Gut­ach­ter­kos­ten und der abge­tre­te­ne Scha­dens­er­satz­an­spruch

Tritt der Geschä­dig­te nach einem Fahr­zeug­scha­den sei­ne Ansprü­che aus dem Ver­kehrs­un­fall in Höhe der Gut­ach­ter­kos­ten ab, ist die Abtre­tung man­gels hin­rei­chen­der Bestimm­bar­keit unwirk­sam.

Gut­ach­ter­kos­ten und der abge­tre­te­ne Scha­dens­er­satz­an­spruch

Unwirk­sam­keit der Abtre­tung

Eine Abtre­tung ist, wie in der Recht­spre­chung und Rechts­leh­re aner­kannt ist, nur wirk­sam, wenn die For­de­rung, die Gegen­stand der Abtre­tung ist, bestimmt oder wenigs­tens bestimm­bar ist [1]. Die­ses Erfor­der­nis ergibt sich aus der Rechts­na­tur der Abtre­tung, die ein ding­li­ches Rechts­ge­schäft ist. Die Abtre­tung bewirkt, dass das Gläu­bi­ger­recht an einer For­de­rung von dem bis­he­ri­gen Gläu­bi­ger auf eine ande­re Per­son als neu­en Gläu­bi­ger über­geht (§ 398 BGB). Wie ein Gläu­bi­ger­recht nur an einer bestimm­ten oder min­des­tens bestimm­ba­ren For­de­rung bestehen kann, so kann auch nur das Gläu­bi­ger­recht an einer bestimm­ten oder bestimm­ba­ren For­de­rung Gegen­stand der Abtre­tung sein [2]. An die­sem Erfor­der­nis der Bestimmt­heit oder Bestimm­bar­keit fehlt es, wenn von meh­re­ren selb­stän­di­gen For­de­run­gen ein Teil abge­tre­ten wird, ohne dass erkenn­bar ist, von wel­cher oder von wel­chen For­de­run­gen ein Teil abge­tre­ten wer­den soll [3].

Ent­ste­hen aus einem Ver­kehrs­un­fall für den Geschä­dig­ten meh­re­re For­de­run­gen, so kann von der Gesamt­sum­me die­ser For­de­run­gen nicht ein nur sum­men­mä­ßig bestimm­ter Teil abge­tre­ten wer­den [4]. Um ver­schie­de­ne For­de­run­gen han­delt es sich etwa dann, wenn neben dem Anspruch auf Ersatz des an dem beschä­dig­ten Kraft­fahr­zeug ent­stan­de­nen Sach­scha­dens ein Anspruch auf Ersatz von Ver­dienst­aus­fall gel­tend gemacht wird [5]. Das­sel­be gilt für das Ver­hält­nis zwi­schen dem Anspruch auf Ersatz des Fahr­zeug­scha­dens und dem Anspruch auf Ersatz von Schä­den an der Ladung des Fahr­zeugs [6]. Für die Annah­me ver­schie­de­ner For­de­run­gen spricht in die­sen Fäl­len schon die Mög­lich­keit unter­schied­li­cher Ent­wick­lun­gen in der Anspruchs­in­ha­ber­schaft, die sich dar­aus ergibt, dass die Ersatz­an­sprü­che im Regu­lie­rungs­fall gege­be­nen­falls auf ver­schie­de­ne Ver­si­che­rer über­ge­hen kön­nen (Kas­ko­ver­si­che­rung, Betriebs­aus­fall­ver­si­che­rung, Trans­port­ver­si­che­rung [7]). Eine Ver­schie­den­heit von For­de­run­gen liegt nur dann nicht vor, wenn es sich bei ein­zel­nen Beträ­gen um ledig­lich unselb­stän­di­ge Rech­nungs­pos­ten aus einer klar abgrenz­ba­ren Sach­ge­samt­heit han­delt [8], wie dies etwa bei Ein­zel­ele­men­ten der Repa­ra­tur­kos­ten der Fall ist [9].

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall wird die Abtre­tung des Geschä­dig­ten H die­sen Erfor­der­nis­sen nicht gerecht, denn sie ist weder hin­rei­chend bestimmt noch bestimm­bar. Nach ihrem ein­deu­ti­gen Wort­laut erfasst sie eine Mehr­zahl von For­de­run­gen, näm­lich sämt­li­che Ansprü­che des Geschä­dig­ten aus dem betref­fen­den Ver­kehrs­un­fall. Mit Recht hat das Beru­fungs­ge­richt in der Bezug­nah­me der Abtre­tung auf die Höhe der Gut­ach­ter­kos­ten ledig­lich eine Beschrän­kung hin­sicht­lich des Umfangs der Abtre­tung gese­hen. Die Abtre­tung soll­te ersicht­lich nicht nur die For­de­rung auf Ersatz der Gut­ach­ter­kos­ten erfas­sen. Die­ser Anspruch ist ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on auch kein unselb­stän­di­ger Rech­nungs­pos­ten, son­dern im Ver­hält­nis zu dem Anspruch auf Ersatz des Fahr­zeug­scha­dens viel­mehr eine selb­stän­di­ge For­de­rung. Dies folgt schon aus der Mög­lich­keit unter­schied­li­cher Ent­wick­lun­gen in der Anspruchs­in­ha­ber­schaft, denn anders als der Anspruch auf Ersatz des Fahr­zeug­scha­dens geht der hier­von schon dem Gegen­stand nach klar abgrenz­ba­re [7] Anspruch auf Ersatz der Gut­ach­ter­kos­ten im Regu­lie­rungs­fall gemäß § 86 Abs. 1 VVG nur unter engen Vor­aus­set­zun­gen auf den Kas­ko­ver­si­che­rer über [10]. Um dem Bestimm­bar­keits­er­for­der­nis zu genü­gen, wäre es des­halb erfor­der­lich gewe­sen, in der Abtre­tungs­er­klä­rung den Umfang der von der Abtre­tung erfass­ten For­de­run­gen der Höhe und der Rei­hen­fol­ge nach auf­zu­schlüs­seln. Dar­an fehlt es bei der hier ver­wen­de­ten Abtre­tungs­er­klä­rung. Da es sich dabei nach den vom Beru­fungs­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen um von der Klä­ge­rin gestell­te All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen han­delt, gehen bestehen­de Unklar­hei­ten zu ihren Las­ten [11].

Kei­ne Umdeu­tung in eine Pro­zess­füh­rungs­er­mäch­ti­gung

Der Bun­des­ge­richts­hof hat es auch abge­lehnt, die nich­ti­ge Abtre­tung gemäß § 140 BGB in eine Pro­zess­füh­rungs­er­mäch­ti­gung umzu­deu­ten.

Eine Umdeu­tung in ein Ersatz­ge­schäft darf nicht dazu füh­ren, dass an die Stel­le des nich­ti­gen Geschäfts ein sol­ches gesetzt wird, das über den Erfolg des ursprüng­lich gewoll­ten Geschäfts hin­aus­geht [12]. Dies wäre hier ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­ons­be­grün­dung aber der Fall, wenn die (unwirk­sa­me) Abtre­tung umge­deu­tet wür­de in die Ermäch­ti­gung, die Gut­ach­ter­kos­ten im eige­nen Namen gel­tend zu machen. Da sich der Abtre­tungs­er­klä­rung gera­de nicht ent­neh­men lässt, dass die Klä­ge­rin Gläu­bi­ge­rin der gesam­ten For­de­rung auf Ersatz der Gut­ach­ter­kos­ten wer­den soll­te, ver­bie­tet sich eine Umdeu­tung dahin gehend, sie als ermäch­tigt anzu­se­hen, im Wege der Pro­zess­stand­schaft die­se For­de­rung in vol­ler Höhe im eige­nen Namen gel­tend zu machen.

Etwas ande­res ergibt sich ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on auch nicht aus der in der Abtre­tungs­ver­ein­ba­rung ent­hal­te­nen Anwei­sung an den regu­lie­rungs­pflich­ti­gen Ver­si­che­rer, die Sach­ver­stän­di­gen­kos­ten unmit­tel­bar an die Klä­ge­rin zu zah­len. Die­se Zah­lungs­an­wei­sung darf nicht iso­liert aus­ge­legt wer­den, son­dern ist im Zusam­men­hang mit der im vor­aus­ge­hen­den Satz gere­gel­ten Abtre­tung zu sehen. Sie nimmt ersicht­lich Bezug auf die Höhe des von der vor­ge­se­he­nen Abtre­tung erfass­ten Betrags und bezieht sich nicht auf einen von der (unwirk­sa­men) Abtre­tung mög­li­cher­wei­se nicht erfass­ten Teil der For­de­rung auf Ersatz der Gut­ach­ter­kos­ten. Eine auf die­se Zah­lungs­an­wei­sung gestütz­te Kla­ge wäre man­gels hin­rei­chen­der Bestimmt­heit unzu­läs­sig [13].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Juni 2011 – VI ZR 260/​10

  1. BGH, Urtei­le vom 25.10.1952 – I ZR 48/​52, BGHZ 7, 365, 357; vom 03.04.1974 – VIII ZR 235/​72, NJW 1974, 1130; und vom 16.03.1995 – IX ZR 72/​94, NJW 1995, 1668, 1969; Münch­Komm-BGB/Roth, 05. Aufl., § 398 Rn. 67[]
  2. RG, Urteil vom 27.02.1920 – VII 296/​19, RGZ 98, 200, 202[]
  3. BGH, Urtei­le vom 18.02.1965 – II ZR 166/​62, WM 1965, 562; vom 27.05.1968 – VIII ZR 137/​66, WarnR 1968, Nr. 165 und vom 02.04.1970 – VII ZR 153/​68, WM 1970, 848; OLG Mün­chen, OLGR 1993, 248; OLG Köln VersR 1998, 1269, 1270 und MDR 2005, 975; Staudinger/​Busche, BGB [2005], § 398 Rn. 61; Münch­Komm-BGB/Roth, aaO, Rn. 75[]
  4. BGH, Urteil vom 08.10.1957 – VI ZR 128/​56, VersR 1957, 753[]
  5. BGH, Urtei­le vom 19.11.1957 – VI ZR 122/​57, VersR 1958, 91, 93 f.; und vom 22.05.1984 – VI ZR 228/​82, VersR 1984, 782, 783[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 08.10.1957 – VI ZR 128/​56 aaO[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 22.05.1984 – VI ZR 228/​82, aaO[][]
  8. vgl. BGH, Urtei­le vom 26.02.1980 – VI ZR 53/​79, BGHZ 76, 216, 219 f. und vom 22.05.1984 – VI ZR 228/​82, aaO[]
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 19.06.2000 – II ZR 319/​98, NJW 2000, 3718, 3719 und vom 13.03.2003 – VII ZR 418/​01, MDR 2003, 824 f.; Gre­ger, Haf­tungs­recht des Stra­ßen­ver­kehrs, 04. Aufl., § 37 Rn. 17 [Stand: 10.01.2010][]
  10. vgl. Zif­fer A.02.8 AKB 08 [Stand: 09.07.2008][]
  11. § 305c Abs. 2 BGB[]
  12. BGH, Urtei­le vom 15.12. 1955 – II ZR 204/​54, BGHZ 19, 269, 275 und vom 14.05.1956 – II ZR 229/​54, BGHZ 20, 363, 370 f.; BAG, NJW 1976, 592; Münch­Komm-BGB/ Busche, aaO, § 140 Rn. 17 mwN[]
  13. vgl. BGH, Urteil vom 03.12.1953 – III ZR 66/​52, BGHZ 11, 192, 194; Gre­ger, aaO Rn. 17, 19[]