AdV – wegen möglicher Unionsrechtswidrigkeit

9. Juni 2016 | Umsatzsteuer
Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Eine Aussetzung der Vollziehung eines Umsatzsteuerbescheides ist auch möglich, wenn ernstliche Zweifel an der Vereinbarkeit einer Vorschrift des Umsatzsteuergesetzes mit dem Unionsrecht bestehen.

Nach § 128 Abs. 3 i.V.m. § 69 Abs. 3 Satz 1, Abs. 2 Satz 2 der Finanzgerichtsordnung (FGO) ist die Vollziehung eines angefochtenen Verwaltungsaktes ganz oder teilweise auszusetzen, wenn ernstliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit dieses Verwaltungsaktes bestehen.

Ernstliche Zweifel i.S. von § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO liegen dann vor, wenn bei summarischer Prüfung des angefochtenen Bescheids neben für seine Rechtmäßigkeit sprechenden Umständen gewichtige Gründe zutage treten, die Unentschiedenheit oder Unsicherheit in der Beurteilung von Rechtsfragen oder Unklarheit in der Beurteilung entscheidungserheblicher Tatfragen bewirken1. Die Entscheidung hierüber ergeht bei der im AdV-Verfahren gebotenen summarischen Prüfung aufgrund des Sachverhalts, der sich aus dem Vortrag der Beteiligten und der Aktenlage ergibt2. Zur Gewährung der AdV ist es nicht erforderlich, dass die für die Rechtswidrigkeit sprechenden Gründe im Sinne einer Erfolgswahrscheinlichkeit überwiegen3.

Gemessen daran bestehen nach mittlerweile ständiger Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs4 ernstliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit von Umsatzsteuer-Änderungsbescheiden, die auf § 27 Abs.19 UStG gestützt sind. Der Bundesfinanzhof verweist zur weiteren Begründung auf seine Ausführungen im BFH, Beschluss in BFHE 252, 181, BStBl II 2016, 192, an denen er festhält. Der vom Finanzamt hervorgehobene Umstand, dass das Urteil des Niedersächsischen Finanzgericht in EFG 2016, 338 rechtskräftig geworden ist, ändert nichts daran, dass die sich stellenden Rechtsfragen höchstrichterlich ungeklärt sind und in Rechtsprechung und Literatur zur Vereinbarkeit des § 27 Abs.19 Satz 2 UStG mit Verfassungsrecht und Unionsrecht unterschiedliche Auffassungen vertreten werden.

Dabei st auch kein besonderes Aussetzungsinteresse erforderlich.

Zwar ist nach der Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs5 bei ernstlichen Zweifeln an der Verfassungsmäßigkeit eines formell ordnungsgemäß zustande gekommenen Gesetzes ein besonderes berechtigtes Interesse an der AdV erforderlich. Der Bundesfinanzhof ist dieser Rechtsprechung bisher gefolgt6.

Ob an dieser Rechtsprechung weiter festzuhalten ist, wird von mehreren Senaten des Bundesfinanzhofs offen gelassen7.

Ob die angeführte Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs mit dem Grundsatz der Gewährung effektiven Rechtsschutzes vereinbar ist, hat das Bundesverfassungsgericht zuletzt ausdrücklich offen gelassen8.

Es bedarf vorliegend keiner Entscheidung darüber, ob an dieser Rechtsprechung weiter festzuhalten ist. Das Finanzgericht hat nämlich zu Recht betont, dass außerdem ernstliche Zweifel an der Vereinbarkeit des § 27 Abs.19 Satz 2 UStG mit Unionsrecht bestehen. Jedenfalls dann, wenn es um die Vereinbarkeit einzelner Steuerrechtsnormen mit Unionsrecht geht9, ist nach der ständigen Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs kein besonderes Aussetzungsinteresse erforderlich; es wird von den Umsatzsteuersenaten des Bundesfinanzhofs noch nicht einmal geprüft10. Auf ein besonderes Aussetzungsinteresse kommt es deshalb auch vorliegend nicht an11.

Bundesfinanzhof, Beschluss vom 31. März 2016 – XI B 13/16

  1. vgl. z.B. BFH, Beschlüsse vom 26.09.2014 – XI S 14/14, BFH/NV 2015, 158, Rz 33; vom 20.01.2015 – XI B 112/14, BFH/NV 2015, 537, Rz 15; jeweils m.w.N.
  2. vgl. z.B. BFH, Beschlüsse in BFH/NV 2015, 158, Rz 33; in BFH/NV 2015, 537, Rz 15; jeweils m.w.N.
  3. ständige Rechtsprechung, vgl. z.B. BFH, Beschlüsse vom 03.04.2013 – V B 125/12, BFHE 240, 447, BStBl II 2013, 973, Rz 12; vom 11.07.2013 – XI B 41/13, BFH/NV 2013, 1647, Rz 16; in BFH/NV 2015, 537, Rz 15; jeweils m.w.N.
  4. vgl. BFH, Beschlüsse in DStR 2016, 239; vom 27.01.2016 – V B 87/15, DStR 2016, 470
  5. vgl. BFH, Beschlüsse vom 10.02.1984 – III B 40/83, BFHE 140, 396, BStBl II 1984, 454; vom 01.04.2010 – II B 168/09, BFHE 228, 149, BStBl II 2010, 558; vom 09.03.2012 – VII B 171/11, BFHE 236, 206, BStBl II 2012, 418; vom 15.04.2014 – II B 71/13, BFH/NV 2015, 7
  6. bejahend aus früherer Zeit z.B. BFH, Beschlüsse vom 27.08.2002 – XI B 94/02, BFHE 199, 566, BStBl II 2003, 18; vom 07.07.2004 – XI B 231/02, BFH/NV 2005, 178
  7. vgl. BFH, Beschlüsse vom 02.08.2007 – IX B 92/07, BFH/NV 2007, 2270; vom 25.08.2009 – VI B 69/09, BFHE 226, 85, BStBl II 2009, 826; vom 09.05.2012 – I B 18/12, BFH/NV 2012, 1489; s. zur abnehmenden Bedeutung staatlicher Haushaltsinteressen auch BFH, Beschluss vom 21.05.2010 – IV B 88/09, BFH/NV 2010, 1613, Rz 17
  8. vgl. BVerfG, Beschlüsse vom 24.10.2011 1 BvR 1848/111 BvR 2162/11, NJW 2012, 372; vom 06.05.2013 – 1 BvR 821/13, HFR 2013, 639, Rz 7
  9. vgl. zur Abgrenzung BFH, Beschluss vom 25.11.2014 – VII B 65/14, BFHE 247, 182, BStBl II 2015, 207, Rz 23 ff.
  10. vgl. dazu z.B. BFH, Beschlüsse vom 05.05.1994 – V S 11/93, BFH/NV 1995, 368; vom 30.11.2000 – V B 187/00, BFH/NV 2001, 657; vom 19.12 2012 – V S 30/12, BFH/NV 2013, 779; vom 12.12 2013 – XI B 88/13, BFH/NV 2014, 550; zur Ertragsteuer s. ausdrücklich BFH, Beschlüsse vom 24.03.1998 – I B 100/97, BFHE 185, 467, BFH/NV 1998, 1172, unter II. 3., Rz 10; vom 14.02.2006 – VIII B 107/04, BFHE 212, 285, BStBl II 2006, 523, unter II. 1.b, Rz 7
  11. vgl. Rauch, HFR 2016, 394

 
Weiterlesen auf der Rechtslupe

Weiterlesen auf der Rechtslupe:

Themenseiten zu diesem Artikel: , , ,
Weitere Beiträge aus diesem Rechtsgebiet: Steuerrecht | Umsatzsteuer

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar zu diesem Artikel:

 
Zum Seitenanfang
Do NOT follow this link or you will be banned from the site!