Kon­to­aus­zü­ge und Hartz IV

Die Pflicht zur Vor­la­ge von Kon­to­aus­zü­gen im Rah­men der Bewil­li­gung von Arbeits­lo­sen­geld II ist durch den Daten­schutz begrenzt, die ARGE kann die Vor­la­ge daher nicht unbe­schränkt ver­lan­gen, wohl aber für die letz­ten drei Mona­te.

Kon­to­aus­zü­ge und Hartz IV

In einem jetzt vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt ent­schie­de­nen Fall hat­te die beklag­te ARGE die Gewäh­rung von Arbeits­lo­sen­geld II (Alg II) als Leis­tung der Grundsiche­rung für Arbeit­su­chen­de (nach dem SGB II) ver­sagt, weil der Klä­ger sich gewei­gert hat­te, eine Kon­tenübersicht und die Kon­to­aus­zü­ge der letz­ten drei Mona­te vor­zu­le­gen. Der Klä­ger hält das Ver­lan­gen der Beklag­ten für unan­ge­mes­sen und unver­hält­nis­mä­ßig, weil er zuvor bereits über 13 Mona­te Leis­tungen nach dem SGB II erhal­ten und in sei­nem Fort­zah­lungs­an­trag ange­ge­ben habe, in den Ver­­­mö­gens- und Ein­kom­mens­ver­hält­nis­sen habe sich kei­ne Ände­rung erge­ben. Bestün­den kei­nerlei kon­krete Anhalts­punk­te dafür, dass zwi­schen­zeit­lich Ein­nah­men erzielt oder Ver­mö­gen ange­sam­melt wor­den sei, so sei die For­de­rung nach Vor­la­ge von Kon­to­aus­zü­gen unver­hält­nis­mä­ßig. Zudem wer­de er hier­durch in sei­nen Rech­ten auf Sozi­al­da­ten­schutz ver­letzt.

Das BSG hat hier­zu ent­schie­den, dass die Beklag­te berech­tigt war, dem Klä­ger ab 1. Febru­ar 2006 Alg II wegen feh­len­der Mit­wir­kung zu ver­sa­gen. Eine grund­sätz­li­che Pflicht zur Vor­la­ge der Kon­to­aus­zü­ge, einer Kon­ten­über­sicht und der Lohn­steu­er­kar­te folgt aus § 60 I Nr 3 SGB I. Hier­nach hat, wer Sozi­al­leis­tun­gen bean­tragt oder erhält, Beweis­mit­tel zu bezeich­nen und auf Ver­lan­gen des zustän­di­gen Leis­tungs­trä­gers Beweis­urkun­den vor­zu­le­gen. Die all­ge­mei­nen Mit­wir­kungs­pflich­ten gel­ten grund­sätz­lich auch im Bereich der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de. Die von der Beklag­ten gefor­der­ten Vor­la­ge­pflich­ten waren auch nicht durch § 65 SGB I ein­ge­schränkt, der Gren­zen der Mit­wir­kungs­pflicht auf­zeigt. Ins­be­son­de­re kann die Beklag­te nicht dar­auf ver­wie­sen wer­den, nur im Rah­men eines (Erst-) Antrags die Vor­la­ge von Kon­to­aus­zü­gen etc zu for­dern. Eine sol­che Auf­for­de­rung kann auch – wie hier – bei Stel­lung eines Fol­ge­an­trags erfol­gen. Eben­so wenig ist die Vor­la­ge­pflicht auf kon­kre­te Ver­dachts­fäl­le beschränkt. Hin­sicht­lich der zeit­li­chen Erstre­ckung war die Vor­la­ge von Kon­to­aus­zü­gen jeden­falls der letz­ten drei Mona­te nicht unver­hält­nis­mä­ßig.

Die Vor­la­ge­pflicht wird auch durch die Rege­lun­gen des Sozi­al­da­ten­schut­zes nicht grund­sätz­lich ein­geschränkt. Sowohl nach den spe­zi­el­len Daten­schutz­vor­schrif­ten des SGB II (§§ 50 ff) als auch nach den all­ge­mei­nen Rege­lun­gen des Sozi­al­da­ten­schut­zes in den §§ 67 ff SGB X ist die Erhe­bung von geschütz­ten Sozi­al­da­ten zuläs­sig, wenn ihre Kennt­nis zur Erfül­lung einer Auf­ga­be der erhe­ben­den Stel­le nach dem Sozi­al­ge­setz­buch erfor­der­lich ist. Die Vor­la­ge der Kon­to­aus­zü­ge und einer Konten­übersicht ist in die­sem Sin­ne erfor­der­lich, um die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen der Grundsicherungs­leistungen zu ermit­teln und zu über­prü­fen. Im Ein­zel­fall kann aller­dings zwei­fel­haft sein, ob die Erhe­bung beson­de­rer Arten per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten für die Erfül­lung der Auf­ga­ben des Grundsiche­rungsträgers erfor­der­lich ist. Hier­zu zäh­len Anga­ben über die ras­si­sche und eth­ni­sche Her­kunft, poli­tische Mei­nun­gen, reli­giö­se oder phi­lo­so­phi­sche Über­zeu­gun­gen, Gewerk­schafts­zu­ge­hö­rig­keit oder Sexu­al­le­ben.

Dies betrifft aber nur die Aus­ga­ben­sei­te (Soll­stel­lung) der Kon­ten­be­we­gun­gen. Wäh­rend die Einnah­men jeweils unbe­grenzt aus den Kon­to­aus­zü­gen her­vor­ge­hen müs­sen, räu­men die Rege­lun­gen des Sozi­al­da­ten­schut­zes (§ 67 Abs 12 iVm § 67a Abs 1 SGB X) dem Grund­si­che­rungs­emp­fän­ger die Mög­lich­keit ein, auf der Aus­ga­ben­sei­te die Emp­fän­ger von Zah­lun­gen zu schwär­zen oder unkennt­lich zu machen, wenn die­se Zah­lun­gen beson­de­re per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten betref­fen (etwa Bei­trä­ge für Gewerk­schaf­ten, poli­ti­sche Par­tei­en, Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten etc). Die über­wie­se­nen Beträ­ge müs­sen aber auch in die­sen Fäl­len für den Grund­si­che­rungs­trä­ger erkenn­bar blei­ben. Die Rege­lun­gen über den Sozi­al­da­ten­schutz in den §§ 67 ff SGB X grei­fen auch nicht in das Grund­recht des Klä­gers auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung ein.

Der Grund­si­che­rungs­trä­ger ist zwar grund­sätz­lich gehal­ten, in sei­nen Mit­wir­kungs­auf­for­de­run­gen auf die auf­ge­zeig­ten Mög­lich­kei­ten der Schwärzung von Anga­ben zu Zah­lungs­emp­fän­gern hin­zu­wei­sen. Im vor­lie­gen­den Fall kann aber dahin­ste­hen, ob ein unter­las­se­ner Hin­weis die Auf­for­de­rung bereits rechts­wid­rig macht, denn der Klä­ger hat sich von vor­ne­her­ein und prin­zi­pi­ell gewei­gert, über­haupt Kon­to­aus­zü­ge vor­zu­le­gen bzw mit­zu­wir­ken.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 19. Sep­tem­ber 2008 – B 14 AS 45/​07 R