Der über­gan­ge­ne Beweis­an­trag – Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de und der Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät

Mit dem Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät im Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren hat sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof befasst:

Der über­gan­ge­ne Beweis­an­trag – Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de und der Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät

Nach die­sem Grund­satz muss ein Betei­lig­ter die nach Lage der Sache gege­be­nen pro­zes­sua­len Mög­lich­kei­ten aus­schöp­fen, um eine Kor­rek­tur der gel­tend gemach­ten Grund­rechts­ver­let­zung (hier: Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör, Art. 103 Abs. 1 GG wegen eines über­gan­ge­nen Beweis­an­trags) zu erwir­ken oder eine Grund­rechts­ver­let­zung zu ver­hin­dern 1.

Einen Ver­stoß gegen den Anspruch auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) kann nicht gel­tend machen, wer es ver­säumt hat, zuvor die nach Lage der Sache gege­be­nen pro­zes­sua­len Mög­lich­kei­ten aus­zu­schöp­fen, um sich das recht­li­che Gehör zu ver­schaf­fen 2.

Die­se Wür­di­gung ent­spricht dem in § 295 ZPO zum Aus­druck kom­men­den Rechts­ge­dan­ken, nach des­sen Inhalt eine Par­tei eine Gehörs­ver­let­zung nicht mehr rügen kann, wenn sie die ihr nach Erken­nen des Ver­sto­ßes ver­blie­be­ne Mög­lich­keit zu einer Äuße­rung nicht genutzt hat 1.

Besteht im Beru­fungs­ver­fah­ren eine sol­che Gele­gen­heit, darf die Par­tei sie nicht unge­nutzt las­sen und den Aus­gang des Beru­fungs­ver­fah­rens abwar­ten, um dann erst das für sie ungüns­ti­ge Beru­fungs­ur­teil im Revi­si­ons­ver­fah­ren mit der Gehörs­rü­ge anzu­grei­fen 3.

Davon aus­ge­hend war die Gehörs­rü­ge der Klä­ge­rin im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall unbe­grün­det:

Die Klä­ge­rin hat den als über­gan­gen gerüg­ten Beweis­an­trag bereits in ers­ter Instanz gestellt. Das Land­ge­richt hat sich damit nicht befasst. Die Beschwer­de hat nicht dar­ge­legt, dass die Klä­ge­rin in der Beru­fungs­in­stanz die Nicht­be­rück­sich­ti­gung durch das Land­ge­richt bean­stan­det hat. Damit hat sie gegen das Gebot ver­sto­ßen, alle pro­zes­sua­len Mög­lich­kei­ten aus­zu­schöp­fen, um eine Kor­rek­tur einer behaup­te­ten Gehörs­ver­let­zung zu erwir­ken 4. Ergän­zend ist anzu­mer­ken, dass der Klä­ger­ver­tre­ter im Ter­min vor dem Land­ge­richt am 28.06.2016 aus­drück­lich (nur) den Beweis­an­trag gestellt hat, den von ihm mit­ge­brach­ten Ehe­mann der Klä­ge­rin zum Unfall­her­gang zu ver­neh­men, und mit der Beru­fungs­be­grün­dung ledig­lich die­ser Beweis­an­trag als über­gan­gen bean­stan­det wor­den ist.

Der von der Klä­ge­rin benann­te Zeu­ge ist vom Beru­fungs­ge­richt gela­den wor­den mit fol­gen­dem Zusatz: "Das Gericht erwägt, Sie ggf. zu fol­gen­der Fra­ge als Zeu­gen zu ver­neh­men: Unfall­her­gang und medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung" und hat bei sei­ner Ver­neh­mung Anga­ben zur Sache gemacht. Die Klä­ge­rin hat nicht aus­ge­führt und es ist auch sonst nicht ersicht­lich, war­um es ihr nicht mög­lich oder nicht zumut­bar war, ent­we­der auf eine Erwei­te­rung des ihrer (jet­zi­gen) Ansicht nach zu eng gefass­ten Beweis­the­mas (§ 377 Abs. 2 Nr. 2 ZPO) hin­zu­wir­ken und/​oder bei der Ver­neh­mung des Zeu­gen die wei­te­ren aus ihrer Sicht rele­van­ten Fra­gen zu stel­len (§ 397 Abs. 1 und 2 ZPO). Dar­über hin­aus macht die Klä­ge­rin nicht gel­tend und ergibt sich aus dem Pro­to­koll nicht, dass Fra­gen zurück­ge­wie­sen wor­den sind (§ 397 Abs. 3 ZPO).

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Janu­ar 2020 – VI ZR 410/​17

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 26.09.2017 – VI ZR 81/​17, NJW-RR 2018, 404 Rn. 8; BGH, Urteil vom 14.06.2018 – III ZR 54/​17, BGHZ 219, 77 Rn. 37; Beschlüs­se vom 28.03.2019 – IX ZR 147/​18, ZIn­sO 2019, 1026 Rn. 4; vom 17.03.2016 – IX ZR 211/​14, NJW-RR 2016, 699 Rn. 4; jeweils mwN[][]
  2. vgl. BVerfGE 74, 220, 225; 28, 10, 14; 15, 256, 267 f.; BVerfGK 17, 479, 485; BGH, Beschluss vom 19.08.2014 – VI ZR 560/​13 2; BGH, Urtei­le vom 14.06.2018 – III ZR 54/​17, BGHZ 219, 77 Rn. 37; vom 08.11.1994 – XI ZR 35/​94, NJW 1995, 403[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 21.02.2019 – I ZR 99/​17, ZUM 2019, 521 Rn. 69; vom 14.06.2018 – III ZR 54/​17, BGHZ 219, 77 Rn. 37; Beschluss vom 17.03.2016 – IX ZR 211/​14, NJW-RR 2016, 699 Rn. 5[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 21.02.2019 – I ZR 99/​17, ZUM 2019, 521 Rn. 69[]