Urteilsberichtigung nach Rechtsmitteleinlegung

17. Mai 2016 | Steuerrecht
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Zuständig für eine Urteilsberichtigung ist gemäß § 107 Abs. 1 FGO das Gericht, das das zu berichtigende Urteil erlassen hat. Ist ein Rechtsmittel eingelegt, ist (daneben) auch das Rechtsmittelgericht für die Berichtigung der Entscheidung der Vorinstanz zuständig.

Dies entspricht sowohl der höchstrichterlichen Rechtsprechung zu § 319 Abs. 1 ZPO (BGH, Beschluss vom 09.02.1989 – V ZB 25/88, BGHZ 106, 370)) als auch zu § 118 Abs. 1 VwGO1 und findet auch im Rahmen des § 107 Abs. 1 FGO Anwendung.

In der Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs wird eine Zuständigkeit des Bundesfinanzhofs für die Entscheidung über einen Berichtigungsantrag gemäß § 107 FGO bejaht, wenn ein Beschwerdeverfahren über die Nichtzulassung der Revision anhängig ist2. Die Anhängigkeit der Nichtzulassungsbeschwerde beginnt mit Einlegung der Nichtzulassungsbeschwerde beim BFH gemäß § 116 Abs. 2 Satz 1 FGO3. Dies ist hier der 1.09.2014, an dem die auch für das Streitjahr 2008 erhobene Nichtzulassungsbeschwerde beim BFH eingegangen ist, die die Kläger später wieder zurück genommen haben.

Die mit Einlegung der Nichtzulassungsbeschwerde begründete Zuständigkeit des BFH auch für eine Entscheidung in der Urteilsberichtigung gemäß § 107 FGO verdrängt aber die daneben fortbestehende Zuständigkeit des Finanzgericht für die Entscheidung über den Berichtigungsantrag des Finanzamt nicht.

Der BFH geht im Beschluss in BFH/NV 1993, 312 ebenfalls von einer parallelen Zuständigkeit des Finanzgericht und des BFH für eine Tatbestandsberichtigung aus. Zwar wird vom BFH zum Teil auch von einer “übergehenden Zuständigkeit” gesprochen4. Die Entscheidung in BFH/NV 2012, 2004 zitiert allerdings die Entscheidung in BFH/NV 2004, 1265, die auf das BFH-Urteil vom 23.01.1969 – IV R 36/685 Bezug nimmt. In den Gründen der Entscheidung in BFHE 95, 97, BStBl II 1969, 340 verweist der BFH auf die oben angeführte Rechtsprechung des BGH zu § 319 ZPO, nach der eine parallele Zuständigkeit des Ausgangs- und des Rechtsmittelgerichts für eine Tatbestandsberichtigung nach Anhängigkeit des Rechtsmittelverfahrens besteht. Die Gefahr, dass in zwei Instanzen gleichzeitig einander widersprechende Entscheidungen über dieselbe Berichtigungsfrage ergehen, wiegt zudem geringer als das auch für das Rechtsmittelgericht zu bejahende praktische Bedürfnis einer Berichtigungsmöglichkeit6.

Das Finanzgericht hatte als angerufenes Gericht daher den bei ihm erhobenen Berichtigungsantrag nicht gemäß § 70 Satz 1 FGO i.V.m. § 17a Abs. 2 Satz 1 GVG an den Bundesfinanzhof abzugeben, zumal es von der anhängig gewordenen Nichtzulassungsbeschwerde im Zeitpunkt der Entscheidung wohl keine Kenntnis hatte7.

Allerdings: § 130 Abs. 1 FGO sieht vor, dass das Finanzgericht einer Beschwerde abzuhelfen hat, wenn es sie für begründet hält, und verlangt andernfalls die unverzügliche Vorlage der Beschwerde beim Bundesfinanzhof. Bei Nichtabhilfe ist der Bundesfinanzhof ab Vorlage des Streitfalls als Beschwerdegericht für die Entscheidung in der Sache bis zum Abschluss des Beschwerdeverfahrens allein zuständig8. Mit der Vorlage der Sache an den Bundesfinanzhof entfällt somit die Befugnis des Finanzgerichts, während des anhängigen Beschwerdeverfahrens einen erneuten Berichtigungsbeschluss gleichen Inhalts zu erlassen9.

Bundesfinanzhof, Beschluss vom 22. März 2016 – VIII B 130/14VIII B 17/15

  1. BVerwG, Beschluss vom 16.07.1968 – VI C 1.66, BVerwGE 30, 146
  2. BFH, Beschlüsse vom 18.08.1992 – VII B 227/91, BFH/NV 1993, 312; vom 25.11.1999 – III B 5/99, BFH/NV 2000, 844; vom 12.03.2004 – VII B 239/02, BFH/NV 2004, 1114; vom 02.10.2014 – VI B 52/14, BFH/NV 2015, 217
  3. vgl. z.B. BFH, Beschlüsse vom 30.09.2013 – XI B 57/13, BFH/NV 2014, 61; vom 17.09.2014 – IX B 13/14, BFH/NV 2015, 225; gleiche Auffassung Steinhauff in Hübschmann/Hepp/Spitaler -HHSp-, § 36 FGO Rz 4
  4. BFH, Urteile vom 10.12 2003 – IX R 44/98, BFH/NV 2004, 1265; vom 09.05.2012 – I R 91/10, BFH/NV 2012, 2004, Rz 13
  5. BFHE 95, 97, BStBl II 1969, 340
  6. s. überzeugend zu § 319 ZPO Stein/Jonas/Leipold, ZPO, 23. Aufl., § 319 Rz 22 f.; zustimmend Zöller/Vollkommer, ZPO, 31. Aufl., § 319 Rz 22; Wieczorek/Schütze/Rensen, 4. Aufl., § 319 ZPO Rz 20; MünchKommZPO/Musielak, § 319 Rz 14; Baumbach/Lauterbach/Albers/Hartmann, Zivilprozessordnung, 74. Aufl., § 319 Rz 27; Clausing in Schoch/Schneider/Bier, VwGO § 118 Rz 6
  7. vgl. Schallmoser in HHSp, § 70 FGO Rz 5; Gräber/Herbert, Finanzgerichtsordnung, 8. Aufl., § 70 Rz 4; Schoenfeld in Beermann/Gosch, FGO § 70 Rz 5; zur (umgekehrten) Abgabe des BFH an das Finanzgericht wegen instanzieller Unzuständigkeit s. BFH, Beschlüsse vom 16.12 1994 – VIII S 4/94, BFH/NV 1995, 800; vom 10.12 2012 – VIII S 23/12, BFH/NV 2013, 570
  8. s. z.B. BFH, Beschluss vom 17.09.2002 – III B 84/02
  9. s. hierzu den insoweit übertragbaren BFH, Beschluss vom 18.02.1986 – VII B 113/85, BFHE 145, 574, BStBl II 1986, 413 zur “Abhilfe” durch Erlass einer inhaltsgleichen Entscheidung mit anderer Begründung

 
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