Der EuGH als gesetz­li­cher Rich­ter

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof ist gesetz­li­cher Rich­ter im Sin­ne von Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG. Das natio­na­le Gericht ist unter den Vor­aus­set­zun­gen des Art. 267 Abs. 3 AEUV von Amts wegen gehal­ten, den Gerichts­hof anzu­ru­fen [1].

Der EuGH als gesetz­li­cher Rich­ter

Nach der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs muss ein natio­na­les letzt­in­stanz­li­ches Gericht gemäß Art. 267 Abs. 3 AEUV sei­ner Vor­la­ge­pflicht nach­kom­men, wenn sich in einem bei ihm schwe­ben­den Ver­fah­ren eine Fra­ge des Uni­ons­rechts stellt, es sei denn, das Gericht hat fest­ge­stellt, „dass die gestell­te Fra­ge nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich ist, dass die betref­fen­de gemein­schafts­recht­li­che Fra­ge bereits Gegen­stand einer Aus­le­gung durch den Gerichts­hof war oder dass die rich­ti­ge Anwen­dung des Gemein­schafts­rechts der­art offen­kun­dig ist, dass für einen ver­nünf­ti­gen Zwei­fel kei­ner­lei Raum bleibt“. Ein natio­na­les Gericht darf einen ver­nünf­ti­gen Zwei­fel an der Ent­schei­dung der gestell­ten Fra­ge nur ver­nei­nen, wenn es über­zeugt ist, dass auch für die Gerich­te der übri­gen Mit­glied­staa­ten und den Gerichts­hof die glei­che Gewiss­heit bestün­de [2].

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts stellt aller­dings nicht jede Ver­let­zung der uni­ons­recht­li­chen Vor­la­ge­pflicht zugleich einen Ver­stoß gegen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG dar. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt über­prüft nur, ob die Aus­le­gung und Anwen­dung der Zustän­dig­keits­re­gel des Art. 267 Abs. 3 AEUV bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung nicht mehr ver­ständ­lich erschei­nen und offen­sicht­lich unhalt­bar sind [3].

Die Vor­la­ge­pflicht nach Art. 267 Abs. 3 AEUV wird ins­be­son­de­re in den Fäl­len offen­sicht­lich unhalt­bar gehand­habt, in denen ein letzt­in­stanz­li­ches Haupt­sa­che­ge­richt eine Vor­la­ge trotz der – sei­ner Auf­fas­sung nach bestehen­den – Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der uni­ons­recht­li­chen Fra­ge über­haupt nicht in Erwä­gung zieht, obwohl es selbst Zwei­fel hin­sicht­lich der rich­ti­gen Beant­wor­tung der Fra­ge hegt (grund­sätz­li­che Ver­ken­nung der Vor­la­ge­pflicht). Glei­ches gilt in den Fäl­len, in denen das letzt­in­stanz­li­che Haupt­sa­che­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung bewusst von der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs zu ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­gen abweicht und gleich­wohl nicht oder nicht neu­er­lich vor­legt (bewuss­tes Abwei­chen ohne Vor­la­ge­be­reit­schaft). Liegt zu einer ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­ge des Uni­ons­rechts ein­schlä­gi­ge Recht­spre­chung des Gerichts­hofs noch nicht vor oder hat eine vor­lie­gen­de Recht­spre­chung die ent­schei­dungs­er­heb­li­che Fra­ge mög­li­cher­wei­se noch nicht erschöp­fend beant­wor­tet oder erscheint eine Fort­ent­wick­lung der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs nicht nur als ent­fern­te Mög­lich­keit, wird Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG nur ver­letzt, wenn das letzt­in­stanz­li­che Haupt­sa­che­ge­richt den ihm in sol­chen Fäl­len not­wen­dig zukom­men­den Beur­tei­lungs­rah­men in unver­tret­ba­rer Wei­se über­schrit­ten hat (Unvoll­stän­dig­keit der Recht­spre­chung [4]).

Dabei kommt es für die Fra­ge nach einer Ver­let­zung des Rechts auf den gesetz­li­chen Rich­ter gemäß Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG durch Nicht­vor­la­ge an den Euro­päi­schen Gerichts­hof im Aus­gangs­punkt nicht in ers­ter Linie auf die Ver­tret­bar­keit der fach­ge­richt­li­chen Aus­le­gung des für den Streit­fall maß­geb­li­chen mate­ri­el­len Uni­ons­rechts an, son­dern auf die Beach­tung oder Ver­ken­nung der Vor­aus­set­zun­gen der Vor­la­ge­pflicht nach der Vor­schrift des Art. 267 Abs. 3 AEUV, die den gesetz­li­chen Rich­ter im Streit­fall bestimmt [5].

Bezo­gen auf die­se für die Anwen­dung des Art. 267 Abs. 3 AEUV maß­geb­li­chen Grund­sät­ze wird ein letzt­in­stanz­li­ches natio­na­les Gericht, das von einem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen absieht, dem Recht der Pro­zess­par­tei­en auf den gesetz­li­chen Rich­ter gemäß Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG in der Regel nur dann gerecht, wenn es nach Aus­wer­tung der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Bestim­mun­gen des Uni­ons­rechts eine ver­tret­ba­re Begrün­dung dafür gibt, dass die maß­geb­li­che Rechts­fra­ge durch den Euro­päi­schen Gerichts­hof bereits ent­schie­den ist oder dass die rich­ti­ge Ant­wort auf die­se Rechts­fra­ge offen­kun­dig ist [6].

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 7. Juni 2011 – 1 BvR 2109/​09

  1. vgl. BVerfGE 82, 159, 192 f.[]
  2. vgl. EuGH, Urteil vom 06.10.1982 – Rs 283/​81 C.I.L.F.I.T., amtl. Slg. 1982, S. 3415, 3430 f., NJW 1983, 1257[]
  3. vgl. BVerfGE 82, 159, 194; BVerfGK 8, 401, 404; BVerfG, Beschluss vom 06.07.2010 – 2 BvR 2661/​06, NJW 2010, 3422, 3427[]
  4. vgl. zum Gan­zen BVerfGE 82, 159, 195 f.; BVerfG, Beschluss vom 06.07.2010 – 2 BvR 2661/​06, NJW 2010, 3422, 3427; Beschluss vom 25.02.2010 – 1 BvR 230/​09, NJW 2010, 1268, 1269[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 25.01.2011 – 1 BvR 1741/​09, NJW 2011, 1427, 1431, Rn. 104[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 25.02.2010 – 1 BvR 230/​09, NJW 2010, 1268, 1269[]