums anfechtbar und auch nicht frei widerrufbar ist5.

Ist eine Verzichtserklärung nach den vorstehenden Maßstäben wirkungslos (geworden), ist eine gleichwohl ohne mündliche Verhandlung ergehende Entscheidung zugleich wegen eines Mangels der Vertretung verfahrensfehlerhaft i.S. des § 119 Nr. 4 FGO6.

Aufgrund der Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG, § 96 Abs. 2 FGO) und des gleichzeitig vorliegenden Mangels der Vertretung ist das angefochtene Urteil aufzuheben und die Sache an das Finanzgericht zurückzuverweisen. Der Verfahrensfehler ist ein absoluter Revisionsgrund, bei dem gemäß § 119 Nr. 3, Nr. 4 FGO davon auszugehen ist, dass das angefochtene Urteil auf der Verletzung von Bundesrecht beruht. Eine Sachentscheidung ist dem Bundesfinanzhof verwehrt7.

Bundesfinanzhof, Beschluss vom 20. Juni 2016 – VI B 115/15

  1. vgl. BFH, Urteile vom 04.11.1992 – X R 7/92, BFH/NV 1993, 372; vom 05.07.1995 – X R 39/93, BFHE 178, 301, BStBl II 1995, 842; und vom 31.08.2010 – VIII R 36/08, BFHE 231, 1, BStBl II 2011, 126; jeweils m.w.N.
  2. vgl. Schallmoser in Hübschmann/Hepp/Spitaler, § 90 FGO Rz 46, 72
  3. BFH, Urteil vom 09.08.1996 – VI R 37/96, BFHE 181, 115, BStBl II 1997, 77
  4. vgl. BFH, Urteile in BFHE 181, 115, BStBl II 1997, 77, und in BFHE 231, 1, BStBl II 2011, 126
  5. vgl. BFH, Urteile vom 20.06.1967 – II 73/63, BFHE 90, 82, BStBl III 1967, 794; vom 26.11.1970 – IV R 131/69, BFHE 101, 61, BStBl II 1971, 241; vom 04.04.1974 – V R 161/72, BFHE 112, 316, BStBl II 1974, 532; BFH, Beschluss vom 07.02.1990 – III R 101/87, BFH/NV 1991, 402; für eine Zulässigkeit des Widerrufs bei wesentlicher Änderung der Prozesslage: BFH, Urteil vom 06.04.1990 – III R 62/89, BFHE 160, 405, BStBl II 1990, 744
  6. BFH, Urteil in BFHE 231, 1, BStBl II 2011, 126, m.w.N.; BFH, Beschluss vom 10.03.2011 – VI B 147/10, BFHE 232, 322, BStBl II 2011, 556
  7. s. BFH, Beschlüsse vom 14.04.2015 – VI B 15/15, nicht veröffentlicht, und in BFHE 232, 322, BStBl II 2011, 556, m.w.N.

 
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