Beru­fungs­sum­me, Beru­fungs­ver­wer­fung – und die Gegen­vor­stel­lung

Wen­det sich der Rechts­mit­tel­füh­rer mit einer Gegen­vor­stel­lung gegen die Fest­set­zung des Werts des Beschwer­de­ge­gen­stands durch das Beru­fungs­ge­richt auf einen 600 € nicht über­stei­gen­den Wert und trägt er Umstän­de vor, die eine Neu­be­wer­tung der Beschwer recht­fer­ti­gen, muss die Ent­schei­dung des Beru­fungs­ge­richts, mit der es die Beru­fung wegen Nicht­er­rei­chens der Wert­gren­ze als unzu­läs­sig ver­wirft, nach­voll­zieh­bar erken­nen las­sen, war­um es an sei­ner Bewer­tung fest­hält.

Beru­fungs­sum­me, Beru­fungs­ver­wer­fung – und die Gegen­vor­stel­lung

Andern­falls ver­letzt der die Beru­fung als unzu­läs­sig ver­wer­fen­de Beschluss des Beru­fungs­ge­richts das Recht des Beru­fungs­klä­gers auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) und sein Ver­fah­rens­grund­recht auf Gewäh­rung wir­kungs­vol­len Rechts­schut­zes (Art. 2 Abs. 1, 19 Abs. 4 GG). Die vom Beru­fungs­ge­richt gestell­ten Anfor­de­run­gen erschwe­ren andern­falls dem Beru­fungs­klä­ger den Zugang zu der an sich gege­be­nen Beru­fung in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se. Dies führt zur Zuläs­sig­keit der Rechts­be­schwer­de 1.

Das Beru­fungs­ge­richt ist im vor­lie­gen­den Fall im Ansatz zutref­fend von der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs aus­ge­gan­gen, nach der sich der gemäß §§ 2, 3 ZPO nach frei­em Ermes­sen fest­zu­set­zen­de Wert des Beschwer­de­ge­gen­stands im Fall der Ein­le­gung der Beru­fung der zur Aus­kunfts­er­tei­lung ver­ur­teil­ten Per­son nach ihrem Inter­es­se bemisst, die Aus­kunft nicht ertei­len zu müs­sen. Dabei ist im Wesent­li­chen dar­auf abzu­stel­len, wel­chen Auf­wand an Zeit und Kos­ten die Ertei­lung der Aus­kunft erfor­dert und ob die ver­ur­teil­te Par­tei ein schüt­zens­wer­tes Inter­es­se dar­an hat, bestimm­te Tat­sa­chen vor dem Geg­ner geheim zu hal­ten 2.

Das Rechts­be­schwer­de­ge­richt kann die Bemes­sung der Beschwer dar­auf über­prü­fen, ob das Beru­fungs­ge­richt von dem ihm gemäß § 3 ZPO ein­ge­räum­ten Ermes­sen rechts­feh­ler­frei Gebrauch gemacht hat. Die Bemes­sung der Beschwer ist rechts­feh­ler­haft, wenn das Gericht bei der Bewer­tung des Beschwer­de­ge­gen­stands maß­geb­li­che Tat­sa­chen ver­fah­rens­feh­ler­haft nicht berück­sich­tigt oder erheb­li­che Tat­sa­chen unter Ver­stoß gegen sei­ne Auf­klä­rungs­pflicht gemäß § 139 ZPO nicht fest­ge­stellt hat 3. Ein sol­cher Fall liegt hier vor. Der ange­foch­te­ne Beschluss lässt nicht erken­nen, auf wel­cher Tat­sa­chen­grund­la­ge das Beru­fungs­ge­richt das ihm gemäß § 3 ZPO ein­ge­räum­te Ermes­sen bei der Ermitt­lung der Beschwer des Beklag­ten aus­ge­übt hat.

Das Beru­fungs­ge­richt ist davon aus­ge­gan­gen, dass der Beklag­te infol­ge sei­ner psy­chi­schen Erkran­kung außer Stan­de ist, die ihm auf­er­leg­ten Aus­kunfts- und Rech­nungs­le­gungs­pflich­ten selbst zu erfül­len, so dass er hier­für frem­de Hil­fe in Anspruch neh­men muss. Für die Ermitt­lung der Beschwer des­Be­klag­ten ist des­halb dar­auf abzu­stel­len, wel­che Kos­ten ihm durch die Inan­spruch­nah­me frem­der Hil­fe bei der Erfül­lung der ihm auf­er­leg­ten Aus­kunfts- und Rech­nungs­le­gungs­ver­pflich­tung ent­ste­hen.

Nicht zu bean­stan­den ist die Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts, dass der Beklag­te kei­nen Rechts­an­walt oder Wirt­schafts­prü­fer ein­schal­ten muss, um die Ver­pflich­tung aus dem land­ge­richt­li­chen Urteil zu erfül­len. Der Beklag­te war als Kom­mis­sio­när der Klä­ge­rin tätig und hat über die ihm anver­trau­te Kom­mis­si­ons­wa­re Aus­kunft zu ertei­len und Rech­nung zu legen. Dies erfor­dert nicht das Spe­zi­al­wis­sen eines Rechts­an­walts oder Wirt­schafts­prü­fers. Viel­mehr reicht die Ein­schal­tung einer Per­son aus, die Erfah­rung mit der Aus­füh­rung von Buch­hal­tungs­tä­tig­kei­ten hat.

Die Rechts­be­schwer­de wen­det sich jedoch mit Recht dage­gen, dass das Beru­fungs­ge­richt den Wert der Beschwer des Beklag­ten mit nicht mehr als 500 € bewer­tet hat. Das Beru­fungs­ge­richt hat die für die Wert­be­mes­sung erfor­der­li­chen Grund­la­gen nicht rechts­feh­ler­frei fest­ge­stellt, so dass sich die­se nicht nach­voll­zie­hen las­sen.

Das Beru­fungs­ge­richt hat bei der Fest­set­zung des Streit­werts auf 500 € mit Beschluss vom 09.02.2011 dar­auf abge­stellt, dass der Beklag­te die geschul­de­te Aus­kunft und Rech­nungs­le­gung selbst und im lau­fen­den Geschäfts­be­trieb erbrin­gen kann. Die dage­gen gerich­te­te Gegen­vor­stel­lung des Beklag­ten, mit der die­ser auf sei­ne psy­chi­sche Erkran­kung und das Erfor­der­nis frem­der Hil­fe hin­ge­wie­sen hat, hat das Beru­fungs­ge­richt mit Beschluss vom 18.02.2011 zurück­ge­wie­sen, ohne dabei nach­voll­zieh­bar zu begrün­den, war­um die­ser bei sei­nem Streit­wert­be­schluss vom 09.02.2011 noch nicht bekannt gewe­se­ne Sach­ver­halt an der Streit­wert­fest­set­zung nichts änder­te. Das Beru­fungs­ge­richt hat auch nach dem wei­te­ren Vor­trag des Beklag­ten nach Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens über sein Ver­mö­gen, sei­ne Geschäfts­un­ter­la­gen befän­den sich unsor­tiert in meh­re­ren Umzugs­kar­tons, kei­ne Ver­an­las­sung gese­hen, sei­ner die Beru­fung ver­wer­fen­den Ent­schei­dung einen ande­ren Beschwer­de­wert als 500 € zugrun­de zu legen.

Für die Wert­be­mes­sung bei der Erfül­lung einer Aus­kunfts­pflicht durch die ver­ur­teil­te Par­tei selbst sind die Vor­schrif­ten des Jus­tiz­ver­gü­tungs- und Ent­schä­di­gungs­ge­set­zes (JVEG) her­an­zu­zie­hen 4. Muss sich die Par­tei bei der Aus­kunfts­er­tei­lung und Rech­nungs­le­gung frem­der Hil­fe bedie­nen, ist dage­gen auf die Kos­ten abzu­stel­len, die die Ein­schal­tung einer Hilfs­per­son ver­ur­sacht.

Die Aus­füh­run­gen des Beru­fungs­ge­richts dazu, dass die Eigen­leis­tung des Beklag­ten bei lau­fen­dem Geschäfts­be­trieb mit 500 € zu bemes­sen sei, kön­nen ange­sichts der mode­ra­ten Ver­gü­tungs­sät­ze des JVEG noch als ange­mes­sen ange­se­hen wer­den. Es hät­te jedoch einer nach­voll­zieh­ba­ren Berech­nung des erfor­der­li­chen Kos­ten­auf­wands bedurft, den der Beklag­te zum Zeit­punkt der Ein­le­gung der Beru­fung für die Aus­kunfts­er­tei­lung und Rech­nungs­le­gung unter Inan­spruch­nah­me frem­der Hil­fe gehabt hät­te. Ver­an­las­sung hier­zu bestand des­halb, weil der Beklag­te sei­ne Geschäfts­tä­tig­keit ein­ge­stellt und sich wegen sei­ner psy­chi­schen Erkran­kung zumin­dest vor­über­ge­hend in sta­tio­nä­rer oder teil­sta­tio­nä­rer Behand­lung befun­den hat­te. Da das Beru­fungs­ge­richt eine sol­che Berech­nung nicht ange­stellt hat, ist die Bemes­sung des Werts des Beschwer­de­ge­gen­stands nach wie vor nur auf 500 € nicht nach­voll­zieh­bar. Der Hin­weis, die Fest­set­zung des Werts des Beschwer­de­ge­gen­stands ent­spre­che der Ver­fah­rens­wei­se des Beru­fungs­ge­richts in allen ver­gleich­ba­ren Fäl­len, reicht in Anbe­tracht der Beson­der­hei­ten des vor­lie­gen­den Sach­ver­halts nicht aus.

Danach ist der ange­foch­te­ne Beschluss des Beru­fungs­ge­richts auf­zu­he­ben und die Sache, die nicht zur End­ent­schei­dung reif ist, an die Vor­in­stanz zurück­zu­ver­wei­sen (§ 577 Abs. 4 Satz 1 ZPO).

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. Novem­ber 2014 – I ZB 31/​14

  1. vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 07.11.2013 2 BvR 1895/​11 14 mwN; BGH, Beschluss vom 10.05.2012 – V ZB 242/​11, ZMR 2012, 796, 797; Beschluss vom 23.01.2013 XII ZB 167/​11, Fam­RZ 2013, 1117 Rn. 4; Beschluss vom 25.09.2013 – XII ZB 200/​13, MDR 2013, 1362 Rn. 4; Beschluss vom 17.10.2013 – V ZB 28/​13 5[]
  2. vgl. nur BGH, Beschluss vom 24.11.1994 – GSZ 1/​94, BGHZ 128, 85, 87; Beschluss vom 10.03.2010 – IV ZR 255/​08, Fam­RZ 2010, 891 Rn. 6; Beschluss vom 22.03.2010 – II ZR 75/​09, WM 2010, 998 Rn. 2; Beschluss vom 09.11.2011 – IV ZB 23/​10, Fam­RZ 2012, 216 Rn. 13; Beschluss vom 09.02.2012 – III ZB 55/​11, ZEV 2012, 270 Rn. 7; Beschluss vom 13.03.2014 – I ZB 60/​13, GRUR 2014, 908 Rn. 7 = NJW-RR 2014, 1210[]
  3. BGH, Beschluss vom 26.10.2011 XII ZB 465/​11, NJW 2011, 3790 Rn. 17; BGH, ZEV 2012, 270 Rn. 8; BGH, ZMR 2012, 796 Rn. 8; BGH, Beschluss vom 24.07.2012 – II ZB 18/​11 4[]
  4. BGH, Fam­RZ 2010, 891 Rn. 6; BGH, Beschluss vom 23.03.2011 – XII ZB 436/​10, MDR 2011, 623 Rn. 10; Beschluss vom 27.02.2013 – IV ZR 42/​11, ErbR 2013, 154 Rn. 14; Beschluss vom 29.07.2014 – IV ZB 37/​13 6[]