Missbrauch von Schutzbefohlenen – und das Zusammenleben in häuslicher Gemeinschaft

10. Mai 2016 | Strafrecht
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Der Tatbestand des § 174 Abs. 1 Nr. 1 StGB setzt voraus, dass zwi- schen Täter und Opfer ein Verhältnis besteht, kraft dessen eine Person unter 16 Jahren dem Täter zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut ist. Das Zusammenleben in häuslicher Gemeinschaft genügt hierfür nicht1.

Erforderlich ist vielmehr ein Verhältnis, in welchem einer Person das Recht und die Pflicht obliegt, die Lebensführung des Jugendlichen und damit dessen geistigseelische Entwicklung zu überwachen und zu leiten2.

Entscheidend ist insoweit nicht, von wem und auf welche Weise der Betreuer bestellt worden ist3. Es kann genügen, dass ein Jugendlicher selbst sich einem Erwachsenen zur Betreuung in der Lebensführung gemäß § 174 Abs. 1 Nr. 1 StGB anvertraut4.

Erforderlich ist jedoch stets ein Abhängigkeits- verhältnis im Sinne der Unter- und Überordnung, die den persönlichen, allge- mein menschlichen Bereich umfasst5. Ob ein solches Obhutsverhältnis besteht und welchen Umfang es hat, ist nach den tatsächlichen Verhältnissen des jeweiligen Einzelfalls zu beurteilen6.

Jedoch steht die fehlende Feststellung, ob das Betreuungsverhältnis auf längere Dauer angelegt war, der Annahme des Anvertrautseins im Sinne der genannten Vorschrift nicht entgegen7.

Bundesgerichtshof, Beschluss vom 8. Dezember 2015 – 2 StR 200/15

  1. BGH, Urteil vom 02.06.1999 – 5 StR 112/99, NStZ-RR 1999, 321
  2. BGH, Urteil vom 20.09.1988 – 1 StR 383/88, BGHR StGB § 174 Abs. 1 Obhutsverhältnis 1
  3. BGH, Beschluss vom 31.01.1967 – 1 StR 595/65, BGHSt 21, 196, 201; BGH, Urteil vom 05.11.1985 – 1 StR 491/85, 33, 341, 344
  4. BGH, Beschluss vom 21.04.1995 – 3 StR 526/94, BGHSt 41, 137, 139
  5. BGH, Beschluss vom 21.04.1995 – 3 StR 526/94, aaO; BGH, Urteil vom 02.07.1997 – 2 StR 205/97, BGHR StGB § 174 Abs. 1 Obhutsverhältnis 10
  6. BGH, Beschluss vom 05.11.1985 – 1 StR 491/85, BGHSt 33, 340, 344
  7. vgl. BGH, Urteil vom 03.04.1962 – 5 StR 74/62, BGHSt 17, 191, 193; Fischer, StGB, 63. Aufl., § 174 Rn. 6; aA LK-Hörnle, StGB, 12. Aufl., § 174 Rn. 11; Lackner/Kühl, StGB, 28. Aufl., § 174 Rn. 6

 
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