Vertrauensschutz bei Ausfuhrlieferungen

17. Juni 2016 | Umsatzsteuer
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Ein Steuerpflichtiger erfüllt nicht die Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmanns, wenn er den gesetzlichen Buch- und Belegnachweis nicht formell vollständig führt.

Der Bundesfinanzhof hat zu § 6a Abs. 4 UStG bereits entschieden, dass sich die Frage, “ob der Unternehmer die Unrichtigkeit der Angaben des Abnehmers auch bei Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmanns nicht erkennen konnte”, erst dann stellt, “wenn der Unternehmer seinen Nachweispflichten nach §§ 17a ff. UStDV vollständig nachgekommen ist”1.

Maßgeblich ist hierfür die formelle Vollständigkeit, nicht aber auch die inhaltliche Richtigkeit der Beleg- und Buchangaben2.

Nichts anderes gilt für die hier streitgegenständlichen Ausfuhrlieferungen. Die formell vollständige Führung des Buch- und Belegnachweises gehört auch bei Ausfuhrlieferungen zu den Pflichten, die der Unternehmer im Rahmen der Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmanns erfüllen muss3. Diese Rechtsprechung basiert auf der Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union (EuGH), wonach “der Lieferer auf die Rechtmäßigkeit des Umsatzes, den er tätigt, vertrauen können muss, ohne Gefahr zu laufen, sein Recht auf Befreiung von der Mehrwertsteuer zu verlieren, wenn er … selbst bei Beachtung der Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmanns außerstande ist, zu erkennen, dass die Voraussetzungen für die Befreiung in Wirklichkeit nicht gegeben waren, weil die vom Abnehmer vorgelegten Ausfuhrnachweise gefälscht waren”4.

Dass der Bundesfinanzhof in ständiger Rechtsprechung die analoge Anwendung von § 6a Abs. 4 UStG auf Ausfuhrlieferungen ablehnt5, steht dem nicht entgegen, denn hier geht es nicht um die -nach § 6a Abs. 4 UStG mögliche- Anwendung von Vertrauensschutz im Festsetzungsverfahren, sondern um die Auslegung des Merkmals “Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmanns”, die in beiden Fällen nicht unterschiedlich erfolgen kann.

Bundesfinanzhof, Beschluss vom 29. März 2016 – XI B 77/15

  1. vgl. z.B. BFH, Urteile vom 15.07.2004 – V R 1/04, BFH/NV 2005, 81, unter II. 2.b, Rz 50; vom 07.12 2006 – V R 52/03, BFHE 216, 367, BStBl II 2007, 420, unter II. 3.b, Rz 43; vom 15.02.2012 – XI R 42/10, BFH/NV 2012, 1188, Rz 32; vom 14.11.2012 – XI R 17/12, BFHE 239, 516, BStBl II 2013, 407, Rz 33
  2. vgl. BFH, Urteil in BFHE 239, 516, BStBl II 2013, 407, Rz 33
  3. vgl. Treiber in Sölch/Ringleb, Umsatzsteuer, § 6 Rz 167; Wäger in Birkenfeld/Wäger, Umsatzsteuer-Handbuch, § 109 Rz 127
  4. vgl. z.B. EuGH, Urteil Netto Supermarkt vom 21.02.2008 – C-271/06, EU:C:2008:105, Umsatzsteuer-Rundschau 2008, 508, Rz 27; ebenso BFH, Urteile in BFHE 223, 372, BStBl II 2010, 1075, Leitsatz 1; vom 19.11.2009 – V R 8/09, BFH/NV 2010, 1141, Rz 18
  5. vgl. BFH, Urteile in BFHE 223, 372, BStBl II 2010, 1075, Rz 32; in BFH/NV 2010, 1141, Rz 17; BFH, Beschluss vom 26.03.2009 – V B 179/07, BFH/NV 2009, 1477, unter II. 1.bb, Rz 22

 
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