Aus­set­zung des Ver­fah­rens bei anhän­gi­gem Revi­si­ons­ver­fah­ren

Ein Ver­fah­ren kann in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 94 VwGO aus­ge­setzt wer­den, wenn die für das aus­set­zen­de Gericht ent­schei­dungs­er­heb­li­che Fra­ge der Ver­ein­bar­keit einer Norm mit Uni­ons­recht – hier die ein fak­ti­sches Sport­wet­ten­mo­no­pol begrün­den­den Rege­lun­gen des Glücks­spiel­staats­ver­tra­ges im Hin­blick auf die uni­ons­recht­lich gewähr­leis­te­te Nie­der­las­sungs- oder Dienst­leis­tungs­frei­heit – Gegen­stand eines Revi­si­ons­ver­fah­rens vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ist.

Aus­set­zung des Ver­fah­rens bei anhän­gi­gem Revi­si­ons­ver­fah­ren

Gemäß § 94 VwGO kann das Gericht, wenn die Ent­schei­dung des Rechts­streits ganz oder zum Teil von dem Bestehen oder Nicht­be­stehen eines Rechts­ver­hält­nis­ses abhängt, das den Gegen­stand eines ande­ren anhän­gi­gen Rechts­streits bil­det oder von einer Ver­wal­tungs­be­hör­de fest­zu­stel­len ist, anord­nen, dass die Ver­hand­lung bis zur Ent­schei­dung des ande­ren Rechts­streits oder bis zur Ent­schei­dung der Ver­wal­tungs­be­hör­de aus­zu­set­zen ist.

Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg hat in sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung die Aus­set­zung des Ver­fah­rens in ana­lo­ger Anwen­dung des § 94 VwGO im Hin­blick auf ent­schei­dungs­er­heb­li­che uni­ons­recht­li­che Fra­gen, die bereits Gegen­stand eines vom aus­set­zen­den oder einem ande­ren Ver­wal­tungs­ge­richt beim Euro­päi­schen Gerichts­hof anhän­gig gemach­ten Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens gemäß Art. 234 EG (jetzt Art. 267 AEUV) sind, für zuläs­sig erach­tet [1]. Eben­so kann ein Ver­fah­ren in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 94 VwGO aus­ge­setzt wer­den, wenn eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che Norm Gegen­stand eines Nor­men­kon­troll­ver­fah­rens oder einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist [2].

Ent­spre­chen­des hat wei­ter zu gel­ten, wenn die für das aus­set­zen­de Gericht ent­schei­dungs­er­heb­li­che Fra­ge der Ver­ein­bar­keit einer Norm mit Uni­ons­recht – hier die ein fak­ti­sches Sport­wet­ten­mo­no­pol begrün­den­den Rege­lun­gen des Glücks­spiel­staats­ver­tra­ges im Hin­blick auf die uni­ons­recht­lich gewähr­leis­te­te Nie­der­las­sungs- oder Dienst­leis­tungs­frei­heit – Gegen­stand eines Revi­si­ons­ver­fah­rens vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ist. Denn inso­weit gilt im Hin­blick auf den Jus­tiz­ge­währ­leis­tungs­an­spruch der Betrof­fe­nen, denen die unver­züg­li­che Ent­schei­dung im aus­ge­setz­ten Ver­fah­ren ver­sagt wird, für ein Nor­men­kon­troll- oder Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren sowie für ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nichts ande­res als für ein sol­ches vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt anhän­gi­ges Revi­si­ons­ver­fah­ren. Die unter­schied­li­che Wir­kung der zu erwar­ten­den Ent­schei­dun­gen ver­mag gera­de auch unter Berück­sich­ti­gung ver­fah­rens­öko­no­mi­scher Gesichts­punk­te [3] eine unter­schied­li­che Behand­lung bei der Fra­ge, ob ein Ver­fah­ren aus­zu­set­zen ist, nicht zu recht­fer­ti­gen [4]. Zwar ent­fal­tet die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts kei­ne for­ma­le All­ge­mein­ver­bind­lich­keit, doch kommt ihr fak­ti­sche Recht­spre­chungs­ge­wiss­heit zu.

Im Hin­blick dar­auf, dass das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in einem sport­wet­ten­recht­li­chen Ver­fah­ren die Revi­si­on wegen der grund­sätz­li­chen Bedeu­tung der Fra­gen, ob die Prü­fung der tat­säch­li­chen Aus­ge­stal­tung des staat­li­chen Sport­wet­ten­mo­no­pols hin­sicht­lich der Wer­bung am Maß­stab des uni­ons­recht­li­chen Kohä­renz­erfor­der­nis­ses bun­des­ein­heit­lich oder wegen der vom Grund­ge­setz gewähr­leis­te­ten Eigen­stän­dig­keit der Län­der (Art. 20 Abs. 1, Art. 79 Abs. 3 in Ver­bin­dung mit Art. 23 Abs. 1 Satz 3 GG) län­der­spe­zi­fisch zu erfol­gen hat, und ob die Ver­ein­bar­keit des staat­li­chen Sport­wet­ten­mo­no­pols mit dem uni­ons­recht­li­chen Kohä­renz­erfor­der­nis von einer Fol­gen­ab­schät­zung im Sin­ne einer Wan­der­be­we­gung hin zu libe­ra­ler gere­gel­ten ande­ren Glücks­spiel­be­rei­chen abhängt, zuge­las­sen hat [5], hält der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg bei Aus­übung sei­nes ihm gemäß § 94 VwGO zuste­hen­den Ermes­sens die Aus­set­zung des hier anhän­gi­gen Beru­fungs­ver­fah­rens auch für sach­dien­lich. Denn in die­sem Ver­fah­ren stellt sich eben­falls die Fra­ge der Ver­ein­bar­keit des durch die Rege­lun­gen des Glücks­spiel­staats­ver­tra­ges begrün­de­ten fak­ti­schen Sport­wet­ten­mo­no­pols mit den Arti­keln 49 ff. und 56 ff. AEUV, die ent­schei­dungs­er­heb­lich von der Beant­wor­tung der vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt auf­ge­wor­fe­nen grund­sätz­li­chen Fra­gen abhängt. Erheb­li­che Nach­tei­le ent­ste­hen den Betei­lig­ten durch die mit der Aus­set­zung des Ver­fah­rens ver­bun­de­ne zeit­li­che Ver­zö­ge­rung der Ent­schei­dung des Rechts­streits nicht, nach­dem die­se eben­falls eine rechts­grund­sätz­li­che Klä­rung der Gül­tig­keit des Sport­wet­ten­mo­no­pols anstre­ben und damit kei­ne rechts­kräf­ti­ge Ent­schei­dung des Rechts­streits vor einer Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts zu erwar­ten ist. Dar­über hin­aus hat sich der Beklag­te auch mit einem Ruhen des Ver­fah­rens ein­ver­stan­den erklärt und ist der Klä­ge­rin unter Berück­sich­ti­gung der Recht­spre­chung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­bergs, der in Ver­fah­ren des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes gegen Unter­sa­gungs­ver­fü­gun­gen mit Blick auf Art. 12 Abs. 1 GG und Art. 56, 49 AEUV dem Sus­pen­siv­in­ter­es­se des Ver­mitt­lers von Sport­wet­ten trotz feh­len­der Erlaub­nis nach § 4 Abs. 1 Satz 1 GlüStV grund­sätz­lich den Vor­rang vor dem behörd­li­chen Voll­zugs­in­ter­es­se ein­räumt, wenn er bis­lang sein Gewer­be bean­stan­dungs­frei aus­ge­übt hat [6], eine Aus­set­zung des Ver­fah­rens zumut­bar.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 21. März 2012 – 6 S 2325/​11

  1. VGH Bad.-Württ., Beschluss vom 21.10.2009 – 6 S 166/​09, VBlBW 2010, 124; Beschluss von 04.11.2009 – 6 S 829/​09, jew. m.w.N.[]
  2. Bam­ber­ger, in: Wysk, VwGO, § 94 Rdnr. 9 ff. m.w.N.[]
  3. vgl. dazu bereits VGH Bad.-Württ., Beschluss vom 11.04.2011 – 6 S 2495/​10[]
  4. vgl. Schmid, in: Sodan/​Ziekow, VwGO, 3. Aufl., § 94 RdNr. 25 f.; Kopp/​Schenke, VwGO, 17. Aufl., § 94 RdNr. 4a; wei­ter­ge­hend: BayVGH, Beschluss vom 22.09.2009 – 19 B 09.567; ande­rer Ansicht etwa: OVG NRW, Beschluss vom 15.01.2009 – 4 E 1358/​08, m.w.N.[]
  5. BVerwG, Beschluss vom 16.02.2012 – 8 B 91.11 (8 C 10.12) []
  6. vgl. VGH Bad.-Württ., Beschluss vom 31.08.2011 – 6 S 1695/​11, ZfWG 2011, 423[]