Industrie- und Handelskammern – und die allgemein-politische Betätigung des DIHK

4. April 2016 | Im Brennpunkt, Wirtschaftsrecht
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Einem Gewerbebetrieb, der gesetzliches Mitglied einer Industrie- und Handelskammer ist, kann gegen seine Kammer ein Anspruch auf Austritt aus dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK e.V.) zustehen kann, wenn dieser sich außerhalb des den Kammern gezogenen Kompetenzrahmens betätigt, namentlich Stellungnahmen zu allgemeinpolitischen Themen abgibt.

Geklagt in dem jetzt vom Bundesverwaltungsgericht entschiedenen Fall hatte ein Unternehmen der Windenergiebranche aus Münster, das unter anderem bemängelte, der (frühere) Präsident des DIHK habe sich wiederholt zu allgemeinpolitischen Themen sowie einseitig zu Fragen der Umwelt- und Klimapolitik geäußert. Der Unternehmer ist gesetzliches Mitglied der örtlichen Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen, die ihrerseits dem DIHK angehört. Er forderte die örtliche Kammer schon 2007 zum Austritt aus dem Dachverband auf, weil dessen Tätigkeit den gesetzlichen Kompetenzrahmen der Industrie- und Handelskammern überschreite. Als die IHK sich weigerte, erhob der Unternehmer gegen die IHK Nord Westfalen Klage auf Austritt aus dem Dachverband.

Seine Klage blieb vor dem Verwaltungsgericht Münster ohne Erfolg1, ebenso die Berufung vor dem Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen in Müster2. Auf die Revision des Unternehmers hat nun jedoch das Bundesverwaltungsgericht das Münsteraner Berufungsurteil aufgehoben und die Sache an das Oberverwaltungsgericht in Münster zurückverwiesen:

Ein Unternehmen wird durch die gesetzliche Pflicht, einer berufsständischen Kammer anzugehören, in seiner allgemeinen Handlungsfreiheit beschränkt. Deshalb muss es die Tätigkeit der IHK nur in dem Rahmen hinnehmen, den das Gesetz der IHK zieht. Nach dem IHK-Gesetz gehört es zu den wesentlichen Aufgaben der Industrie- und Handelskammer, das Gesamtinteresse der ihr angehörenden Gewerbetreibenden ihres Bezirks wahrzunehmen, namentlich die Behörden durch Vorschläge, Gutachten und Berichte zu unterstützen und zu beraten; die Wahrnehmung sozialpolitischer und arbeitsrechtlicher Interessen ist ausdrücklich ausgenommen.

Die Interessen der Gewerbetreibenden werden auch durch überregionale Fragen berührt, weshalb die Industrie- und Handelskammern sich zu einem Dachverband wie dem DIHK zusammenschließen dürfen, um ihre Belange gegenüber den Ländern, dem Bund oder der Europäischen Union zu vertreten. Das setzt aber voraus, dass der DIHK sich seinerseits innerhalb des den Kammern gesetzlich gezogenen Kompetenzrahmens bewegt. Äußert der DIHK sich demgegenüber auch zu allgemeinpolitischen oder zu sozialpolitischen und arbeitsrechtlichen Themen, so darf keine Kammer dies dulden. Dasselbe gilt, wenn der DIHK die Interessen der Industrie- und Handelskammern einseitig oder unvollständig repräsentiert, namentlich beachtliche Minderheitspositionen übergeht, oder wenn die Art und Weise seiner Äußerungen den Charakter sachlicher Politikberatung verlässt und die Gebote der Sachlichkeit und Objektivität missachtet. In derartigen Fällen kann jedes Kammermitglied von seiner IHK verlangen, das Nötige zu tun, dass der DIHK weitere Kompetenzüberschreitungen unterlässt; bei Wiederholungsgefahr kann es von seiner Kammer verlangen, aus dem DIHK auszutreten.

Im vorliegenden Verfahren hatte der Unternehmer zahlreiche Kompetenzüberschreitungen aus den Jahren 2004 bis 2013 nachgewiesen. Weil das Oberverwaltungsgericht in Münster aber zur Frage, ob auch künftig eine Wiederholung derartiger Äußerungen droht, noch keine Feststellungen getroffen hat, musste die Sache an das Oberverwaltungsgericht zurückverwiesen werden. Dieses wird bei der Prüfung der Wiederholungsgefahr auch zu berücksichtigen haben, ob der DIHK in seiner Satzung wirksame Vorkehrungen gegen künftige Kompetenzüberschreitungen trifft.

Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 23. März 2016 – 10 C 42015 –

  1. VG Münster, Urteil vom 20.05.2009 – 9 K 1076/07
  2. OVG NRW, Urteil vom 16.05.2014 – 16 A 1499/09

 
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