Das abge­lehn­te Beru­fungs­man­dat – und die Rechts­an­walts­ver­gü­tung

Lehnt der Rechts­an­walt auf­grund der von ihm auf­trags­ge­mäß vor­zu­neh­men­den, inhalt­lich zutref­fen­den Rechts­prü­fung die Begrün­dung einer Beru­fung, die nach Kün­di­gung des Man­dats durch den Man­dan­ten von einem ande­ren Anwalt vor­ge­nom­men wird, ab, ver­liert er nicht sei­nen Ver­gü­tungs­an­spruch.

Das abge­lehn­te Beru­fungs­man­dat – und die Rechts­an­walts­ver­gü­tung

Dem Rechts­an­walt ste­hen die Gebüh­ren für die Ver­tre­tung im Beru­fungs­rechts­zug gemäß § 628 Abs. 1 Satz 1 BGB zu. Ein Fort­fall des Ver­gü­tungs­an­spruchs nach § 628 Abs. 1 Satz 2 BGB schei­det aus.

Die Bestim­mung des § 628 Abs. 1 BGB regelt die Fra­ge, in wel­chem Umfang dem Anwalt nach der außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung gemäß § 627 BGB Hono­rar­an­sprü­che gegen sei­nen Man­dan­ten zuste­hen. Danach kann der Dienst­ver­pflich­te­te grund­sätz­lich einen sei­nen bis­he­ri­gen Leis­tun­gen ent­spre­chen­den Teil der Ver­gü­tung ver­lan­gen (§ 628 Abs. 1 Satz 1 BGB). Dies wür­de hier bedeu­ten, dass dem Rechts­an­walt die bereits mit der Beru­fungs­ein­le­gung ange­fal­le­nen Gebüh­ren in vol­ler Höhe ver­blie­ben (§§ 2, 13 RVG, Nr. 3200 VV-RVG). Hat der Dienst­ver­pflich­te­te aber durch ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten die Kün­di­gung des Auf­trag­ge­bers ver­an­lasst, so steht ihm nach der Vor­schrift des § 628 Abs. 1 Satz 2 Fall 2 BGB, die durch das Rechts­an­walts­ver­gü­tungs­ge­setz nicht aus­ge­schlos­sen wird 1, ein Anspruch auf die Ver­gü­tung nicht zu, soweit sei­ne bis­he­ri­gen Leis­tun­gen infol­ge der Kün­di­gung für den ande­ren Teil kein Inter­es­se mehr haben. Die Vor­aus­set­zun­gen die­ser Ein­wen­dung hat der Auf­trag­ge­ber dar­zu­le­gen und zu bewei­sen 2.

Ein ver­trags­wid­ri­ges, die Kün­di­gung des Ver­trags­part­ners ver­an­las­sen­des Ver­hal­ten im Sin­ne des § 628 Abs. 1 Satz 2 BGB setzt eine schuld­haf­te Ver­let­zung einer Ver­trags­pflicht vor­aus 3.

Im vor­lie­gen­den Fall ist dem Rechts­an­walt eine sol­che Ver­trags­ver­let­zung nicht vor­zu­wer­fen: Der Hin­weis auf die feh­len­den Erfolgs­aus­sich­ten des Rechts­mit­tels und die dar­an anknüp­fen­de Emp­feh­lung, das Rechts­mit­tel zurück­zu­neh­men, sind nicht zu bean­stan­den. Der Hin­weis ent­sprach der Pro­zess­la­ge und die Emp­feh­lung dien­te der Kos­ten­min­de­rung im Inter­es­se des Man­dan­ten. Hier­mit kam der Rechts­an­walt sei­nen man­dats­be­zo­ge­nen Ver­pflich­tun­gen nach, zumal er einen aus­drück­li­chen Prüf­auf­trag erhal­ten hat­te 4. Der Anwalt hat von der Durch­füh­rung eines erfolg­lo­sen Rechts­mit­tels eben­so abzu­ra­ten, wie von der Füh­rung eines von vor­ne­her­ein aus­sichts­lo­sen Rechts­streits 5.

Nicht gefolgt wird vom Bun­des­ge­richts­hof der Auf­fas­sung, der Anwalt habe die Kün­di­gung des Man­dats ver­trags­wid­rig pro­vo­ziert. Nach dem hier erteil­ten Man­dat waren die Erfolgs­aus­sich­ten des Rechts­mit­tels ergeb­nis­of­fen zu prü­fen. Aus­weis­lich der Fest­stel­lun­gen wur­de der Anwalt aus­drück­lich damit beauf­tragt, die Erfolgs­aus­sich­ten des Rechts­mit­tels zu prü­fen. Dass das Man­dat mit der Maß­ga­be erteilt wur­de, unab­hän­gig vom Aus­gang die­ser Prü­fung das Rechts­mit­tel auf jeden Fall durch­zu­füh­ren, wur­de nicht fest­ge­stellt. Anhalts­punk­te hier­für sind auch nicht ersicht­lich. Nach dem Grund­satz der Ver­mu­tung bera­tungs­kon­for­men Ver­hal­tens konn­te daher der Rechts­an­walt bei Man­dats­er­tei­lung davon aus­ge­hen, der Man­dant wer­de bei inhalt­lich zutref­fen­der Rechts­prü­fung den sich hier­aus erge­ben­den Emp­feh­lun­gen auch fol­gen. Dies bedeu­tet hier, dass der Anwalt anneh­men konn­te, er wer­de nicht wider bes­se­re Über­zeu­gung eine aus­sichts­lo­se Beru­fung begrün­den müs­sen. Für einen Rechts­an­walt ist dies ins­be­son­de­re im Hin­blick auf sein Selbst­ver­ständ­nis als unab­hän­gi­ges Organ der Rechts­pfle­ge und auf sein Anse­hen in der Öffent­lich­keit auch nicht zumut­bar 6.

Sei­ne Ableh­nung, auf­grund der von ihm auf­trags­ge­mäß vor­ge­nom­me­nen und inhalt­lich zutref­fen­den Rechts­prü­fung die Beru­fung durch­zu­füh­ren, führt daher nicht zum Ver­lust sei­nes Ver­gü­tungs­an­spruchs.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. Sep­tem­ber 2013 – IX ZR 51/​13

  1. BGH, Urteil vom 29.09.2011 – IX ZR 170/​10, WM 2011, 2110 Rn. 13; vgl. fer­ner BGH, Urteil vom 07.10.1976 – III ZR 110/​74, WM 1977, 369, 371; vom 08.10.1981 – III ZR 190/​79, NJW 1982, 437, 438 jeweils zur BRAGO[]
  2. BGH, Urteil vom 08.10.1981, aaO; vom 30.03.1995 – IX ZR 182/​94, WM 1995, 1288, 1289; vom 29.03.2011 – VI ZR 133/​10, NJW 2011, 1674 Rn. 12[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 07.10.1976, aaO; vom 08.10.1981, aaO; vom 07.06.1984 – III ZR 37/​83, NJW 1985, 41; vom 30.03.1995, aaO; vom 29.03.2011, aaO Rn. 13; Münch­Komm-BGB/Henssler, 6. Aufl., § 628 Rn. 17[]
  4. vgl. Vill in Zugehör/​G. Fischer/​Vill/​D. Fischer/​Rinkler/​Chab, Hand­buch der Anwalts­haf­tung, 3. Aufl., Rn. 704[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 18.04.1958 – IV ZB 44/​58, MDR 1958, 496, 497; Urteil vom 17.04.1986 – IX ZR 200/​85, BGHZ 97, 372, 376; Vollkommer/​Greger/​Heinemann, Anwalts­haf­tungs­recht, 3. Aufl., § 14 Rn. 9[]
  6. vgl. OLG Karls­ru­he, NJW-RR 1994, 1084, 1085; Fah­ren­dorf in Fahrendorf/​Mennemeyer/​Terbille, Die Haf­tung des Rechts­an­walts, 8. Aufl., Rn. 613; Vollkommer/​Greger/​Heinemann, aaO, Rn. 10; Zugehör/​Vill, aaO[]