Berück­sich­ti­gung von nach der Pfän­dung ein­ge­tre­te­nen Umstän­den im Rechts­be­helfs­ver­fah­ren

Bei der Über­prü­fung der Recht­mä­ßig­keit ein vom Finanz­amt aus­ge­brach­ten Pfän­dung – und des Bestehens eines Pfän­dungs­schut­zes – ist auf den Zeit­punkt der letz­ten Ver­wal­tungs­ent­schei­dung – d.h. den Erlass der Ein­spruchs­ent­schei­dung – abzu­stel­len.

Berück­sich­ti­gung von nach der Pfän­dung ein­ge­tre­te­nen Umstän­den im Rechts­be­helfs­ver­fah­ren

Unter Hin­weis auf die zivil­pro­zess­recht­li­che Lite­ra­tur 1 hat der BFH zu § 350 der Reichs­ab­ga­ben­ord­nung (RAO) ohne nähe­re Begrün­dung geur­teilt, dass es für die Fra­ge, ob ein Gegen­stand zur Fort­set­zung einer von § 811 Nr. 5 ZPO geschütz­ten Erwerbs­tä­tig­keit erfor­der­lich sei oder nicht, ent­schei­dend auf den Zeit­punkt der Pfän­dung ankom­me 2. Die­se Recht­spre­chung konn­te die Rege­lung in § 367 Abs. 2 Satz 1 AO, nach der die Finanz­be­hör­de, die über den Ein­spruch ent­schei­det, die Sache in vol­lem Umfang erneut zu prü­fen hat, noch nicht in den Blick neh­men, denn die­se auf § 248 Abs. 2 RAO zurück­ge­hen­de Rege­lung, die in § 228 RAO vom 13.12.1919 noch nicht ent­hal­ten war, ist erst durch § 162 Nr. 40 des Geset­zes vom 06.10.1965 3 in die RAO ein­ge­fügt wor­den. Die RAO 1919 und 1931 ent­hielt in § 228 RAO ledig­lich Bestim­mun­gen, nach denen die Rechts­mit­tel­be­hör­de nicht an die Anträ­ge des Rechts­mit­tel­füh­rers gebun­den war und die Ver­wal­tungs­ent­schei­dung auch zum Nach­teil des Rechts­mit­tel­füh­rers ändern konn­te.

Wäh­rend im zivil­pro­zess­recht­li­chen Schrift­tum kei­ne Einig­keit besteht, ent­spricht es herr­schen­der Mei­nung in der steu­er­recht­li­chen Lite­ra­tur, dass hin­sicht­lich der Beur­tei­lung eines nach § 811 Nr. 5 ZPO bestehen­den Pfän­dungs­schut­zes auf den Zeit­punkt der letz­ten Ver­wal­tungs­ent­schei­dung bzw. der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung abzu­stel­len ist 4. Zu Recht weist Mül­ler-Eiselt dar­auf hin, dass der Ein­wand der Unpfänd­bar­keit als Ein­wand gegen die Art und Wei­se der Zwangs­voll­stre­ckung bei einer Ver­wal­tungs­voll­stre­ckung nach der AO im Ein­spruchs­ver­fah­ren und im Rah­men eines finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens nach den in die­sen Rechts­be­helfs­ver­fah­ren übli­chen Regeln gel­tend gemacht wer­den kann, nach denen es den Betei­lig­ten nicht ver­wehrt ist, neue Tat­sa­chen vor­zu­brin­gen. Obgleich die über­wie­gen­de Mei­nung in der zivil­pro­zess­recht­li­chen Lite­ra­tur davon aus­geht, dass im Rah­men der Recht­mä­ßig­keits­prü­fung einer Pfän­dung auf den Zeit­punkt der Pfän­dung abzu­stel­len ist 5, meh­ren sich die Stim­men, die sich für eine Berück­sich­ti­gung nach­träg­lich ein­ge­tre­te­ner Umstän­de aus­spre­chen. Nach Münz­berg ist eine nach § 766 ZPO ein­ge­leg­te Erin­ne­rung begrün­det, wenn der Schuld­ner den Nach­weis füh­ren kann, dass die nach­träg­li­che Unpfänd­bar­keit nicht miss­bräuch­lich her­bei­ge­führt wor­den ist 6.

Die unbe­se­he­ne Über­nah­me des in der zivil­pro­zess­recht­li­chen Lite­ra­tur ver­tre­te­nen Grund­sat­zes, nach dem nach der Pfän­dung ein­tre­ten­de Umstän­de die Recht­mä­ßig­keit der Pfän­dung unbe­rührt las­sen, führ­te zu einem Ergeb­nis, das mit dem steu­er­recht­li­chen Ver­fah­rens­recht nicht in Ein­klang zu brin­gen ist. Denn nach § 367 Abs. 2 Satz 1 AO ist die zur Ent­schei­dung über den Ein­spruch beru­fe­ne Finanz­be­hör­de ver­pflich­tet, inzwi­schen ein­ge­tre­te­ne Ände­run­gen der Sach- und Rechts­la­ge zu berück­sich­ti­gen und gege­be­nen­falls eine neue Ermes­sens­ent­schei­dung zu tref­fen 7. Dies muss auch für die Über­prü­fung der Recht­mä­ßig­keit einer Pfän­dung gel­ten. Allein die Befürch­tung, der Voll­stre­ckungs­schuld­ner kön­ne durch Mani­pu­la­tio­nen den gepfän­de­ten Gegen­stand zurück­er­lan­gen oder ver­äu­ßern, lie­fert kei­ne über­zeu­gen­de Begrün­dung für eine Ver­kür­zung des Rechts­schut­zes und für eine Ein­schrän­kung des nach § 367 Abs. 2 Satz 1 AO vor­ge­ge­be­nen Prü­fungs­um­fangs. Offen­sicht­li­chen Miss­brauchs­fäl­len kann durch Anwen­dung des § 42 AO begeg­net wer­den.

Dar­über hin­aus ist zu berück­sich­ti­gen, dass die in § 811 ZPO getrof­fe­nen Rege­lun­gen nicht nur dem Schutz des Schuld­ners vor Grund­rechts­ver­let­zun­gen (Art. 1 und 2 GG), son­dern auch dem Schutz der All­ge­mein­heit die­nen. Der in § 811 ZPO ange­ord­ne­te Pfän­dungs­schutz dient der Kon­kre­ti­sie­rung des Sozi­al­staats­prin­zips (Art. 20, 28 GG), denn er will eine Befrie­di­gung des Gläu­bi­gers zu Las­ten öffent­li­cher Mit­tel ver­hin­dern 8. Die sozi­al­po­li­ti­sche Zweck­set­zung wür­de jedoch ver­fehlt, wenn nach der Pfän­dung ein­ge­tre­te­ne Umstän­de, die eine Unpfänd­bar­keit begrün­den und z.B. dem Schuld­ner die Auf­nah­me einer Erwerbs­tä­tig­keit ermög­li­chen, die eine Inan­spruch­nah­me staat­li­cher Leis­tun­gen ent­behr­lich macht, in einem Rechts­be­helfs­ver­fah­ren kei­ne Berück­sich­ti­gung mehr fin­den könn­ten.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 3. August 2012 – VII B 40/​11

  1. Stein/​Jonas/​Schönke, Kom­men­tar zur Zivil­pro­zess­ord­nung, 17. Aufl., § 811 Anm. II, 4[]
  2. BFH, Urteil in BFHE 58, 21, BSt­Bl III 1953, 299, bestä­tigt durch BFH, Beschluss in BFHE 65, 351, BSt­Bl III 1957, 365[]
  3. BGBl I 1965, 1477, 1503[]
  4. Mül­ler-Eiselt in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 295 AO Rz 21; Wie­se in Beermann/​Gosch, AO § 295 Rz 5; Kru­se in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 295 AO Rz 11; Klein/​Brockmeyer, AO, 11. Aufl., § 295 Rz 4, sowie Pahlke/​Koenig/​Fritsch, Abga­ben­ord­nung, 2. Aufl., § 295 Rz 3; a.A. Diß­ars in Schwarz, AO, § 295 Rz 3[]
  5. Thomas/​Putzo, Zivil­pro­zess­ord­nung, 33. Aufl., § 811 Rz 3a; Zöller/​Stöber, ZPO, 29. Aufl., § 811 Rz 9, sowie Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, Zivil­pro­zess­ord­nung, 70. Aufl., § 811, Rz 13[]
  6. Stein/​Jonas/​Münzberg, ZPO, 22. Aufl., § 811 Rz 17; ähn­lich Prütting/​Gehrlein/​Flury, ZPO, 4. Aufl., § 811 Rz 8, und MünchKommZPO/​Gruber, 33. Aufl., § 811 Rz 19[]
  7. BFH, Urteil vom 26.08.2010 – III R 16/​08, BFHE 232, 12, BFH/​NV 2011, 668[]
  8. Münch­Komm-ZPO/Gru­ber, a.a.O., § 811 Rz 19 und Prütting/​Gehrlein/​Flury, a.a.O., § 811 Rz 8[]