Tatsachenfeststellungen, neuer Parteivortrag – und die Prüfungskompetenz des Berufungsgerichts

6. Juni 2016 | Zivilrecht
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Die Prüfungskompetenz des Berufungsgerichts hinsichtlich der erstinstanzlichen Tatsachenfeststellung ist nicht auf Verfahrensfehler und damit auf den Umfang beschränkt, in dem eine zweitinstanzliche Tatsachenfeststellung der Kontrolle durch das Revisionsgericht unterliegt1.

Bei der Berufungsinstanz handelt es sich auch nach Inkrafttreten des Zivilprozessreformgesetzes um eine zweite – wenn auch eingeschränkte – Tatsacheninstanz, deren Aufgabe in der Gewinnung einer “fehlerfreien und überzeugenden” und damit “richtigen” Entscheidung des Einzelfalles, besteht2.

Aus der in § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO vorgesehenen grundsätzlichen Bindung des Berufungsgerichts an die erstinstanzlichen Feststellungen lässt sich daher nicht ableiten, dass die Überzeugungsbildung des Erstgerichts – anders als es im Hinweisbeschluss des Berufungsgerichts vom 10.06.2015 und auch im Zurückweisungsbeschluss anklingt – nur auf Rechtsfehler überprüft wird. Vielmehr können sich – die Bindungswirkung des § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO aufhebende – Zweifel an der Richtigkeit und Vollständigkeit der erstinstanzlichen Feststellungen auch aus der Möglichkeit unterschiedlicher Wertungen, also insbesondere daraus ergeben, dass das Berufungsgericht das Ergebnis einer erstinstanzlichen Beweisaufnahme aufgrund konkreter Anhaltspunkte anders würdigt als die Vorinstanz3.

Ein erst in zweiter Instanz erfolgtes Vorbringen ist nicht neu im Sinne von § 531 Abs. 2 ZPO, wenn ein bereits schlüssiges Vorbringen aus erster Instanz durch weitere Tatsachenbehauptungen zusätzlich konkretisiert, verdeutlicht oder erläutert wird4.

Darüber hinaus ist ein erstmals in der Berufungsinstanz vorgebrachtes unstreitiges Vorbringen unabhängig von den Voraussetzungen des § 531 Abs. 2 ZPO zu berücksichtigen5.

Bundesgerichtshof, Beschluss vom 10. Mai 2016 – VIII ZR 214/15

  1. BGH, Urteil vom 09.03.2005 – VIII ZR 266/03, BGHZ 162, 313, 315 f.; Beschluss vom 22.12 2015 – VI ZR 67/15, NJW 2016, 713 Rn. 7
  2. BGH, Urteil vom 09.03.2004 – VIII ZR 266/03, aaO, S. 316; Beschluss vom 22.12 2015 – VI ZR 67/15, aaO mwN
  3. BGH, Urteil vom 09.03.2005 – VIII ZR 266/03, aaO, S. 316 f. mwN
  4. BGH, Urteile vom 18.10.2005 – VI ZR 270/04, BGHZ 164, 330, 333; vom 21.12 2011 – VIII ZR 166/11, NJW-RR 2012, 341 Rn. 15; vom 19.02.2016 – V ZR 216/14 27; jeweils mwN; Beschlüsse vom 21.12 2006 – VII ZR 279/05, NJW 2007, 1531 Rn. 7; vom 06.05.2015 – VII ZR 53/13, NJW-RR 2015, 1109 Rn. 11; vom 25.10.2011 – VIII ZR 125/11, NJW 2012, 382 Rn.20 f.
  5. BGH, Urteile vom 20.05.2009 – VIII ZR 247/06, NJW 2009, 2532 Rn. 15; vom 18.11.2004 – IX ZR 229/03, BGHZ 161, 138, 141 ff.; Beschlüsse vom 23.06.2008 – GSZ 1/08, BGHZ 177, 212 Rn. 10; vom 27.10.2015 – VIII ZR 288/14, WuM 2016, 98 Rn. 11

 
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