Sexuelle Handlungen – und ihre Erheblichkeit

24. Mai 2016 | Strafrecht
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Das Merkmal der Erheblichkeit im Sinne von § 184h Nr. 1 StGB (§ 184g Nr. 1 STGB aF) setzt nicht voraus, dass das Opfer den sexuellen Charakter der zu bewertenden Handlung erkennt1.

Der danach erforderliche sexuelle Bezug liegt nach ständiger Rechtsprechung zunächst bei Handlungen vor, die bereits objektiv, also allein gemessen an ihrem äußeren Erscheinungsbild die Sexualbezogenheit erkennen lassen2. Daneben können auch sog. ambivalente Tätigkeiten, die für sich betrachtet nicht ohne Weiteres einen sexuellen Charakter aufweisen, tatbestandsmäßig sein; insoweit ist auf das Urteil eines objektiven Betrachters abzustellen, der alle Umstände des Einzelfalles kennt3. Hierbei ist auch einzustellen, ob der Angeklagte von sexuellen Absichten geleitet war4.

Ob im vorliegenden Fall die sämtlich medizinisch nicht indizierten Tätigkeiten bereits objektiv ihre Sexualbezogenheit erkennen ließen5, bedurfte keiner Entscheidung des Bundesgerichtshofs. Deren Sexualbezug ergab sich jedenfalls aus der den Angeklagten leitenden Motivation, seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen.

Die Handlungen überschritten auch die Erheblichkeitsschwelle des § 184g Nr. 1 StGB aF (nunmehr: § 184h Nr. 1 StGB). Als erheblich in diesem Sinne sind solche sexualbezogenen Handlungen zu werten, die nach Art, Intensität und Dauer eine sozial nicht mehr hinnehmbare Beeinträchtigung des im jeweiligen Tatbestand geschützten Rechtsguts besorgen lassen6. Dazu bedarf es einer Gesamtbetrachtung aller Umstände im Hinblick auf die Gefährlichkeit der Handlung für das jeweils betroffene Rechtsgut; unter diesem Gesichtspunkt belanglose Handlungen scheiden aus7. Unerheblich ist hingegen, ob das Opfer den sexuellen Charakter der Handlung erkennt. Dies hat der Bundesgerichtshof bereits für die Fälle entschieden, in denen an Kindern vorgenommene sexualbezogene Tätigkeiten zu bewerten waren8. Es besteht kein Grund, diese Rechtsprechung, der die herrschende Literatur im Anwendungsbereich des § 184g Nr. 1 StGB aF zugestimmt und bereits teilweise ohne weitere Differenzierung nach dem Alter des Opfers verallgemeinert hat9, auf kindliche Opfer zu beschränken. Schon nach der Fassung des § 184g Nr. 1 StGB aF bzw. § 184h Nr. 1 StGB nF knüpft die Erheblichkeit lediglich objektiv an die sexuelle Handlung an, nicht aber auch an subjektive Vorstellungen des Opfers. Die rein objektive Bestimmung des Merkmals steht zudem im Einklang mit der Rechtsprechung zu den ambivalenten Tätigkeiten, bei deren Bewertung als sexuell es ebenfalls nicht auf die Opfersicht ankommt.

Bundesgerichtshof, Urteil vom 10. März 2016 – 3 StR 437/15

  1. Bestätigung und Fortführung von BGH, Urteil vom 24.09.1980 – 3 StR 255/80, BGHSt 29, 336
  2. vgl. etwa BGH, Urteile vom 24.09.1980 – 3 StR 255/80, BGHSt 29, 336, 338; vom 14.03.2012 – 2 StR 561/11, NStZ-RR 2013, 10, 12; vom 22.10.2014 – 5 StR 380/14, BGHR StGB § 184g Nr. 1 Sexuelle Handlung 1
  3. BGH, Beschluss vom 23.08.1991 – 3 StR 292/91, BGHR StGB § 184c Nr. 1 Erheblichkeit 5; Urteil vom 06.02.2002 – 1 StR 506/01, NStZ 2002, 431, 432; Beschluss vom 05.10.2004 – 3 StR 256/04, NStZ-RR 2005, 361, 367 bei Pfister
  4. BGH, Urteil vom 22.05.1996 – 5 StR 153/96 8; Beschluss vom 05.10.2004 – 3 StR 256/04, NStZ-RR 2005, 361, 367 bei Pfister; Urteil vom 20.12 2007 – 4 StR 459/07, NStZ-RR 2008, 339, 340; MünchKomm-StGB/Hörnle, 2. Aufl., § 184g Rn. 3; S/S-Eisele, StGB, 29. Aufl., § 184g Rn. 9 mwN zur Gegenansicht
  5. vgl. zum Legen eines Blasen- und Analkatheters BGH, Urteil vom 14.03.2012 – 2 StR 561/11, NStZ-RR 2013, 10
  6. st. Rspr.; vgl. etwa BGH, Urteile vom 24.09.1980 – 3 StR 255/80, BGHSt 29, 336, 338; vom 24.09.1991 – 5 StR 364/91, NJW 1992, 324; vom 01.12 2011 – 5 StR 417/11, NStZ 2012, 269, 270
  7. BGH, Urteile vom 03.04.1991 – 2 StR 582/90, BGHR StGB § 184c Nr. 1 Erheblichkeit 4; vom 24.09.1991 – 5 StR 364/91, NJW 1992, 324; vom 01.12 2011 – 5 StR 417/11, NStZ 2012, 269, 270; Lackner/Kühl/Heger, StGB, 28. Aufl., § 184g Rn. 5; Matt/Renzikowski/Eschelbach, StGB, § 184g Rn. 7; differenzierend SSW-StGB/Wolters, 2. Aufl., § 184g Rn. 9 f.
  8. BGH, Urteil vom 24.09.1980 – 3 StR 255/80, BGHSt 29, 336, 338 f.; Urteil vom 24.09.1991 – 5 StR 364/91, NJW 1992, 324, 325
  9. BeckOK StGB/Ziegler, § 184h Rn. 4; Lackner/Kühl/Heger, StGB, 28. Aufl., § 184g Rn. 4; Matt/Renzikowski/Eschelbach, StGB, § 184g Rn. 8; MünchKomm-StGB/Hörnle, 2. Aufl., § 184g Rn. 28, 30, allerdings auch Rn. 4 zu ambivalenten Handlungen; NK-StGB-Frommel, 4. Aufl., § 184g Rn. 3; S/S- Eisele, StGB, 29. Aufl., § 184g Rn. 18

 
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