Häus­li­che Pfle­ge durch Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge – und das Pfle­ge­geld

Die gerin­ge­ren Geld­leis­tun­gen der gesetz­li­chen Pfle­ge­ver­si­che­rung bei häus­li­cher Pfle­ge durch Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge gegen­über den Geld­leis­tun­gen beim Ein­satz bezahl­ter Pfle­ge­kräf­te ver­sto­ßen nach einer Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nicht gegen das Grund­ge­setz. Weder der Gleich­heits­satz (Art. 3 Abs. 1 GG) noch der Schutz von Ehe und Fami­lie (Art. 6 Abs. 1 GG) erfor­dert hier­nach eine Anhe­bung des Pfle­ge­gel­des auf das Niveau der Pfle­ge­sach­leis­tung.

Häus­li­che Pfle­ge durch Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge – und das Pfle­ge­geld

Der Aus­gangs­sach­ver­halt[↑]

Die Beschwer­de­füh­re­rin­nen pfleg­ten zuhau­se ihren Ehe­mann und Vater, der von sei­ner pri­va­ten Pfle­ge­ver­si­che­rung zuletzt Pfle­ge­geld der Pfle­ge­stu­fe III bezog, bis zu sei­nem Tod. Ent­spre­chend den gesetz­li­chen Bestim­mun­gen sah der pri­va­te Ver­si­che­rungs­ver­trag vor, dass bei glei­cher Pfle­ge­stu­fe das Pfle­ge­geld in gerin­ge­rer Höhe als der Wert der ent­spre­chen­den Sach­leis­tung gewährt wird. In der maß­geb­li­chen, bis zum 30.06.2008 gel­ten­den Fas­sung betrug das Pfle­ge­geld der Pfle­ge­stu­fe III 665 €, Pfle­ge­sach­leis­tun­gen waren dage­gen bis zu einem Gesamt­wert von 1.432 € erstat­tungs­fä­hig.

Im sozi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren begehr­ten die Beschwer­de­füh­re­rin­nen im Wege der Rechts­nach­fol­ge unter ande­rem den Dif­fe­renz­be­trag zwi­schen dem Pfle­ge­geld und der höhe­ren Pfle­ge­sach­leis­tung und mach­ten die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der unter­schied­li­chen Höhe bei­der Leis­tun­gen gel­tend. Die Kla­ge blieb vor dem Sozi­al­ge­richt Mün­chen 1 eben­so ohne Erfolg wie die anschlie­ßen­de Beru­fung vor dem Baye­ri­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richt 2. Die dar­auf­hin erho­be­ne Beschwer­de gegen die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on wur­de vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt als unzu­läs­sig ver­wor­fen 3. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt ver­warf die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de als unzu­läs­sig, da die Beschwer­de die gel­tend gemach­te grund­sätz­li­che Bedeu­tung der Rechts­sa­che nicht in der durch § 160 Abs. 2, § 160a Abs. 2 SGG gebo­te­nen Form dar­le­ge, da sie kei­ne klä­rungs­be­dürf­ti­ge Rechts­fra­ge auf­zei­ge. Zudem hät­ten sich die Beschwer­de­füh­re­rin­nen nicht im erfor­der­li­chen Maße mit der höchst­rich­ter­li­chen sozi­al­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung sowie der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts aus­ein­an­der­ge­setzt, son­dern ledig­lich ihre abwei­chen­de Rechts­auf­fas­sung dar­ge­legt.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de[↑]

Mit ihrer unmit­tel­bar gegen die fach­ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen und mit­tel­bar gegen die §§ 36, 37 SGB XI gerich­te­ten Ver­fas­sungs­be­schwer­de rügen die Beschwer­de­füh­re­rin­nen einen Ver­stoß gegen Art. 3 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 6 Abs. 1 sowie gegen Art. 14 Abs. 1 GG.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nahm die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung an. Nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sugns­ge­richts lie­gen kei­ne Annah­me­grün­de nach § 93a Abs. 2 BVerfGG vor. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de habe, die die Ver­fas­sungs­rich­ter in ihrem Nicht­an­nah­me­be­schluss, kei­ne Aus­sicht auf Erfolg, sie sei teil­wei­se unzu­läs­sig und im Übri­gen jeden­falls unbe­grün­det.

Zur Zuläs­sig­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de[↑]

Soweit sich die Beschwer­de­füh­re­rin­nen gegen den Beschluss des Bun­des­so­zi­al­ge­richts wen­den, mit dem ihre Beschwer­de gegen die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on als unzu­läs­sig ver­wor­fen wur­de, ist die Ver­fas­sungs­be­schwer­de unzu­läs­sig, weil sie nicht sub­stan­ti­iert begrün­det wur­de (§ 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG). Da das Bun­des­so­zi­al­ge­richt kei­ne Ent­schei­dung in der Sache getrof­fen hat, gehen die mate­ri­el­len Aus­füh­run­gen der Beschwer­de­füh­re­rin­nen ins Lee­re 4. Soweit sich die Beschwer­de­füh­re­rin­nen den pro­zes­sua­len Aus­füh­run­gen des Bun­des­so­zi­al­ge­richts wid­men, behaup­ten sie kei­ne Grund­rechts­ver­let­zung.

Soweit sich die Beschwer­de­füh­re­rin­nen gegen die Ent­schei­dun­gen des Sozi­al­ge­richts und des Lan­des­so­zi­al­ge­richts wen­den, ist ihre Ver­fas­sungs­be­schwer­de zuläs­sig.

Der Zuläs­sig­keit steht nicht ent­ge­gen, dass das Bun­des­so­zi­al­ge­richt die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de als unzu­läs­sig ver­wor­fen hat. Zwar ist eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de man­gels ord­nungs­ge­mä­ßer Rechts­weg­er­schöp­fung in der Regel unzu­läs­sig, wenn ein an sich gege­be­nes Rechts­mit­tel man­gels Nut­zung der ver­fah­rens­recht­li­chen Mög­lich­kei­ten erfolg­los bleibt 5. Da jedoch ein Beschwer­de­füh­rer wegen der Sub­si­dia­ri­tät der Ver­fas­sungs­be­schwer­de auch dann ver­pflich­tet ist, von einem Rechts­be­helf Gebrauch zu machen, wenn des­sen Zuläs­sig­keit im kon­kre­ten Fall unter­schied­lich beur­teilt wer­den kann, kön­nen ihm kei­ne Nach­tei­le dar­aus erwach­sen, wenn sich ein sol­cher Rechts­be­helf spä­ter als unzu­läs­sig erweist. Anders lie­gen die Din­ge nur bei einem offen­sicht­lich unzu­läs­si­gen oder nicht ord­nungs­ge­mäß genutz­ten Rechts­be­helf 6.

Im vor­lie­gen­den Fall kann den Beschwer­de­füh­re­rin­nen nicht ange­las­tet wer­den, den Rechts­weg nicht in gehö­ri­ger Wei­se erschöpft zu haben. Sie haben in ihrer Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de die Fra­ge der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der unter­schied­li­chen Höhe von Pfle­ge­sach­leis­tung und Pfle­ge­geld als Rechts­fra­ge von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung auf­ge­wor­fen. Dabei schied die Mög­lich­keit, sich auf die grund­sätz­li­che Bedeu­tung der Sache zu stüt­zen, nicht offen­sicht­lich aus. Die Fra­ge, ob eine der Ent­schei­dung zugrun­de­lie­gen­de Geset­zes­norm ver­fas­sungs­wid­rig ist, hat regel­mä­ßig grund­sätz­li­che Bedeu­tung 7. Dass das Bun­des­so­zi­al­ge­richt wegen sei­ner eige­nen Recht­spre­chung dazu die Klä­rungs­be­dürf­tig­keit in einem Revi­si­ons­ver­fah­ren ver­neint und des­halb die Beschwer­de als unzu­läs­sig ver­wor­fen hat, kann den Beschwer­de­füh­re­rin­nen im Rah­men der Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zun­gen der Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den. Selbst wenn in der Recht­spre­chung eines obers­ten Fach­ge­richts nach des­sen Auf­fas­sung bereits alle wesent­li­chen Aspek­te einer Ver­fas­sungs­fra­ge gewür­digt wur­den, ist es einem Beschwer­de­füh­rer mög­lich und ver­fas­sungs­recht­lich auch bei Berück­sich­ti­gung des Grund­sat­zes der Sub­si­dia­ri­tät der Ver­fas­sungs­be­schwer­de zuläs­sig, eine ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Über­prü­fung die­ser Wür­di­gung zu begeh­ren, wenn er dafür ver­nünf­ti­ge und gewich­ti­ge Grün­de anfüh­ren kann und es sich um eine ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­ge han­delt, die umstrit­ten geblie­ben ist und über die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt noch nicht ent­schie­den hat 8.

Die Beschwer­de­füh­re­rin­nen haben sich in ihrer Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ein­ge­hend mit einer frü­he­ren Ent­schei­dung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts aus­ein­an­der­ge­setzt, auf die sich das hier ange­grif­fe­ne Urteil des Lan­des­so­zi­al­ge­richts maß­geb­lich stützt. Die vor­ge­brach­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen Erwä­gun­gen waren dabei gewich­tig genug, um aus der Sicht einer ver­stän­di­gen Pro­zess­par­tei 9 die Mög­lich­keit zu eröff­nen, dass das Bun­des­so­zi­al­ge­richt sei­ne bis­her ver­tre­te­ne Auf­fas­sung über­prü­fen wer­de. Zudem haben die Beschwer­de­füh­re­rin­nen vor­ge­tra­gen, dass die kon­kre­te Rechts­fra­ge der unter­schied­li­chen Höhe von Pfle­ge­sach­leis­tung und Pfle­ge­geld bis­lang höchst­rich­ter­lich nicht ent­schie­den ist und auch die genann­ten Erwä­gun­gen in der in Bezug genom­me­nen Ent­schei­dung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts die­se Dif­fe­ren­zie­rung nicht recht­fer­ti­gen.

Der All­ge­mei­ne Gleich­heits­satz[↑]

Die §§ 36, 37 SGB XI ver­sto­ßen auf­grund der unter­schied­li­chen Höhe von Pfle­ge­sach­leis­tung einer­seits und Pfle­ge­geld ander­seits nicht gegen Art. 3 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 6 Abs. 1 GG.

Abs. 1 GG gebie­tet es, Glei­ches gleich, Unglei­ches sei­ner Eigen­art ent­spre­chend ver­schie­den zu regeln 10. Es ist grund­sätz­lich Sache des Gesetz­ge­bers zu ent­schei­den, wel­che Merk­ma­le er beim Ver­gleich von Lebens­sach­ver­hal­ten als maß­ge­bend für eine Gleich- oder Ungleich­be­hand­lung ansieht 11. Art. 3 Abs. 1 GG ver­bie­tet grund­sätz­lich auch einen gleich­heits­wid­ri­gen Begüns­ti­gungs­aus­schluss. Dabei ist dem Gesetz­ge­ber nicht jede Dif­fe­ren­zie­rung ver­wehrt. Dif­fe­ren­zie­run­gen bedür­fen jedoch stets der Recht­fer­ti­gung durch Sach­grün­de, die dem Dif­fe­ren­zie­rungs­ziel und dem Aus­maß der Ungleich­be­hand­lung ange­mes­sen sind 12. Hin­sicht­lich der ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an den die Ungleich­be­hand­lung tra­gen­den Sach­grund erge­ben sich aus dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz je nach Rege­lungs­ge­gen­stand und Dif­fe­ren­zie­rungs­merk­ma­len unter­schied­li­che Gren­zen für den Gesetz­ge­ber, die von gelo­cker­ten, auf das Will­kür­ver­bot beschränk­ten Bin­dun­gen bis hin zu stren­gen Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­er­for­der­nis­sen rei­chen kön­nen 13. Bei ledig­lich ver­hal­tens­be­zo­ge­nen Unter­schei­dun­gen hängt das Maß der Bin­dung davon ab, inwie­weit die Betrof­fe­nen in der Lage sind, durch ihr Ver­hal­ten die Ver­wirk­li­chung der Merk­ma­le zu beein­flus­sen, nach denen unter­schie­den wird 14. Über­dies sind dem Gestal­tungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers umso enge­re Gren­zen gesetzt, je stär­ker sich die Ungleich­be­hand­lung auf die Aus­übung grund­recht­lich geschütz­ter Frei­hei­ten nach­tei­lig aus­wir­ken kann 15.

Aus­ge­hend hier­von stellt die unter­schied­li­che finan­zi­el­le Aus­ge­stal­tung der Leis­tun­gen bei häus­li­cher Pfle­ge kei­ne den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz miss­ach­ten­de Ungleich­be­hand­lung dar. Als Ver­gleichs­grup­pen sind die Pfle­ge­be­dürf­ti­gen zu betrach­ten, die sich für die Pfle­ge im häus­li­chen Bereich bei glei­cher Pfle­ge­stu­fe ent­we­der für die Pfle­ge­sach­leis­tung durch exter­ne Pfle­ge­kräf­te (§ 36 Abs. 1 SGB XI) oder für das dem­ge­gen­über redu­zier­te Pfle­ge­geld für selbst beschaff­te Pfle­ge­hil­fen (§ 37 Abs. 1 SGB XI) ent­schei­den. Die­se Ent­schei­dung beruht einer­seits auf dem frei­en Wil­lens­ent­schluss der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen, berührt aber auch deren in Art. 6 Abs. 1 GG geschütz­tes Recht, die eige­nen fami­liä­ren Ver­hält­nis­se selbst zu gestal­ten. Die Ungleich­be­hand­lung in der Höhe der gewähr­ten Leis­tun­gen muss daher durch hin­rei­chen­de Sach­grün­de zu recht­fer­ti­gen sein. Die­se lie­gen hier vor.

Sich für ein Sys­tem zu ent­schei­den, das den Pfle­ge­be­dürf­ti­gen die Wahl lässt zwi­schen der Pfle­ge in häus­li­cher Umge­bung durch exter­ne Pfle­ge­hil­fen oder durch selbst aus­ge­wähl­te Pfle­ge­per­so­nen, liegt in der sozi­al­po­li­ti­schen Gestal­tungs­frei­heit des Gesetz­ge­bers. Die zugrun­de­lie­gen­den Erwä­gun­gen sind weder offen­sicht­lich fehl­sam noch mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar. Der Gesetz­ge­ber ver­folgt das Ziel, bei Sicher­stel­lung einer sach­ge­rech­ten Pfle­ge die Mög­lich­keit der häus­li­chen Pfle­ge zu för­dern und ihr Vor­rang vor sta­tio­nä­rer Unter­brin­gung zu geben 16. Dafür stellt er zwei unter­schied­li­che Leis­tungs­mo­del­le zur Ver­fü­gung: Die häus­li­che Pfle­ge­hil­fe nach § 36 SGB XI ist eine Sach­leis­tung, bei der die Pfle­ge­be­dürf­ti­gen die Grund­pfle­ge und haus­wirt­schaft­li­che Ver­sor­gung durch per­so­nel­le Hil­fe Drit­ter erhal­ten. Die Pfle­ge­kräf­te müs­sen bei der Pfle­ge­kas­se selbst oder bei einer zuge­las­se­nen ambu­lan­ten Pfle­ge­ein­rich­tung ange­stellt sein oder als Ein­zel­per­so­nen mit der Pfle­ge­kas­se einen Ver­trag nach § 77 Abs. 1 SGB XI geschlos­sen haben. In jedem Fall ste­hen sie mit­tel­bar oder unmit­tel­bar in einem Ver­trags­ver­hält­nis zur Pfle­ge­kas­se. Im Fal­le des Pfle­ge­gel­des hin­ge­gen erhal­ten die Pfle­ge­be­dürf­ti­gen gemäß § 37 Abs. 1 Satz 1 und 2 SGB XI eine lau­fen­de Geld­leis­tung, für die sie die erfor­der­li­che Grund­pfle­ge und haus­wirt­schaft­li­che Ver­sor­gung in geeig­ne­ter Wei­se selbst sicher­stel­len müs­sen. Die Pfle­ge­per­so­nen sind dann je nach Wahl Ange­hö­ri­ge des Pfle­ge­be­dürf­ti­gen, ehren­amt­li­che Pfle­ge­per­so­nen oder mit dem Pfle­ge­geld "ein­ge­kauf­te" pro­fes­sio­nel­le Pfle­ge­kräf­te, die aber in kei­nem Ver­trags­ver­hält­nis zur Pfle­ge­kas­se ste­hen 17.

Gemäß § 77 Abs. 1 Satz 1 Halb­satz 2 SGB XI ist ein Ver­trag zwi­schen der Pfle­ge­kas­se mit Ver­wand­ten, Ver­schwä­ger­ten und Haus­halts­hil­fen aus­ge­schlos­sen. Das Pfle­ge­geld ist daher ein­fach­ge­setz­lich nicht als Ent­gelt aus­ge­stal­tet. Es soll viel­mehr im Sin­ne einer mate­ri­el­len Aner­ken­nung einen Anreiz dar­stel­len und zugleich die Eigen­ver­ant­wort­lich­keit und Selbst­be­stim­mung der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen stär­ken, indem die­se das Pfle­ge­geld zur frei­en Gestal­tung ihrer Pfle­ge ein­set­zen kön­nen 17. Wäh­rend also der Zweck der sach­ge­rech­ten Pfle­ge im Fall der Pfle­ge­sach­leis­tung nur bei aus­rei­chen­der Ver­gü­tung der Pfle­ge­kräf­te durch die Pfle­ge­kas­se sicher­ge­stellt ist, liegt der Kon­zep­ti­on des Pfle­ge­gel­des der Gedan­ke zugrun­de, dass fami­liä­re, nach­bar­schaft­li­che oder ehren­amt­li­che Pfle­ge unent­gelt­lich erbracht wird. Der Gesetz­ge­ber darf davon aus­ge­hen, dass die Ent­schei­dung zur fami­liä­ren Pfle­ge nicht abhän­gig ist von der Höhe der Ver­gü­tung, die eine pro­fes­sio­nel­le Pfle­ge­kraft für die­se Leis­tung erhält. Inso­weit ver­weist die hier ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts zu Recht auf die Aus­füh­run­gen des Bun­des­so­zi­al­ge­richts vom 18.03.1999 18 über die gegen­sei­ti­ge Bei­stands­pflicht von Ehe­gat­ten unter­ein­an­der sowie zwi­schen Eltern und Kin­dern. Die­se auch die Pfle­ge umfas­sen­de Pflicht ist nicht nur eine sitt­li­che Pflicht, son­dern durch §§ 1353, 1618a BGB auch als recht­li­che Pflicht aus­ge­stal­tet. Dies recht­fer­tigt es, das dies nur unter­stüt­zen­de Pfle­ge­geld in ver­gleichs­wei­se nied­ri­ge­rer Höhe zu gewäh­ren.

Die finan­zi­el­len Leis­tun­gen der Pfle­ge­ver­si­che­rung im häus­li­chen Bereich die­nen aus­weis­lich des § 4 Abs. 2 Satz 1 SGB XI dazu, die fami­liä­re, nach­bar­schaft­li­che oder ehren­amt­li­che Pfle­ge und Betreu­ung zu ergän­zen. Im Fall der Sach­leis­tung durch Drit­te kann eine sach­ge­rech­te Pfle­ge aber nur bei ord­nungs­ge­mä­ßer Ver­gü­tung der Pfle­ge­kräf­te sicher­ge­stellt wer­den. Im Fall des Pfle­ge­gel­des muss dage­gen nicht eine sonst feh­len­de Pfle­ge durch bezahl­te, pro­fes­sio­nel­le Kräf­te erst ein­ge­kauft wer­den.

Der Gesetz­ge­ber hat mit der unter­schied­li­chen finan­zi­el­len Aus­ge­stal­tung ent­ge­gen dem Vor­trag der Beschwer­de­füh­re­rin­nen weder einen Anreiz für Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge geschaf­fen, sich der fami­liä­ren Pfle­ge zu ent­le­di­gen, noch bestraft er will­kür­lich den Wunsch Ange­hö­ri­ger zur fami­liä­ren Pfle­ge. Zwar ist der Anreiz zur Pfle­ge­be­reit­schaft umso grö­ßer, je mehr der Staat an finan­zi­el­ler Unter­stüt­zung bereit­stellt. Dar­aus erwächst aber kein Anspruch auf finan­zi­el­le För­de­rung oder auf Anhe­bung des Pfle­ge­gel­des auf den Wert der Sach­leis­tung. Der Gesetz­ge­ber darf die För­de­rung des fami­liä­ren Zusam­men­halts viel­mehr auch dadurch ver­wirk­li­chen, dass er den Pfle­ge­be­dürf­ti­gen die Wahl zwi­schen den ver­schie­de­nen For­men der Pfle­ge lässt, und wegen der beson­de­ren Pflich­ten­bin­dung von Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen das Pfle­ge­geld ledig­lich als mate­ri­el­le Aner­ken­nung vor­sieht.

Schutz von Ehe und Fami­lie[↑]

Aus Art. 6 Abs. 1 GG allein ergibt sich nichts ande­res. Als Frei­heits­recht ver­pflich­tet Art. 6 Abs. 1 GG den Staat, Ein­grif­fe in die Fami­lie zu unter­las­sen. Dar­über hin­aus ent­hält die Bestim­mung eine wert­ent­schei­den­de Grund­satz­norm, die für den Staat die Pflicht begrün­det, Ehe und Fami­lie zu schüt­zen und zu för­dern 19. Dies umschließt auch die Auf­ga­be, den wirt­schaft­li­chen Zusam­men­halt der Fami­lie zu för­dern, beson­ders im Bereich der Sozi­al­ver­si­che­rung 20. Anders als die Beschwer­de­füh­re­rin­nen mei­nen, geht die För­de­rungs­pflicht des Staa­tes aber nicht so weit, dass es dem Gesetz­ge­ber ver­wehrt wäre, für die nicht­fa­mi­liä­re pro­fes­sio­nel­le Pfle­ge höhe­re Sach­leis­tun­gen bereit­zu­stel­len. Ein der­ar­ti­ges Begüns­ti­gungs­ver­bot ergibt sich schon des­halb nicht aus Art. 6 Abs. 1 GG, weil das nied­ri­ge­re Pfle­ge­geld nicht nur die Pfle­ge durch Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge betrifft. Viel­mehr kann die Pfle­ge auch durch nicht­fa­mi­liä­re ehren­amt­li­che oder erwerbs­mä­ßi­ge Pfle­ge­kräf­te erbracht wer­den. Aber auch inso­weit die Pfle­ge in ers­ter Linie durch Ange­hö­ri­ge erfolgt, las­sen sich aus der über die all­ge­mei­ne Schutz­pflicht hin­aus­ge­hen­den För­de­rungs­pflicht der Fami­lie kei­ne kon­kre­ten Ansprü­che auf bestimm­te staat­li­che Leis­tun­gen her­lei­ten 21.

Die ange­grif­fe­nen Rege­lun­gen ver­sto­ßen nicht gegen Art. 14 Abs. 1 GG. Sozi­al­recht­li­che Ansprü­che genie­ßen nur dann grund­recht­li­chen Eigen­tums­schutz, wenn es sich um ver­mö­gens­wer­te Rechts­po­si­tio­nen han­delt, die dem Rechts­trä­ger nach Art eines Aus­schließ­lich­keits­rechts pri­vat­nüt­zig zuge­ord­net sind, auf nicht uner­heb­li­chen Eigen­leis­tun­gen beru­hen und sei­ner Exis­tenz­si­che­rung die­nen 22. Vor­lie­gend ist schon nicht ersicht­lich, in wel­che ver­mö­gens­wer­te Posi­ti­on durch die unter­schied­li­che Höhe der Leis­tun­gen bei glei­chen Bei­trags­zah­lun­gen ein­ge­grif­fen wird. Denn Art und Aus­maß der Leis­tun­gen, die die Pfle­ge­ver­si­che­rung gewährt, hän­gen allein davon ab, dass der Pfle­ge­be­dürf­ti­ge in der Pfle­ge­ver­si­che­rung ver­si­chert oder mit­ver­si­chert ist, und nicht davon, in wel­chem Umfang er Bei­trä­ge ent­rich­tet hat 23. Dass das Pfle­ge­geld im Betrag gerin­ger ist als die Pfle­ge­sach­leis­tung, steht in kei­nem Zusam­men­hang mit den ein­ge­zahl­ten Bei­trä­gen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 26. März 2014 – 1 BvR 1133/​12

  1. SG Mün­chen, Urteil vom 21.04.2011 – S 18 P 277/​09[]
  2. BayLSG, Urteil vom 14.11.2011 – L 2 P 60/​11[]
  3. BSG, Beschluss vom 10.04.2012 – B 3 P 1/​12 B[]
  4. vgl. BVerfGE 128, 90, 99[]
  5. vgl. BVerfGE 74, 102, 114; BVerfGK 1, 222, 223[]
  6. vgl. BVerfGE 128, 90, 100[]
  7. vgl. BVerfGE 91, 93, 106[]
  8. vgl. BVerfGE 91, 93, 106; 128, 90, 100[]
  9. vgl. BVerfGE 91, 93, 107[]
  10. vgl. BVerfGE 71, 255, 271; stRspr[]
  11. vgl. BVerfGE 87, 1, 36; stRspr[]
  12. vgl. BVerfGE 126, 400, 416; 129, 49, 69[]
  13. vgl. BVerfGE 122, 1, 23; 126, 400, 416; 129, 49, 68[]
  14. vgl. BVerfGE 88, 87, 96[]
  15. vgl. BVerfGE 82, 126, 146[]
  16. vgl. BT-Drs. 12/​5262, S. 111 zu § 32[]
  17. vgl. BT-Drs. 12/​5262, S. 112 zu § 33[][]
  18. B 3 P 8/​98 RSozR 3 – 3300 § 77 Nr. 1[]
  19. vgl. BVerfGE 87, 1, 35; 103, 242, 257 f.; stRspr[]
  20. vgl. BVerfGE 75, 382, 392 m.w.N.[]
  21. vgl. BVerfGE 130, 240, 252[]
  22. vgl. BVerfGE 69, 272, 300; 92, 365, 405; 97, 217, 284; 100, 1, 32 f.; 128, 90, 101[]
  23. vgl. BVerfGE 103, 242, 260[]