Geschäftsführerhaftung bei der Treuhandkommanditistin
Der Geschäftsführer einer Treuhandkommanditistin haftet dem Treugeber nicht ohne weiteres wegen vorsätzlicher sittenwidriger Schädigung, wenn er ihn nicht über ein aufsichtsrechtliches Vorgehen der Bundesanstalt für Finanzleistungen (BaFin) informiert1.
Dies entschied jetzt der Bundesgerichtshof in dem Fall einer gescheiterten Kapitalanlage. Dabei konnte der klagende Anleger keine vertraglichen oder vertragsähnlichen Ansprüche gegen den beklagten Geschäftsführer der Treuhandkommanditistin geltend machen, den sein Vertragspartner war nicht der beklagte Geschäftsführer, sondern die Treuhandkommanditistin, die auch allein für ein etwaiges Verschulden bei Abschluss des Treuhandvertrags einzustehen hätte (§ 278 BGB2). Der beklagte Geschäftsführer selbst hat nicht am Vertragsschluss mitgewirkt, weder besonderes persönliches Vertrauen in Anspruch genommen, noch wirtschaftliches Eigeninteresse am Zustandekommen des Rechtsverhältnisses gehabt3. Dass er zu dem Personenkreis gehörte, der für falsche oder unvollständige Prospektangaben verantwortlich sein könnte, ist im konkreten Fall ebenfalls nicht ersichtlich4.
Wie der Bundesgerichtshof nun entschied, stellt es keinen Sittenverstoß gemäß § 826 BGB dar, dass der Beklagte den Kläger vor Abschluss des Treuhandvertrages nicht über die bereits zu einem früheren Zeitpunkt geäußerten Bedenken der BaFin informiert hat.
Ein Verhalten ist sittenwidrig, wenn es gegen das Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden verstößt5. In diese rechtliche Beurteilung ist einzubeziehen, ob es nach seinem aus der Zusammenfassung von Inhalt, Beweggrund und Zweck zu entnehmenden Gesamtcharakter mit den guten Sitten nicht zu vereinbaren ist6. Ein Unterlassen verletzt die guten Sitten nur dann, wenn das geforderte Tun einem sittlichen Gebot entspricht. Hierfür reicht die Nichterfüllung einer allgemeinen Rechtspflicht, aber auch einer vertraglichen Pflicht nicht aus. Es müssen besondere Umstände hinzutreten, die das schädigende Verhalten wegen seines Zwecks oder wegen des angewandten Mittels oder mit Rücksicht auf die dabei gezeigte Gesinnung nach den Maßstäben der allgemeinen Geschäftsmoral und des als “anständig” Geltenden verwerflich machen7.
Das Unterlassen der Aufklärung über wesentliche regelwidrige Auffälligkeiten einer Kapitalanlage stellt nicht schon dann einen Verstoß gegen die guten Sitten im Sinne des § 826 BGB dar, wenn eine vertragliche Pflicht zur Aufklärung besteht. Der schwerwiegende Vorwurf der Sittenwidrigkeit ist erst dann zu erheben, wenn das Schweigen des Aufklärungspflichtigen zugleich gegen das Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden verstößt. Allein die Kenntnis von der noch entfernt liegenden Möglichkeit, dass die Geschäftstätigkeit gemäß § 37 KWG untersagt werden könnte und die Anleger hierdurch Schäden erleiden würden, genügt dafür entgegen der Auffassung der Revision nicht. Sittenwidriges Verhalten wäre dem Beklagten erst dann vorzuwerfen, wenn er trotz positiver Kenntnis von der Chancenlosigkeit der Anlage geschwiegen hätte9, also in Kenntnis des Umstands, dass eine Untersagung der Geschäftstätigkeit unmittelbar bevorstand10.
Dies ist hier nicht der Fall. Dafür, dass der Beklagte zum Zeitpunkt des Beitritts des Klägers im März 2005 oder in den folgenden Wochen während der andauernden Verhandlungen mit der BaFin zu irgendeinem Zeitpunkt Kenntnis davon gehabt hätte, dass ein Scheitern der Finanzanlage unmittelbar bevorstand, ist nichts ersichtlich. Hatte der Geschäftsführer der Treuhandkommanditistin aber keine Kenntnis von einem unmittelbar bevorstehenden Scheitern des Projekts und vertraute er auf die von der Gesellschafterversammlung beschlossenen Prospektänderungen, die auch einen Passus betreffend die Gefahr eines Einschreitens der BaFin beinhalteten, und darauf, dass die BaFin sich über längere Zeit auf Verhandlungen einließ, die die Einstellung des Geschäftsbetriebs als abwendbar erscheinen lassen konnten, so mag darin eine fahrlässige Pflichtverletzung gesehen werden. Den Vorwurf eines vorsätzlich sittenwidrigen Verhaltens rechtfertigt dies jedoch nicht.
Auch die Weiterleitung der vom Kläger an die Treuhandkommanditistin überwiesenen Gelder löst keine Schadensersatzansprüche gegen den Geschäftsführer der Treuhandkommanditistin aus. Unstreitig lagen die Voraussetzungen vor, unter denen die Treuhandkommanditistin nach dem Treuhandvertrag verpflichtet war, sämtliche Einlagegelder weiterzuleiten. Die Auffassung des Geschäftsführers, bei dieser Sachlage sei er als Geschäftsführer der Treuhandkommanditistin weder berechtigt, noch den Anlegern gegenüber verpflichtet, die als Einlagen eingezahlten und von der Gesellschaft benötigten Beträge zugunsten der Anleger zurückzuhalten, mag rechtlich angreifbar sein11, begründet aber nicht den Vorwurf einer vorsätzlichen sittenwidrigen Schädigung.
Bundesgerichtshof, Urteil vom 19. Oktober 2010 – VI ZR 124/09
- Bestätigung von OLG Köln, Urteil vom 26.03.2009 – I-7 U 188/08, GWR 2009, 350; gegen OLG München, Urteile vom 16.09.2008 – 5 U 2503/08, EWiR 2008, 747; vom 18.11.2008 – 5 U 2856/08, WM 2009, 651; und vom 04.12.2008 – 17 U 2763/08↩
- vgl. BGH, Urteil vom 24.05.1982 – II ZR 124/81, BGHZ 84, 141, 143↩
- vgl. BGH, Urteile vom 09.06.1984 – II ZR 122/83, WM 1984, 766, 767; vom 01.07.1991 – II ZR 180/90, VersR 1991, 1247, 1248 m.w.N.; vom 07.11.1994 – II ZR 108/93, ZIP 1995, 211, 212; vom 07.11.1994 – II ZR 8/93, ZIP 1995, 124, 125; und vom 20.03.1995 – II ZR 205/94, BGHZ 129, 136, 170↩
- vgl. BGH, Urteile vom 26.09.1991 – VII ZR 376/89, BGHZ 115, 213, 217 f.; vom 21.11.1983 – II ZR 27/83, VersR 1984, 159, 160; vom 01.12.1994 – III ZR 93/93, NJW 1995, 1025; und vom 19.11.2009 – III ZR 109/08, ZIP 2009, 2449 f.↩
- st. Rspr. seit RGZ 48, 114, 124↩
- BGH, Urteile vom 06.05.1999 – VII ZR 132/97, BGHZ 141, 357, 361 m.w.N.; vom 19.07.2004 – II ZR 402/02, 160, 149, 157; vom 14.05.1992 – II ZR 299/90, WM 1992, 1184, 1186 m.w.N.; und vom 19.07.2004 – II ZR 217/03, NJW 2004, 2668, 2670↩
- BGH, Urteil vom 10.07.2001 – VI ZR 160/00, VersR 2001, 1431, 1432 m.w.N.↩
- vgl. dazu BGH, Urteile vom 16.11.1993 – XI ZR 214/92, BGHZ 124, 151, 162; vom 11.10.1982 – II ZR 120/82, WM 1982, 1374; vom 01.07.1991 – II ZR 180/90, VersR 1991, 1247, 1249; vom 17.05.1994 – XI ZR 144/93, VersR 1994, 1354; vom 16.10.2001 – XI ZR 25/01, WM 2001, 2313, 2314; vom 28.05.2002 – XI ZR 150/01, VersR 2003, 511, 512; und vom 21.10.2003 – XI ZR 453/02, NJW-RR 2004, 203, 206↩
- vgl. BGH, Urteil vom 28.05.2002 – XI ZR 150/01, VersR 2003, 511↩
- vgl. BGH, Urteile vom 09.07.1953 – IV ZR 242/52, BGHZ 10, 228, 234; vom 09.07.1979 – II ZR 118/77, BGHZ 75, 96, 114; vom 26.03.1984 – II ZR 171/83, BGHZ 90, 381, 399; vom 11.11.1985 – II ZR 109/84, BGHZ 96, 231, 235 f.; vom 26.06.1989 – II ZR 289/88, BGHZ 108, 134, 144; und vom 22.06.1992 – II ZR 178/90, WM 1992, 1812, 1823↩
- vgl. dazu auch BGH, Urteil vom 17.05.1982 – II ZR 112/81, WM 1982, 760; Singhof/Seiler, Mittelbare Gesellschaftsbeteiligungen, Rn. 595 m.w.N.↩





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