Asyl für einen ehe­ma­li­gen hohen PKK-Funk­tio­närs

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat – nach Ein­ho­lung einer Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on – erneut über den Wider­ruf der Asyl- und Flücht­lings­an­er­ken­nung eines ehe­ma­li­gen Kämp­fers und Funk­tio­närs der Kur­di­schen Arbei­ter­par­tei PKK ver­han­delt und das Ver­fah­ren zur wei­te­ren Auf­klä­rung an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter zurück­ver­wie­sen.

Asyl für einen ehe­ma­li­gen hohen PKK-Funk­tio­närs

Der Klä­ger, ein tür­ki­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger kur­di­scher Volks­zu­ge­hö­rig­keit, war 2001 vom Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge – Bun­des­amt – wegen sei­ner Akti­vi­tä­ten für die PKK in der Tür­kei als Asyl­be­rech­tig­ter und Flücht­ling aner­kannt wor­den. Im Mai 2004 wider­rief das Bun­des­amt die Aner­ken­nun­gen, weil sich die Rechts­la­ge durch Ein­füh­rung von Aus­schluss­grün­den im Jah­re 2002 (nun­mehr: § 3 Abs. 2 AsylVfG sowie die gleich­lau­ten­de Aus­schluss­re­ge­lung in Art. 12 Abs. 2 der Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie 2004/​83/​EG) geän­dert habe. Die frü­he­re PKK-Tätig­keit des Klä­gers in her­aus­ge­ho­be­ner Stel­lung (Kämp­fer und zeit­wei­ses Mit­glied des Zen­tral­ko­mi­tees) sei eine schwe­re nicht­po­li­ti­sche Straf­tat, die den Anspruch auf Asyl und Flücht­lings­schutz aus­schlie­ße (§ 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 AsylVfG). Außer­dem sei davon aus­zu­ge­hen, dass der Klä­ger sich auch Hand­lun­gen habe zuschul­den kom­men las­sen, die den Zie­len und Grund­sät­zen der Ver­ein­ten Natio­nen zuwi­der­lie­fen (§ 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 AsylVfG).

Das erst­in­stanz­lich mit der hier­ge­gen gerich­te­ten Kla­ge befass­te Ver­wal­tungs­ge­richt Gel­sen­kir­chen 1 und das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter 2 gaben der Kla­ge statt, weil der Klä­ger sich schon vor sei­ner Aus­rei­se von der PKK gelöst habe und des­halb kei­ne Gefahr mehr von ihm aus­ge­he.

Auf die Revi­si­on der Beklag­ten leg­te das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts im Rah­men eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on meh­re­re Fra­gen zur Aus­le­gung der Aus­schluss­klau­seln in Art. 12 Abs. 2 der Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie 2004/​83/​EG und deren Aus­wir­kun­gen auf das Grund­recht auf Asyl vor.

Hier­auf ent­schied der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on am 9. Novem­ber 2010 3, dass die im Streit ste­hen­den Aus­schluss­grün­de der schwe­ren nicht­po­li­ti­schen Straf­tat und der Zuwi­der­hand­lung gegen Zie­le und Grund­sät­ze der Ver­ein­ten Natio­nen weder eine gegen­wär­ti­ge Gefahr für den Auf­nah­me­mit­glied­staat noch eine (nach­ge­la­ger­te) Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prü­fung vor­aus­set­zen. Der Aus­schluss hängt nach dem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on allein von der Schwe­re der began­ge­nen Hand­lun­gen und der indi­vi­du­el­len Ver­ant­wor­tung des Betrof­fe­nen ab.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof hat aber auch wei­ter ent­schie­den, dass die Zuge­hö­rig­keit zu einer ter­ro­ris­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on und die akti­ve Unter­stüt­zung ihres bewaff­ne­ten Kamp­fes nicht auto­ma­tisch einen Aus­schluss recht­fer­ti­gen, son­dern eine Beur­tei­lung der genau­en tat­säch­li­chen Umstän­de des Ein­zel­falls erfor­der­lich ist, um zu ermit­teln, ob der Betrof­fe­ne eine indi­vi­du­el­le Ver­ant­wor­tung für inkri­mi­nier­te Hand­lun­gen der Orga­ni­sa­ti­on im Sin­ne der Aus­schluss­grün­de trägt.

Auf die­ser Grund­la­ge hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nun­mehr ent­schie­den, dass die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen in dem Beru­fungs­ur­teil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts nicht aus­rei­chen, um ent­spre­chend den Vor­ga­ben des Euro­päi­schen Gerichts­hofs abschlie­ßend zu beur­tei­len, ob der Klä­ger einen Aus­schluss­grund ver­wirk­licht hat. Zwar spricht nach dem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on eine Ver­mu­tung dafür, dass der Klä­ger auf­grund sei­ner Stel­lung als Funk­tio­när und zeit­wei­ses Mit­glied des Füh­rungs­gre­mi­ums der PKK für die in die­sem Zeit­raum began­ge­nen ter­ro­ris­ti­schen Hand­lun­gen der Orga­ni­sa­ti­on eine indi­vi­du­el­le Ver­ant­wor­tung trägt. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Müns­ter hat aber kei­ne aus­rei­chen­den Fest­stel­lun­gen zu kon­kre­ten ter­ro­ris­ti­schen Hand­lun­gen der PKK in dem maß­geb­li­chen Zeit­raum getrof­fen. Außer­dem fehlt es an der tatrich­ter­li­chen Prü­fung des Ein­zel­fal­les, die vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on auch im Fal­le des Ein­grei­fens der Ver­mu­tung gefor­dert wird. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat des­halb die Sache an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zur wei­te­ren Auf­klä­rung zurück­ver­wie­sen.

Sofern bei dem Klä­ger ein Aus­schluss­grund nach § 3 Abs. 2 AsylVfG vor­lie­gen soll­te, ist nicht nur der Wider­ruf der Flücht­lings­an­er­ken­nung, son­dern auch der Wider­ruf der Asyl­an­er­ken­nung nach Art. 16a GG gerecht­fer­tigt. Dies folgt nach dem Urteil des Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on dar­aus, dass Art. 3 i.V.m. Art. 14 Abs. 3 der Richt­li­nie 2004/​83/​EG es ver­bie­tet, einen mit der Rechts­stel­lung des Flücht­lings ver­wech­sel­ba­ren Sta­tus trotz Vor­lie­gens von zwin­gen­den Aus­schluss­grün­den im Sin­ne der Richt­li­nie auf­recht­zu­er­hal­ten 4.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 7. Juli 2011 – 10 C 26.10

  1. VG Gel­sen­kir­chen, Urteil vom 29.11.2005 – 14a K 2880/​04.A[]
  2. OVG NRW, Urteil vom 27.03.2007 – 8 A. 5118/05.A[]
  3. EuGH, Urteil vom 09.11.2010 – C‑57/​09 u.a.[]
  4. vgl. auch BVerwG, Urteil vom 31.03.2011 – 10 C 2.10[]