Gewalt gegen Frau­en: Fra­gen und Inter­pre­ta­ti­on der Erhe­bung der EU-Grund­rech­te­agen­tur

Zur Zeit ist die Erhe­bung „Gewalt gegen Frau­en“ der Agen­tur der Euro­päi­schen Uni­on für Grund­rech­te (FRA) in aller Mun­de. Gera­de die enorm hohen Pro­zent­zah­len von betrof­fe­nen Frau­en (auch in der Bun­des­re­pu­blik) machen schon nach­denk­lich. Des­halb soll­te über die­se Erhe­bung eigent­lich auch ein Arti­kel in der Frau­en­rechts­kon­ven­ti­on erschei­nen. Doch bei nähe­rem Hin­se­hen erschei­nen die Fra­gen, die an die Frau­en gestellt wor­den sind, nicht gezielt auf das The­ma abge­stimmt zu sein. Aber jeder soll sich selbst eine Mei­nung dazu ver­schaf­fen.

Gewalt gegen Frau­en: Fra­gen und Inter­pre­ta­ti­on der Erhe­bung der EU-Grund­rech­te­agen­tur

Hier die Fra­gen der Euro­päi­schen Grund­rech­te­agen­tur:

Kör­per­li­che Gewalt

  • Wie oft haben Sie es seit Ihrem 15. Lebens­jahr erlebt, dass Ihnen jemand eines der fol­gen­den Din­ge ange­tan hat?
    • Sie geschubst oder gesto­ßen?
    • Sie mit der fla­chen Hand geschla­gen?
    • mit einem har­ten Gegen­stand nach Ihnen gewor­fen?
    • Sie gepackt oder an den Haa­ren gezo­gen?
    • Sie mit der Faust oder einem har­ten Gegen­stand geschla­gen oder Sie getre­ten?
    • Ihnen Ver­bren­nun­gen zuge­fügt?
    • ver­sucht, Sie zu ersti­cken oder zu stran­gu­lie­ren?
    • Sie mit einem Mes­ser ver­letzt oder auf Sie ein­ge­sto­chen, oder auf Sie geschos­sen?
    • Ihren Kopf gegen etwas geschla­gen?

Sexu­el­le Gewalt

  • Wie oft haben Sie es seit Ihrem 15. Lebens­jahr erlebt, dass Ihnen jemand eines der fol­gen­den Din­ge antut?
    • Sie durch Fest­hal­ten oder durch Zufü­gen von Schmer­zen zum Geschlechts­ver­kehr gezwun­gen
    • Unab­hän­gig von der vor­he­ri­gen Ant­wort ver­sucht, Sie durch Fest­hal­ten oder durch Zufü­gen von Schmer­zen zum Geschlechts­ver­kehr zu zwin­gen?
    • Sie unab­hän­gig davon gezwun­gen, an irgend­ei­ner Form von sexu­el­ler Akti­vi­tät teil­zu­neh­men, als Sie nicht woll­ten oder nicht in der Lage waren, dies abzu­leh­nen
    • Oder haben Sie sexu­el­len Hand­lun­gen zuge­stimmt, weil Sie Angst hat­ten vor dem, was gesche­hen könn­te, wenn Sie sich wei­gern?

Psy­chi­sche Gewalt

  • Wie oft Ihr der­zei­ti­ger/Ex-Part­ner Ihrer Mei­nung nach…
    • Ver­sucht hat, Sie davon abzu­hal­ten, Freun­de zu tref­fen?
    • Ver­sucht hat, Ihren Kon­takt mit Ihrer Fami­lie oder Ver­wand­ten zu beschrän­ken?
    • Dar­auf besteht, zu wis­sen, wo Sie sich auf­hal­ten, und zwar so, dass dies über ein all­ge­mei­nes Inter­es­se hin­aus­geht?
    • Wütend wird, wenn Sie mit einem ande­ren Mann /​einer ande­ren Frau spre­chen? (Ent­spre­chend dem Geschlecht des Part­ners)
    • Sie der Untreue ver­däch­tigt?
    • Sie davon abhält, Ent­schei­dun­gen zu finan­zi­el­len Belan­gen der Fami­lie zu tref­fenund selbst­stän­dig ein­kau­fen zu gehen?
    • Ihnen ver­bie­tet, außer­halb des Hauses/​der Woh­nung zu arbei­ten?
    • Ihnen ver­bie­tet, das Haus zu ver­las­sen, nimmt Ihnen die Auto­schlüs­sel ab oder schließt Sie ein?
  • Wie oft Ihr der­zei­ti­ger/Ex-Part­ner Ihrer Mei­nung nach…
    • Sie vor ande­ren Leu­ten her­ab­ge­setzt oder gede­mü­tigt hat?
    • Sie unter vier Augen her­ab­ge­setzt oder gede­mü­tigt hat?
    • Din­ge getan hat, um Sie absicht­lich zu ver­ängs­ti­gen oder ein­zu­schüch­tern, zum Bei­spiel durch Schrei­en oder Kaputt­ma­chen von Gegen­stän­den?
    • Sie gezwun­gen hat, gegen Ihren Wil­len por­no­gra­fi­sches Mate­ri­al anzu­se­hen?
    • Damit gedroht hat, Ihnen die Kin­der weg­zu­neh­men?
    • Damit gedroht hat, Ihre Kin­der zu ver­let­zen?
    • Ihre Kin­der ver­letzt hat?
    • Damit gedroht hat, jemand ande­ren, der Ihnen wich­tig ist, zu ver­let­zen oder zu töten?
  • Bit­te sagen Sie mir […], wie oft dies vor­ge­kom­men ist. Ihr der­zei­ti­ger/Ex-Part­ner hat…
    • damit gedroht, Sie kör­per­lich zu ver­let­zen?

Stal­king

  • Sie waren viel­leicht schon ein­mal in einer Situa­ti­on, in der sich die glei­che Per­son Ihnen gegen­über wie­der­holt belei­di­gend ver­hal­ten oder Sie bedroht hat. Bit­te den­ken Sie bei der Beant­wor­tung der nächs­ten Fra­gen sowohl an Ihren der­zei­ti­gen und mög­li­che frü­he­re Part­ner als auch an ande­re Men­schen. Haben Sie es seit Ihrem 15. Lebensjahr/​in den letz­ten 12 Mona­ten schon ein­mal erlebt, dass die glei­che Per­son Ihnen wie­der­holt eines oder meh­re­re der fol­gen­den Din­ge ange­tan hat:
    • Ihnen E‑Mails, Kurz­nach­rich­ten (SMS) oder Sofort­nach­rich­ten geschickt, die belei­di­gend waren oder Dro­hun­gen ent­hiel­ten?
    • Ihnen Brie­fe oder Kar­ten geschickt, die belei­di­gend waren oder Dro­hun­gen ent­hiel­ten?
    • Sie ange­ru­fen und Sie dabei belei­digt oder bedroht oder geschwie­gen?
    • Belei­di­gen­de Kom­men­ta­re zu Ihrer Per­son im Inter­net ver­öf­fent­licht?
    • Inti­me Fotos oder Vide­os von Ihnen im Inter­net oder per Han­dy wei­ter­ver­brei­tet?
    • Vor ihrem Haus, Ihrer Arbeits­stät­te oder Schu­le her­um­ge­lun­gert oder auf Sie gewar­tet, ohne berech­tig­ten Grund?
    • Sie absicht­lich ver­folgt?
    • Ihr Eigen­tum absicht­lich sabo­tiert oder zer­stört?

Sexu­el­le Beläs­ti­gung

  • Nun fol­gen eini­ge Fra­gen zu Erfah­run­gen, die eine Frau machen könn­te. Viel­leicht haben Sie es schon erlebt, dass Men­schen sich Ihnen gegen­über in einer Wei­se ver­hal­ten haben, die Sie als uner­wünscht und belei­di­gend emp­fan­den. Wie oft haben Sie in den letz­ten 12 Mona­ten Fol­gen­des erlebt:
    • Uner­wünsch­te Berüh­run­gen, Umar­mun­gen oder Küs­se?
    • Zweideutige/​sexuell anzüg­li­che Kom­men­ta­re oder Wit­ze, durch die Sie sich angegriffen/​beleidigt fühl­ten?
    • Unan­ge­mes­se­ne Ein­la­dun­gen zu einem Ren­dez­vous?
    • Auf­dring­li­che Fra­gen zu Ihrem Pri­vat­le­ben, durch die Sie sich angegriffen/​beleidigt fühl­ten?
    • Auf­dring­li­che Kom­men­ta­re zu Ihrem Aus­se­hen, durch die Sie sich angegriffen/​beleidigt fühl­ten?
    • Unan­ge­mes­se­nes Star­ren oder anzüg­li­che Bli­cke, durch die Sie sich ein­ge­schüch­tert fühl­ten?
    • Jemand schick­te oder zeig­te Ihnen sexu­ell ein­deu­ti­ge Bil­der, Fotos oder Geschen­ke, durch die Sie sich angegriffen/​beleidigt fühl­ten?
    • Jemand hat sich unsitt­lich vor Ihnen ent­blößt?
    • Jemand hat Sie gegen Ihren Wil­len genö­tigt, por­no­gra­fi­sches Mate­ri­al anzu­se­hen?
    • Uner­wünsch­te, sexu­ell ein­deu­ti­ge E‑Mails oder SMS, die Sie angegriffen/​beleidigt haben?
    • Unan­ge­mes­se­ne Annä­he­rungs­ver­su­che auf den Inter­net­sei­ten sozia­ler Netz­wer­ke wie Face­book oder in Inter­net-Chat­rooms, die Sie angegriffen/​beleidigt haben?

Erfah­rung von sexu­el­ler Gewalt in der Kind­heit

  • Wie oft hat ein Erwach­se­ner – das heißt, jemand, der 18 Jah­re oder älter war – Ihnen VOR Ihrem 15. Lebens­jahr eines oder meh­re­re der fol­gen­den Din­ge ange­tan, obwohl Sie dies nicht woll­ten?
    • seine/​ihre Geni­ta­li­en vor Ihnen ent­blößt
    • Sie genö­tigt, vor irgend­ei­ner ande­ren Per­son oder für Foto- bzw. Video­auf­nah­men oder eine Inter­net-Web­cam nackt zu posie­ren
    • Ihren Intim­be­reich – Geni­ta­li­en oder Brüs­te – berührt
    • Sie zum Geschlechts­ver­kehr mit ihm/​ihr genö­tigt

Erfah­rung von kör­per­li­cher Gewalt in der Kind­heit

  • Wie oft hat ein Erwach­se­ner – das heißt, jemand, der 18 Jah­re oder älter war – Ihnen VOR Ihrem 15. Lebens­jahr eines oder meh­re­re der fol­gen­den Din­ge ange­tan:
    • Sie mit der fla­chen Hand geschla­gen oder an den Haa­ren gezo­gen, sodass es Ihnen weh­ge­tan hat?
    • Sie sehr hart geschla­gen, sodass es Ihnen weh­ge­tan hat?
    • Sie sehr fest getre­ten, sodass es Ihnen weh­ge­tan hat?
    • Sie mit einem Gegen­stand wie einem Stock, Rohr­stock oder Gür­tel sehr hart geschla­gen, sodass es Ihnen weh­ge­tan hat?
    • mit etwas auf Sie ein­ge­sto­chen oder Sie mit einem Mes­ser ver­letzt, sodass es Ihnen weh­ge­tan hat?

Erfah­run­gen von psy­cho­lo­gi­scher Gewalt in der Kind­heit

  • Wie oft hat ein erwach­se­nes Fami­li­en­mit­glied – das heißt, jemand, der 18 Jah­re oder älter war – Ihnen VOR Ihrem 15. Lebens­jahr eines oder meh­re­re der fol­gen­den Din­ge ange­tan:
    • Ihnen gesagt, dass Sie nicht geliebt wer­den?
    • Gesagt, dass sie wünsch­ten, Sie wären nie gebo­ren wor­den?
    • Damit gedroht, Sie zu ver­las­sen oder Sie aus dem Haus der Fami­lie zu wer­fen?
    • Irgend­ein Erwach­se­ner: damit gedroht, Sie schwer zu ver­let­zen oder Sie zu töten?

Die­se Fra­gen wur­den in jedem Mit­glied­staat der EU durch­schnitt­lich 1500 Frau­en im Alter zwi­schen 18 und 74 Jah­ren gestellt.

  • 33 % der Frau­en haben im Alter über 15 kör­per­li­che und/​oder sexu­el­le Gewalt erfah­ren. 22 % haben kör­per­li­che und/​oder sexu­el­le Gewalt in der Part­ner­schaft erlebt.
  • 43 % der Frau­en waren psy­chi­scher Gewalt in der Part­ner­schaft aus­ge­setzt.
  • 33 % der Befrag­ten waren in der Kind­heit von kör­per­li­cher oder sexu­el­ler Gewalt durch Erwach­se­ne betrof­fen.

Es besteht kein Zwei­fel dar­an, dass kör­per­li­che, sexu­el­le und psy­chi­sche Gewalt gegen Frau­en als schwe­re Men­schen­rechts­ver­let­zung ein­zu­stu­fen ist. So ist eine sol­che Stu­die durch­aus eine Mög­lich­keit, die­ses The­ma wie­der mas­siv in den Vor­der­grund zu stel­len. Eben­so kön­nen die Stel­lung­nah­men der FRA zu den Ergeb­nis­sen der Stu­die zu einer Ver­bes­se­rung der Situa­ti­on in Euro­pa bei­tra­gen.

Auch der Hin­weis auf das Über­ein­kom­men des Euro­pa­ra­tes zur Ver­hü­tung und Bekämp­fung von Gewalt gegen Frau­en und häus­li­che Gewalt, die soge­nann­te Istan­bul-Kon­ven­ti­on, und die mög­lichst schnel­le Rati­fi­zie­rung durch die Mit­glied­staa­ten der EU ist durch­aus posi­tiv.

Nach Anga­ben der FRA ist die­se Stu­die u.a. durch­ge­führt wor­den, weil poli­ti­sche und pra­xis­be­zo­ge­ne Maß­nah­men zur Bekämp­fung der Gewalt gegen Frau­en oft­mals nicht aus­rei­chend durch umfas­sen­de Daten unter­mau­ert sind. Die Istan­bul-Kon­ven­ti­on ist ein völ­ker­recht­li­cher Ver­trag, der in Istan­bul am 11. Mai 2011 vom Euro­pa­rat ver­ab­schie­det wur­de, und in Kraft tre­ten wird, wenn zehn Staa­ten (dar­un­ter min­des­tens acht Mit­glie­der des Euro­pa­rats) den Ver­trag rati­fi­ziert haben. Der­zeit (Stand 6. März 2014) haben die Kon­ven­ti­on 24 Staa­ten unter­zeich­net, aber nur 8 rati­fi­ziert. Deutsch­land hat das Über­ein­kom­men ledig­lich unter­zeich­net und das mit einem Vor­be­halt.…