Asyl­recht­li­che Dritt­staa­ten­klau­sel – und ihre Anwen­dung auf ande­re EU-Mit­glied­staa­ten

Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on sind wegen des Anwen­dungs­vor­rangs des Uni­ons­rechts nicht "siche­re Dritt­staa­ten" im Sin­ne von § 29 Abs. 1 Nr. 3 AsylG i.V.m. § 26a Abs. 2 AsylG, Art. 16a Abs. 2 GG 1.

Asyl­recht­li­che Dritt­staa­ten­klau­sel – und ihre Anwen­dung auf ande­re EU-Mit­glied­staa­ten

Der Ableh­nungs­be­scheid gegen­über einem über Polen ein­ge­reis­ten Asyl­be­wer­ber kann nicht auf § 29 Abs. 1 Nr. 3 AsylG gestützt wer­den, weil die Repu­blik Polen bei uni­ons­rechts­kon­for­mer Aus­le­gung im Sin­ne des § 26a AsylG kein siche­rer Dritt­staat sein kann. Die­ser Bescheid kann auch nicht auf ande­rer Rechts­grund­la­ge auf­recht­erhal­ten blei­ben.

§ 29 Abs. 1 Nr. 3 AsylG schei­det als Rechts­grund­la­ge des ange­grif­fe­nen Beschei­des aus. Dabei bedarf die zwi­schen den Betei­lig­ten im Beru­fungs­ver­fah­ren umstrit­te­ne Fra­ge kei­ner Ent­schei­dung, ob – wie vom Beru­fungs­ge­richt bejaht – § 26a Abs. 1 Satz 3 Nr. 2 AsylG auch dann greift, wenn die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit erst nach der Ein­rei­se und der Antrag­stel­lung auf die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land über­ge­gan­gen ist, oder – so die Beklag­te – Fäl­le eines nach­träg­li­chen Zustän­dig­keits­über­gangs nicht erfasst sind. Denn auf eine Ein­rei­se aus der Repu­blik Polen, einem Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on, ist § 29 Abs. 1 Nr. 3 AsylG (i.V.m. § 26a Abs. 1 Satz 1 AsylG, Art. 16a Abs. 2 Satz 1 GG) nicht anwend­bar, weil "siche­rer Dritt­staat" in die­sem Sin­ne bei der gebo­te­nen uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung nur ein Staat sein kann, der nicht Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on ist 2. Hier­zu hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in die­sem Beschluss, der den Betei­lig­ten bekannt ist und an dem das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt fest­hält, aus­ge­führt:

"Zwar ist die Dritt­staa­ten­re­ge­lung des § 26a AsylG, an die § 29 Abs. 1 Nr. 3 AsylG anknüpft, wei­ter gefasst. Siche­re Dritt­staa­ten sind gemäß § 26a Abs. 2 AsylG, der Art. 16a Abs. 2 GG ent­spricht, näm­lich alle Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on sowie die in Anla­ge I zum Asyl­ge­setz bezeich­ne­ten Staa­ten, zu denen der­zeit nur Nor­we­gen und die Schweiz zäh­len. Die­ser wei­te Anwen­dungs­be­reich der deut­schen Dritt­staa­ten­re­ge­lung steht jedoch nicht im Ein­klang mit der Richt­li­nie 2013/​32/​EU. Er ist wegen des Anwen­dungs­vor­rangs des Uni­ons­rechts dahin ein­zu­schrän­ken, dass der Ver­weis auf einen siche­ren Dritt­staat jeden­falls bei der Ver­sa­gung inter­na­tio­na­len Schut­zes nur hin­sicht­lich der Staa­ten der Anla­ge I mög­lich ist. In Bezug auf die Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on darf hin­ge­gen von dem im natio­na­len Recht gere­gel­ten Kon­zept siche­rer Dritt­staa­ten kein Gebrauch gemacht wer­den. Die­se Vor­ga­be des Uni­ons­rechts ergibt sich aus Art. 33 Abs. 2 Richt­li­nie 2013/​32/​EU, der die Grün­de, aus denen die Mit­glied­staa­ten einen Antrag auf inter­na­tio­na­len Schutz als unzu­läs­sig betrach­ten dür­fen, abschlie­ßend auf­zählt. Danach kom­men als uni­ons­recht­li­che Grund­la­ge für eine natio­na­le Dritt­staa­ten­re­ge­lung Art. 33 Abs. 2 Buchst. b und c Richt­li­nie 2013/​32/​EU in Betracht. Die­se Vor­schrif­ten ver­wei­sen auf die in Art. 35 und 38 der Richt­li­nie gere­gel­ten Kon­zep­te des ers­ten Asyl­staats bzw. des siche­ren Dritt­staats, erklä­ren die­se jedoch jeweils nur in Bezug auf Staa­ten für anwend­bar, die kei­ne Mit­glied­staa­ten sind. Ob das Kon­zept des euro­päi­schen siche­ren Dritt­staats nach Art. 39 der Richt­li­nie eben­falls zu einer Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung berech­tigt, obwohl es in Art. 33 Abs. 2 der Richt­li­nie nicht genannt ist, kann das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt offen­las­sen. Denn auch die­ses Kon­zept zielt nicht auf die Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on, son­dern auf euro­päi­sche Staa­ten, die (noch) nicht deren Mit­glied sind 3. Kein ande­res Ergeb­nis ergä­be sich, wenn im vor­lie­gen­den Fall noch auf die Richt­li­nie 2005/​85/​EG des Rates vom 01.12 2005 über Min­dest­nor­men für Ver­fah­ren in den Mit­glied­staa­ten zur Zuer­ken­nung und Aberken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft abzu­stel­len sein soll­te. Die Anwen­dung der dort vor­ge­se­he­nen Kon­zep­te des siche­ren Dritt­staats und des ers­ten Asyl­staats war eben­falls auf Staa­ten beschränkt, die kei­ne Mit­glied­staa­ten sind (vgl. Art. 25 Abs. 2 Buchst. b und c Richt­li­nie 2005/​85/​EG).

Von die­ser Begren­zung auf Dritt­staa­ten im Sin­ne des Uni­ons­rechts ist wohl auch der deut­sche Gesetz­ge­ber bei Erlass des § 29 Abs. 1 Nr. 3 AsylG aus­ge­gan­gen, wenn­gleich er dies nicht durch eine Ände­rung von § 26a Abs. 2 AsylG zum Aus­druck gebracht hat. Denn aus den Mate­ria­li­en zu § 29 Abs. 1 Nr. 3 AsylG geht her­vor, dass mit Dritt­staa­ten im Sin­ne des § 29 Abs. 1 Nr. 3 AsylG nur sol­che Staa­ten gemeint sind, die durch Auf­nah­me in Anla­ge I des Asyl­ge­set­zes als siche­rer Dritt­staat ein­ge­stuft wor­den sind 4. Dies schließt die Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on aus, da die­se kei­ner Ein­tra­gung bedür­fen."

Die vom Bun­des­amt getrof­fe­ne Dritt­staa­ten­ent­schei­dung kann auch nicht in eine ande­re, nach § 29 Abs. 1 AsylG recht­mä­ßi­ge Ent­schei­dung umge­deu­tet wer­den.

Einer Umdeu­tung in einen Bescheid nach § 29 Abs. 1 Nr. 1 AsylG steht ent­ge­gen, dass die Beklag­te selbst aner­kannt hat, dass die Rege­lun­gen der VO (EG) Nr. 343/​2003 (Dub­lin II-VO) auf den vor­lie­gen­den Fall anwend­bar sind und hier zu einem Über­gang der Zustän­dig­keit auf die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land geführt haben. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hält die­se Rechts­an­wen­dung für zutref­fend und sieht kei­nen Anlass, hier­an zu zwei­feln. Ins­be­son­de­re erge­ben sich sol­che Zwei­fel nicht aus dem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 05.04.2017 5. Den Asyl­be­wer­be­rin­nen des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens ist kein inter­na­tio­na­ler Schutz gewährt wor­den, ihre Anträ­ge haben sie auch vor den in Art. 49 der Ver­ord­nung (EU) Nr. 604/​2013 (Dub­lin III-VO) genann­ten Stich­ta­gen und zudem vor dem Inkraft­tre­ten sowohl die­ser Ver­ord­nung als auch der Richt­li­nie 2013/​32/​EU des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 26.06.2013 zu gemein­sa­men Ver­fah­ren für die Zuer­ken­nung und Aberken­nung des inter­na­tio­na­len Schut­zes 6 gestellt.

In einen Bescheid nach § 29 Abs. 1 Nr. 2 AsylG kann der Bescheid nicht umge­deu­tet wer­den, weil schon des­sen Vor­aus­set­zung nicht erfüllt ist, dass den Asyl­be­wer­be­rin­nen in einem ande­ren Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on inter­na­tio­na­ler Schutz im Sin­ne des § 1 Abs. 1 Nr. 2 AsylG gewährt wor­den ist.

Dass ein sons­ti­ger Dritt­staat, der kein Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on ist, zur Wie­der­auf­nah­me der Asyl­be­wer­be­rin­nen bereit ist und daher eine Umdeu­tung in einen Bescheid nach § 29 Abs. 1 Nr. 4 AsylG in Betracht käme, ist nicht erkenn­bar und wird von den Betei­lig­ten auch nicht vor­ge­tra­gen.

In eine Ent­schei­dung nach § 29 Abs. 1 Nr. 5 AsylG kann der Bescheid schon des­we­gen nicht umge­deu­tet wer­den, weil es sich bei einer auf § 29 Abs. 1 Nr. 5 AsylG i.V.m. §§ 71, 71a AsylG gestütz­ten (Unzulässigkeits-)Entscheidung pro­zes­su­al um einen ande­ren Streit­ge­gen­stand mit für die Asyl­be­wer­be­rin­nen ungüns­ti­ge­ren Rechts­fol­gen han­del­te; denn sie hät­te zur Fol­ge, dass der (Folge/Zweit)-Antrag der Asyl­be­wer­be­rin­nen auch von kei­nem ande­ren Staat geprüft wür­de und die Asyl­be­wer­be­rin­nen grund­sätz­lich in jeden zu ihrer Auf­nah­me berei­ten Staat ein­schließ­lich ihres Her­kunfts­lands abge­scho­ben wer­den könn­ten 7. Dies aner­kennt letzt­lich auch der (neu­er­li­che) Bescheid der Beklag­ten vom 29.05.2017, in dem über­dies in erheb­li­chem Umfan­ge ent­schei­dungs­er­heb­li­che Tat­sa­chen her­an­ge­zo­gen wer­den, zu denen kei­ne tatrich­ter­li­chen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts getrof­fen wor­den sind. Eine Umdeu­tung ist zwar auch noch im Revi­si­ons­ver­fah­ren mög­lich, setzt aber u.a. vor­aus, dass die das Revi­si­ons­ge­richt bin­den­den tatrich­ter­li­chen Fest­stel­lun­gen aus­rei­chen 8.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 1. Juni 2017 – 1 C 9.17

  1. wie BVerwG, Beschluss vom 23.03.2017 – 1 C 17.16[]
  2. BVerwG, Beschluss vom 23.03.2017 – 1 C 17.16 13 ff.[]
  3. vgl. Vedsted-Han­sen, in: Hailbronner/​Thym, Hrsg., EU Immi­gra­ti­on and Asyl­um Law, Second Edi­ti­on 2016, Part D IV Art. 39 Rn. 3[]
  4. vgl. Gegen­äu­ße­rung der Bun­des­re­gie­rung zu der Stel­lung­nah­me des Bun­des­ra­tes, BT-Drs. 18/​8883 S. 7[]
  5. EuGH, Urteil vom 05.04.2017 – C‑36/​17, ECLI:EU:C:2017:273][]
  6. Neu­fas­sung, ABl. L 180 S. 60[]
  7. BVerwG, Urtei­le vom 16.11.2015 – 1 C 4.15, Buch­holz 451.902 Europ. Ausl.- u. Asyl­recht Nr. 78 Rn. 26 ff.; und vom 09.08.2016 – 1 C 6.16, BVerw­GE 156, 9 Rn. 21[]
  8. BVerwG, Urteil vom 16.11.2015 – 1 C 4.15, Buch­holz 451.902 Europ. Ausl.- u. Asyl­recht Nr. 78 Rn. 30[]