Tatbestandliche Feststellungen – und ihre Beweiskraft

29. Februar 2016 | Zivilrecht
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In der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ist anerkannt, dass dem Tatbestand keine Beweiskraft zukommt, wenn und soweit er Widersprüche, Lücken oder Unklarheiten aufweist1.

Solche Mängel müssen sich allerdings aus dem Urteil selbst ergeben2.

Diesem Erfordernis ist genügt, wenn ein Widerspruch zwischen den tatbestandlichen Feststellungen und einem konkret in Bezug genommenen schriftsätzlichen Vorbringen einer Partei besteht3.

Lassen sich die Widersprüche, Lücken oder Unklarheiten dagegen nur durch Rückgriff auf – gemäß § 313 Abs. 2 Satz 2 ZPO allgemein in Bezug genommene – vorbereitende Schriftsätze darstellen, bleibt es bei der Beweiswirkung des § 314 ZPO und dem Grundsatz, dass der durch den Tatbestand des Urteils erbrachte Beweis nur durch das Sitzungsprotokoll entkräftet werden kann4.

Die Beweiskraft der tatbestandlichen Feststellungen kann auch durch das Sitzungsprotokoll entkräftet werdeb. Unter Sitzungsprotokoll in diesem Sinne ist nur das Protokoll über die Verhandlung zu verstehen, auf Grund derer das Urteil ergangen ist5; durch den widersprechenden Inhalt eines früheren Sitzungsprotokolls wird die Beweiskraft des Tatbestands nicht entkräftet6.

Etwas anderes kann nur dann gelten, wenn ein im Tatbestand aufgeführtes Vorbringen ausdrücklich einem bestimmten Verhandlungstermin zugeordnet wird und diese Feststellung dem Protokoll über diese Sitzung widerspricht7. Eine derartige Ausnahmekonstellation ist vorliegend nicht gegeben. In der letzten mündlichen Verhandlung hat der Vorsitzende die Klägerin vielmehr ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es nach wie vor an einem Beweisantritt für die Behauptung fehle, dem Beklagten zu 4 sei die Nachtragsvereinbarung bekannt gewesen. Die Klägerin hat auf diesen Hinweis nicht reagiert. Sie hat auch keinen Tatbestandsberichtigungsantrag gestellt. Eine etwaige Unrichtigkeit tatbestandlicher Darstellungen im Berufungsurteil kann nur im Berichtigungsverfahren nach § 320 ZPO behoben werden. Eine Verfahrensrüge nach § 551 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 ZPO kommt zur Richtigstellung eines derartigen Mangels nicht in Betracht8.

Bundesgerichtshof, Urteil vom 22. Dezember 2015 – VI ZR 101/14

  1. vgl. BGH, Urteile vom 02.02.1999 – VI ZR 25/98, BGHZ 140, 335, 339; vom 24.06.2014 – VI ZR 560/13, VersR 2014, 1095 Rn. 42
  2. vgl. BGH, Urteil vom 15.07.2011 – V ZR 277/10, VersR 2012, 1265 Rn. 12
  3. vgl. BGH, Urteil vom 24.06.2014 – VI ZR 560/13, VersR 2014, 1095 Rn. 42; BGH, Urteil vom 16.12 2010 – I ZR 161/08 – Satan der Rache, NJW 2011, 1513 Rn. 12 mwN
  4. vgl. BGH, Urteile vom 02.02.1999 – VI ZR 25/98, BGHZ 140, 335, 339; vom 12.05.2015 – VI ZR 102/14, VersR 2015, 1165 Rn. 48; BGH, Urteile vom 08.11.2007 – I ZR 99/05, NJW-RR 2008, 1566, 1567; vom 22.06.2011 – IV ZR 225/10, BGHZ 190, 120 Rn. 7; vom 15.07.2011 – V ZR 277/10, VersR 2012, 1265 Rn. 12; Musielak/Voit, ZPO, 12. Aufl., § 314 Rn. 5; Zöller/Vollkommer, ZPO, 30. Aufl., § 314 Rn. 6
  5. vgl. RGZ 15, 348, 353
  6. vgl. BGH, Urteil vom 12.05.2015 – VI ZR 102/14, VersR 2015, 1165 Rn. 49; Zöller/Vollkommer, aaO, § 314 Rn. 6; Prütting/Gehrlein/Thole, aaO, Rn. 9; Hk-ZPO/Saenger, 6. Aufl., § 314 Rn. 11
  7. vgl. Zöller/Vollkommer, aaO, § 314 Rn. 6
  8. vgl. BGH, Urteil vom 24.06.2014 – VI ZR 560/13, VersR 2014, 1095 Rn. 42; BGH, Urteile vom 01.03.2011 – XI ZR 48/10, BGHZ 188, 373 Rn. 12 mwN; vom 08.05.2013 – IV ZR 233/11, VersR 2013, 853 Rn.19

 
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