Kne­be­lung – und der beding­te Tötungs­vor­satz

Bedingt vor­sätz­li­ches Han­deln setzt nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs vor­aus, dass der Täter den Ein­tritt des tat­be­stand­li­chen Erfol­ges als mög­lich und nicht ganz fern­lie­gend erkennt, wei­ter dass er ihn bil­ligt oder sich um des erstreb­ten Zie­les wil­len zumin­dest mit der Tat­be­stands­ver­wirk­li­chung abfin­det.

Kne­be­lung – und der beding­te Tötungs­vor­satz

Bei äußerst gefähr­li­chen Gewalt­hand­lun­gen liegt es nahe, dass der Täter mit der Mög­lich­keit rech­net, das Opfer kön­ne zu Tode kom­men und – weil er mit sei­nem Han­deln gleich­wohl fort­fährt – einen sol­chen Erfolg bil­li­gend in Kauf nimmt 1.

Eine hohe und zudem anschau­li­che kon­kre­te Lebens­ge­fähr­lich­keit von Gewalt­hand­lun­gen stellt mit­hin auf bei­den Vor­satz­ebe­nen das wesent­li­che auf beding­ten Tötungs­vor­satz hin­wei­sen­de Beweis­an­zei­chen dar 2. Aller­dings kön­nen im Ein­zel­fall das Wis­sens- oder das Wil­lens­ele­ment des Even­tu­al­vor­sat­zes feh­len, wenn etwa dem Täter, obwohl er alle Umstän­de kennt, die sein Vor­ge­hen zu einer das Leben gefähr­den­den Behand­lung machen, das Risi­ko der Tötung infol­ge einer psy­chi­schen Beein­träch­ti­gung etwa bei Affekt oder alko­ho­li­scher Beein­flus­sung nicht bewusst ist (Feh­len des Wis­sens­ele­ments) oder wenn er trotz erkann­ter objek­ti­ver Gefähr­lich­keit der Tat ernst­haft und nicht nur vage auf ein Aus­blei­ben des töd­li­chen Erfol­ges ver­traut (Feh­len des Wil­lens­ele­ments). Bei­de Ele­men­te müs­sen tat­sa­chen­fun­diert getrennt von­ein­an­der geprüft wer­den 3.

Die Prü­fung, ob beding­ter Vor­satz vor­liegt, erfor­dert bei Tötungs­de­lik­ten ins­be­son­de­re dann, wenn das Tat­ge­richt allein oder im Wesent­li­chen aus äuße­ren Umstän­den auf die inne­re Ein­stel­lung eines Ange­klag­ten zur Tat schlie­ßen muss, eine Gesamt­schau aller objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Tat­um­stän­de 4, wobei schon eine Gleich­gül­tig­keit gegen­über dem zwar nicht erstreb­ten, wohl aber hin­ge­nom­me­nen Tod des Opfers die Annah­me beding­ten Tötungs­vor­sat­zes recht­fer­tigt 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. April 2016 – 5 StR 498/​15

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 22.03.2012 – 4 StR 558/​11, BGHSt 57, 183, 186 Rn. 26; vom 26.03.2015 – 4 StR 442/​14, NStZ-RR 2015, 172 mwN[]
  2. vgl. Münch­Komm-StG­B/­Schnei­der, 2. Aufl. § 212 Rn. 65 mwN[]
  3. BGH, Urtei­le vom 22.03.2012 – 4 StR 558/​11, aaO, S. 187 Rn. 27; vom 14.08.2014 – 4 StR 163/​14, NJW 2014, 3382, 3383 mit krit. Anm. Loh­mann, NStZ 2015, 580; vgl. zum Ver­trau­ens­kri­te­ri­um als zen­tra­lem Abgren­zungs­merk­mal auf der vol­un­ta­ti­ven Vor­satz­ebe­ne Münch­Komm-StG­B/­Schnei­der, aaO Rn. 64 f.[]
  4. vgl. ins­be­son­de­re zur Wür­di­gung des vol­un­ta­ti­ven Vor­satz­ele­ments BGH, Urtei­le vom 18.10.2007 – 3 StR 226/​07, NStZ 2008, 93 f.; vom 27.01.2011 – 4 StR 502/​10, NStZ 2011, 699, 702; vom 22.03.2012 – 4 StR 558/​11, BGHSt 57, 183, 188 Rn. 29; vom 13.01.2015 – 5 StR 435/​14, NStZ 2015, 216; vom 14.01.2016 – 4 StR 84/​15, NStZ-RR 2016, 79, 80, jeweils mwN[]
  5. vgl. Münch­Komm-StG­B/­Schnei­der, aaO Rn. 67 mwN[]