Die Gesellschafterforderung als verdeckte Sacheinlage

5. April 2016 | Gesellschaftsrecht
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Eine verdeckte Sacheinlage einer Altforderung des Gesellschafters liegt sowohl dann vor, wenn erst die geschuldete Bareinlage eingezahlt und sodann zur Tilgung der Gesellschafterforderung zurückgezahlt wird, als auch dann, wenn in umgekehrter Reihenfolge erst die Gesellschafterforderung getilgt und der erhaltene Betrag sodann ganz oder teilweise als Bareinlage zurückgezahlt wird.

§ 3 Abs. 4 EGGmbHG ordnet die Geltung des § 19 Abs. 4 und 5 GmbHG in der ab dem 1.11.2008 geltenden Fassung auch für vor diesem Zeitpunkt bewirkte Einlageleistungen an, soweit sie nach der vor dem 1.11.2008 geltenden Rechtslage wegen der Vereinbarung einer Einlagenrückgewähr oder wegen einer verdeckten Sacheinlage keine Erfüllung der Einlagenverpflichtung bewirkten. Die Rückwirkung bezieht sich auch auf Kapitalerhöhungen1.

Durch die rechtsgrundlose, verfrühte Leistung auf die Kapitalerhöhung ist eine Forderung des Geschäftsführers gegen die GmbH aus ungerechtfertigter Bereicherung in entsprechender Höhe entstanden. Diese Rückzahlungsforderung hätte auf dem Wege einer offen zu legenden und der registergerichtlichen Prüfung zu unterwerfenden Sacheinlage eingebracht werden können2.

Eine verdeckte Sacheinlage liegt vor, wenn die gesetzlichen Regeln für Sacheinlagen dadurch unterlaufen werden, dass zwar eine Bareinlage beschlossen oder vereinbart wird, die Gesellschaft aber bei wirtschaftlicher Betrachtung von dem Einleger aufgrund einer im Zusammenhang mit der Übernahme der Einlage getroffenen Verwendungsabsprache einen Sachwert oder wie vorliegend eine Altforderung erhalten soll3. Die Neufassung von § 19 Abs. 4 GmbHG durch das MoMiG hat an diesen Tatbestandsvoraussetzungen nichts geändert; der Gesetzgeber wollte damit vielmehr an die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs anknüpfen4.

Der GmbH floss im wirtschaftlichen Ergebnis infolge der Begleichung der Bereicherungsforderung des Geschäftsführers am 5.06.2008 in Höhe von 100.000 € mit der Zahlung des Geschäftsführers vom 10.06.2008 in Höhe von gleichfalls 100.000 € nicht der vereinbarte Barbetrag, sondern die Befreiung von der Bereicherungsverbindlichkeit zu. Denn es besteht ein äußerst enger sachlicher und zeitlicher Zusammenhang zwischen Bareinzahlung und Forderungstilgung, der sowohl durch die Möglichkeit, die zur Zeit des Kapitalerhöhungsbeschlusses am 29.04.2008 bereits bestehende Bereicherungsforderung als Sacheinlage einzubringen, als auch durch die Identität der in Frage stehenden Beträge und durch den Vollzug beider Buchungsvorgänge im Abstand weniger Tage dokumentiert wird5.

In diesem Zusammenhang ist es unerheblich, dass zunächst die GmbH die Bereicherungsforderung des Geschäftsführers erfüllt und dieser danach auf die Einlageverpflichtung gezahlt hat. Entscheidend für die rechtliche Betrachtung ist allein der mit diesen Leistungen bewirkte Erfolg, dass die Gesellschaft als wirtschaftliches Ergebnis der als innerlich zusammengehörig zu bewertenden Vorgänge am Ende keine Zuführung neuer Liquidität, sondern lediglich die Befreiung von einer Gesellschafterforderung erhalten hat. Eine verdeckte Sacheinlage einer Altforderung des Gesellschafters liegt sowohl dann vor, wenn erst die geschuldete Bareinlage eingezahlt und sodann zur Tilgung der Gesellschafterforderung zurückgezahlt wird, als auch dann, wenn in umgekehrter Reihenfolge erst die Gesellschafterforderung getilgt und der erhaltene Betrag sodann ganz oder teilweise als Bareinlage zurückgezahlt wird6.

Der festgestellte enge zeitliche und sachliche Zusammenhang zwischen der Einzahlung des Einlagebetrags und dem Rückfluss des Geldes begründet die Vermutung, die (objektive) Umgehung der Sachkapitalaufbringungsregeln sei im Sinne einer Verwendungsabsprache von Anfang an in Aussicht genommen worden7.

Nach § 56 Abs. 2, § 19 Abs. 4 Satz 3 GmbHG, § 3 Abs. 4 EGGmbHG in der mit Inkrafttreten des MoMiG maßgeblichen Fassung ist auf die wegen Umgehung der Sacheinlagevorschriften fortbestehende Bareinlagepflicht des Geschäftsführers (§ 19 Abs. 4 Satz 1, 3 GmbHG) aber der Wert der Bereicherungsforderung zu dem in § 19 Abs. 4 Satz 3 GmbHG bezeichneten Zeitpunkt anzurechnen.

Die (vollständige) Erfüllung der fortbestehenden Geldeinlagepflicht des Inferenten bei verdeckter Einbringung einer Forderung kann im Falle einer Kapitalerhöhung nach Maßgabe von § 19 Abs. 4 Satz 3, Satz 5, § 56 Abs. 2 GmbHG gelingen, wenn der Inferent nachweist, dass seine Forderung gegen die Gesellschaft im Zeitpunkt der Anmeldung der Kapitalerhöhung – oder, falls später, im Zeitpunkt der Überlassung des Gegenstands der verdeckten Sacheinlage, der bei der Einbringung einer Forderung im Wege der (verdeckten) Sacheinlage in der Befreiung der Gesellschaft von der entsprechenden Verbindlichkeit gegenüber ihrem Gesellschafter besteht8 – vollwertig war, d.h. ihr Wert (mindestens) den Betrag der übernommenen Geldeinlagepflicht erreicht hat. Eine gegen die Gesellschaft bestehende Forderung ist in diesem Sinne dann nicht vollwertig, wenn das Gesellschaftsvermögen bei Befriedigung der Forderung (in Höhe des Betrags der übernommenen Geldeinlagepflicht) nicht ausreichen würde, um alle (sonstigen) fälligen Forderungen der Gesellschaftsgläubiger zu erfüllen9. Ist der Wert der im Wege der verdeckten Sacheinlage eingebrachten Forderung im maßgeblichen Zeitpunkt geringer als der Betrag der übernommenen Geldeinlagepflicht, so ist der Inferent nur im Umfang des anzurechnenden (Minder)Werts von seiner Geldeinlagepflicht befreit10.

Liegt im maßgeblichen Zeitpunkt eine Überschuldung der Gesellschaft vor, ist es offensichtlich, dass die Forderung jedenfalls nicht vollwertig ist. Ob die Gesellschaft in dem maßgebenden Zeitpunkt überschuldet war, ist anhand eines Vermögensstatus der Gesellschaft (Überschuldungsbilanz) festzustellen, in dem ihre Vermögenswerte mit den Verkehrs- oder Liquidationswerten ausgewiesen sind. Bei der Ermittlung des Vermögensstands dürfen stille Reserven berücksichtigt werden11. Eine Unterbilanz schadet dagegen im Grundsatz nicht12. Die Erfüllung eines Anspruchs kann eine Unterbilanz oder Überschuldung weder herbeiführen noch vertiefen, weil der Verminderung der Aktivseite eine entsprechende Verringerung der Verbindlichkeiten gegenübersteht, die Erfüllung also bilanzneutral ist13.

Bundesgerichtshof, Urteil vom 19. Januar 2016 – II ZR 61/15

  1. vgl. BGH, Urteil vom 20.07.2009 – II ZR 273/07, BGHZ 182, 103 Rn. 13 Cash-Pool II; Urteil vom 22.03.2010 – II ZR 12/08, BGHZ 185, 44 Rn.19 – ADCOCOM
  2. vgl. BGH, Urteil vom 02.12 1968 – II ZR 144/67, BGHZ 51, 157, 159; Urteil vom 15.03.2004 – II ZR 210/01, BGHZ 158, 283, 285; Urteil vom 26.06.2006 – II ZR 43/05, BGHZ 168, 201, 204
  3. BGH, Urteil vom 15.01.1990 – II ZR 164/88, BGHZ 110, 47, 60 f.; Urteil vom 18.02.1991 – II ZR 104/90, BGHZ 113, 335, 341; Urteil vom 16.01.2006 – II ZR 76/04, BGHZ 166, 8 Rn. 11 f. Cash-Pool; Urteil vom 18.02.2008 – II ZR 132/06, BGHZ 175, 265 Rn. 10 Rheinmöve; Urteil vom 16.02.2009 – II ZR 120/07, BGHZ 180, 38 Rn. 8 Qivive; Urteil vom 20.07.2009 – II ZR 273/07, BGHZ 182, 103 Rn. 10 Cash-Pool II; Urteil vom 01.02.2010 – II ZR 173/08, BGHZ 184, 158 Rn. 15 – EUROBIKE; Urteil vom 22.03.2010 – II ZR 12/08 , BGHZ 185, 44 Rn. 11 – ADCOCOM
  4. vgl. BGH, Urteil vom 16.02.2009 – II ZR 120/07, BGHZ 180, 38 Rn. 8 Qivive; Urteil vom 01.02.2010 – II ZR 173/08, BGHZ 184, 158 Rn. 15 EUROBIKE; Urteil vom 22.03.2010 – II ZR 12/08, BGHZ 185, 44 Rn. 11 – ADCOCOM
  5. vgl. BGH, Urteil vom 18.02.1991 – II ZR 104/90, BGHZ 113, 335, 344; vgl. auch Casper in Ulmer/Habersack/Löbbe, GmbHG, 2. Aufl., § 19 Rn. 126
  6. vgl. BGH, Urteil vom 18.02.1991 – II ZR 104/90, BGHZ 113, 335, 344 f.; Urteil vom 16.03.1998 – II ZR 303/96, ZIP 1999, 780, 782; Urteil vom 20.11.2006 – II ZR 176/05, BGHZ 170, 47 Rn. 11
  7. BGH, Urteil vom 16.01.2006 – II ZR 76/04, BGHZ 166, 8 Rn. 13; Urteil vom 18.02.2008 – II ZR 132/06, BGHZ 175, 265 Rn. 13 Rheinmöve; Urteil vom 22.03.2010 – II ZR 12/08, BGHZ 185, 44 Rn. 14 ADCOCOM
  8. vgl. BGH, Urteil vom 18.02.1991 – II ZR 104/90, BGHZ 113, 335, 343; Urteil vom 16.01.2006 – II ZR 76/04, BGHZ 166, 8 Rn. 12 Cash-Pool
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 10.07.2012 – II ZR 212/10, ZIP 2012, 1857 Rn.19 mwN; Verse in Henssler/Strohn, Gesellschaftsrecht, 2. Aufl., § 19 GmbHG Rn. 59, 26; Bayer in Lutter/Hommelhoff, GmbHG, 18. Aufl., § 19 Rn. 84, 31
  10. vgl. BGH, Urteil vom 22.03.2010 – II ZR 12/08, BGHZ 185, 44 Rn. 45, 60 ADCOCOM zur Einbringung von Lizenzen
  11. BGH, Urteil vom 21.02.1994 – II ZR 60/93, BGHZ 125, 141, 146; Beschluss vom 10.07.2012 – II ZR 212/10, ZIP 2012, 1857 Rn.19
  12. vgl. BGH, Urteil vom 26.03.1984 – II ZR 14/84, BGHZ 90, 370, 373 f.; Urteil vom 21.02.1994 – II ZR 60/93, BGHZ 125, 141, 146
  13. BGH, Beschluss vom 10.07.2012 – II ZR 212/10, ZIP 2012, 1857 Rn.19

 
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