Die unter­blie­be­ne Anhö­rung im sozi­al­recht­li­chen Ver­wal­tungs­ver­fah­ren

Nach § 24 Abs 1 SGB X ist, bevor ein Ver­wal­tungs­akt erlas­sen wird, der in Rech­te eines Betei­lig­ten ein­greift, die­sem Gele­gen­heit zu geben, sich zu den für die Ent­schei­dung erheb­li­chen Tat­sa­chen zu äußern. Nach Abs 2 der Vor­schrift kann davon nur unter bestimm­ten Aus­nah­men abge­se­hen wer­den.

Die unter­blie­be­ne Anhö­rung im sozi­al­recht­li­chen Ver­wal­tungs­ver­fah­ren

Bei einem Ver­stoß gegen die­se Anhö­rungs­pflicht ist der Bescheid vom Sozi­al­ge­richt auf­zu­he­ben, soweit die Anhö­rung nicht nach § 41 Abs 2 i.V.m. Abs 1 Nr 3 SGB X nach­ge­holt wor­den ist. Eine Nach­ho­lung der Anhö­rung im Gerichts­ver­fah­ren setzt dabei jeden­falls ein ent­spre­chen­des „mehr oder min­der“ förm­li­ches Ver­wal­tungs­ver­fah­ren – ggf unter Aus­set­zung des Gerichts­ver­fah­rens – vor­aus [1]. Der Auf­fas­sung, die Nach­ho­lung der Anhö­rung gemäß § 41 Abs 1 Nr 3 SGB X müs­se sich wäh­rend des gericht­li­chen Ver­fah­rens in einem beson­de­ren Ver­wal­tungs­ver­fah­ren voll­zie­hen, folgt auch die herr­schen­de Mei­nung in der Lite­ra­tur [2].

Die Nach­ho­lung der feh­len­den Anhö­rung setzt außer­halb des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens vor­aus, dass die Hand­lun­gen, die an sich nach § 24 Abs 1 SGB X bereits vor Erlass des belas­ten­den Ver­wal­tungs­ak­tes hät­ten vor­ge­nom­men wer­den müs­sen, von der Ver­wal­tung bis zum Abschluss der gericht­li­chen Tat­sa­chen­in­stanz voll­zo­gen wer­den. Ein wäh­rend des Gerichts­ver­fah­rens zu die­sem Zweck durch­zu­füh­ren­des förm­li­ches Ver­wal­tungs­ver­fah­ren liegt vor, wenn die beklag­te Behör­de dem Klä­ger in ange­mes­se­ner Wei­se Gele­gen­heit zur Äuße­rung zu den ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Tat­sa­chen gege­ben hat und sie danach zu erken­nen gibt, ob sie nach erneu­ter Prü­fung die­ser Tat­sa­chen am bis­her erlas­se­nen Ver­wal­tungs­akt fest­hält. Dies setzt regel­mä­ßig vor­aus, dass – ggf nach frei­ge­stell­ter Aus­set­zung des sozi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens gemäß § 114 Abs 2 Satz 2 SGG – die Behör­de den Klä­ger in einem geson­der­ten „Anhö­rungs­schrei­ben“ alle Haupt­tat­sa­chen mit­teilt, auf die sie die belas­ten­de Ent­schei­dung stüt­zen will und sie ihm eine ange­mes­se­ne Frist zur Äuße­rung setzt. Fer­ner ist erfor­der­lich, dass die Behör­de das Vor­brin­gen des Betrof­fe­nen zur Kennt­nis nimmt und sich abschlie­ßend zum Ergeb­nis der Über­prü­fung äußert.

Inso­weit han­delt es sich auch nicht nur um eine inhalts­lee­re For­ma­li­tät. Denn die in § 24 SGB X nor­mier­te Anhö­rungs­pflicht ver­lö­re jeg­li­chen Gehalt, wenn der Ver­stoß im gericht­li­chen Ver­fah­ren ohne jeg­li­ches for­ma­li­sier­tes Ver­fah­ren geheilt wer­den könn­te. Viel­mehr kön­nen nur die genann­ten ver­fah­rens­recht­li­chen Anfor­de­run­gen gewähr­leis­ten, dass die mit dem Anhö­rungs­ver­fah­ren ver­folg­ten Zwe­cke jeden­falls teil­wei­se zur Gel­tung kom­men. Mit der Rege­lung über die Anhö­rung beab­sich­tigt der Gesetz­ge­ber, all­ge­mein das Ver­trau­ens­ver­hält­nis zwi­schen dem Bür­ger und der Sozi­al­ver­wal­tung zu stär­ken und die Stel­lung des Bür­gers ins­be­son­de­re durch den Schutz vor Über­ra­schungs­ent­schei­dun­gen zu stär­ken [3]. Ins­be­son­de­re soll der Betrof­fe­ne Gele­gen­heit erhal­ten, durch sein Vor­brin­gen zum ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halt die bevor­ste­hen­de Ver­wal­tungs­ent­schei­dung zu beein­flus­sen [4].

Die genann­ten Zwe­cke kön­nen zwar ohne­hin in vol­lem Umfang nur erfüllt wer­den, wenn die Anhö­rung vor Erlass des belas­ten­den Ver­wal­tungs­ak­tes durch­ge­führt wird. Dar­über hin­aus kann eine Hei­lung des Ver­fah­rens­man­gels nach den mit der Anhö­rung ver­folg­ten Funk­tio­nen noch wäh­rend des Wider­spruchs­ver­fah­rens erfol­gen, wenn dem Betrof­fe­nen wäh­rend des Vor­ver­fah­rens – z.B. durch Ein­le­gung des Wider­spruchs – hin­rei­chen­de Gele­gen­heit gege­ben wor­den ist, sich zu den für die Ent­schei­dung erheb­li­chen Tat­sa­chen zu äußern [5]. Befin­det sich die Ver­wal­tungs­ent­schei­dung hin­ge­gen nicht mehr im Ver­ant­wor­tungs­be­reich der Aus­gangs­be­hör­de, so kann eine jeden­falls teil­wei­se Ver­wirk­li­chung der mit den Anhö­rungs­hand­lun­gen ver­folg­ten Zwe­cke nur noch erreicht wer­den, wenn durch die genann­ten ver­fah­rens­recht­li­chen Vor­keh­run­gen sicher­ge­stellt wird, dass die Nach­ho­lung der Ver­fah­rens­hand­lung sich in einer dem Anhö­rungs­ver­fah­ren mög­lichst ver­gleich­ba­ren Situa­ti­on voll­zieht.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 9. Novem­ber 2010 – B 4 AS 37/​09 R

  1. BSG SozR 3–1300 § 24 Nr 22 S 74; BSG, Urteil vom 06.04.2006 – B 7a AL 64/​05 R; vgl auch BSG, SozR 4–5868 § 3 Nr 3 RdNr. 17[]
  2. Schüt­ze in von Wul­f­fen, SGB X, 7. Aufl 2010, § 41 RdNr 16; Waschull in LPK-SGB X, 2. Aufl 2007, § 41 RdNr 15; Gre­ga­rek in Jahn, SGB, Stand 2010, § 41 SGB X RdNr 22[]
  3. BT-Drs. 7/​868 S 28 und 45[]
  4. BSGE 75, 159 = SozR 3–1300 § 24 Nr 10; BSGE 69, 247, 252 = SozR 3–1300 § 24 Nr 4; BSG SozR 3–1300 § 24 Nr 21[]
  5. BSGE 89, 111, 114 = SozR 3–1300 § 1 Nr 1; BSG SozR 4–1300 § 24 Nr 1[]