Behörd­li­che Scha­dens­er­satz­an­sprü­che und der Beginn der Verjährungsfrist

Auch nach Ein­füh­rung der Bestim­mung des § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB ist für den Beginn der Ver­jäh­rungs­frist bei delikts­recht­li­chen Ansprü­chen, die von Behör­den und juris­ti­schen Per­so­nen des öffent­li­chen Rechts mit arbeits­tei­li­ger Orga­ni­sa­ti­on (hier einem Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger) gel­tend gemacht wer­den, hin­sicht­lich der Beur­tei­lung einer grob fahr­läs­si­gen Unkennt­nis eben­so wie der posi­ti­ven Kennt­nis auf die Beschäf­tig­ten der Regress­ab­tei­lung, nicht der­je­ni­gen der Leis­tungs­ab­tei­lung abzustellen.

Behörd­li­che Scha­dens­er­satz­an­sprü­che und der Beginn der Verjährungsfrist

Da der Scha­den­er­satz­an­spruch, soweit er kon­gru­en­te Leis­tun­gen des Trä­gers der Sozi­al­ver­si­che­rung umfas­sen konn­te, bereits im Augen­blick sei­ner Ent­ste­hung mit dem Scha­dens­er­eig­nis gemäß § 116 Abs. 1 SGB X auf die Klä­ge­rin über­ge­gan­gen ist, ist auf deren Kennt­nis abzu­stel­len [1]. Nach den von der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs für die Anwen­dung des § 852 Abs. 1 BGB a.F. auf Behör­den und öffent­li­che Kör­per­schaf­ten ent­wi­ckel­ten Grund­sät­zen darf der Klä­ge­rin dabei nicht die Kennt­nis eines jeden Bediens­te­ten zuge­rech­net wer­den; es ist viel­mehr jeweils zu prü­fen, ob es sich bei dem Betref­fen­den um einen Wis­sens­ver­tre­ter han­delt. Das ist nach dem inso­weit her­an­zu­zie­hen­den Rechts­ge­dan­ken des § 166 Abs. 1 BGB dann der Fall, wenn der infor­mier­te Bediens­te­te vom Anspruchs­in­ha­ber mit der Erle­di­gung der betref­fen­den Ange­le­gen­heit, hier also mit der Gel­tend­ma­chung von Regress­an­sprü­chen gegen den Unfall­ver­ur­sa­cher, in eige­ner Ver­ant­wor­tung betraut wor­den ist [2]. Sind dabei inner­halb der regress­be­fug­ten Behör­de meh­re­re Stel­len für die Bear­bei­tung eines Scha­dens­falls zustän­dig, kommt es für den Beginn der Ver­jäh­rung grund­sätz­lich auf den Kennt­nis­stand der für die Vor­be­rei­tung und

Ver­fol­gung des Regress­an­spruchs zustän­di­gen Bediens­te­ten, d.h., bei Vor­han­den­sein meh­re­rer Abtei­lun­gen, auf den Kennt­nis­stand der Mit­ar­bei­ter der Regress­ab­tei­lung an [3]. Dass auch die Leis­tungs­ab­tei­lung mit dem Scha­dens­fall ver­ant­wort­lich befasst ist, soweit es um die an den Geschä­dig­ten zu erbrin­gen­den Leis­tun­gen geht, ist dem­ge­gen­über regel­mä­ßig ohne Belang, weil die­se in der Ver­ant­wor­tung der Leis­tungs­ab­tei­lung lie­gen­de Tätig­keit nicht auf die Ver­fol­gung von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen abzielt. Uner­läss­li­che Vor­aus­set­zung für eine Wis­sens­ver­tre­tung ist daher, dass der betref­fen­de Bediens­te­te eigen­ver­ant­wort­lich (zumin­dest) mit der Vor­be­rei­tung von Regress­an­sprü­chen betraut ist [4].

Ob die feh­len­de Kennt­nis der Regress­ab­tei­lung dar­auf beruht, dass sie sei­tens der Leis­tungs­ab­tei­lung nicht die ent­spre­chen­den Infor­ma­tio­nen erhal­ten hat, ist grund­sätz­lich uner­heb­lich. Die von der Recht­spre­chung zu § 166 BGB für den Bereich rechts­ge­schäft­li­chen Han­delns ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze zur Wis­sens­zu­rech­nung sind auf § 852 Abs. 1 BGB a.F. nicht anwend­bar [5].

BGH, Urteil vom 20. Okto­ber 2011 – III ZR 252/​10

  1. vgl. BGH, Urteil vom 25.06.1996 – VI ZR 117/​95, BGHZ 133, 129, 138; BGH, Urteil vom 09.03.2000 – III ZR 198/​99, NZV 2000, 255[]
  2. st. Rspr., vgl. z. B. BGH, Urtei­le vom 18.01.1994 – VI ZR 190/​93, NJW 1994, 1150, 1151, vom 25.06.1996, aaO S. 138 f; BGH, Urteil vom 09.03.2000, aaO, S. 256, sowie Urtei­le vom 28.11.2006 – VI ZR 196/​05, NJW 2007, 834, Rn. 5 und vom 15.03.2011 – VI ZR 162/​10, NZV 2011, 433, Rn. 14[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 11.02.1992 – VI ZR 133/​91, NJW 1992, 1755, 1756 sowie vom 28.11.2006 – VI ZR 196/​05, aaO[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 09.03.2000 – III ZR 198/​99, aaO, S. 256[]
  5. vgl. z.B. BGH, Urtei­le vom 25.06.1996 – VI ZR 117/​95, aaO, S. 139; vom 28.11.2006 – VI ZR 196/​05, aaO und vom 27.03.2001 – VI ZR 12/​00, BGH-Report 2001, 567, 569[]

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