Ladungs­fä­hi­ge Anschrift und die Zuläs­sig­keit der Kla­ge

Die Zu­läs­sig­keit der Kla­ge setzt re­gel­mä­ßig die An­ga­be einer la­dungs­fä­hi­gen An­schrift vor­aus. Im Hin­blick auf den aus Art. 19 Abs. 4 GG flie­ßen­den An­spruch auf ef­fek­ti­ven Rechts­schutz kann die­se An­ga­be aus­nahms­wei­se ent­fal­len, wenn be­son­de­re dem Ge­richt mit­ge­teil­te Grün­de dies recht­fer­ti­gen, etwa feh­len­der Wohn­ort wegen Ob­dach­lo­sig­keit oder ein schutz­wür­di­ges Ge­heim­hal­tungs­in­ter­es­se 1.

Ladungs­fä­hi­ge Anschrift und die Zuläs­sig­keit der Kla­ge

Denn in der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung ist geklärt, dass die Zuläs­sig­keit der Kla­ge regel­mä­ßig die Anga­be einer ladungs­fä­hi­gen Anschrift vor­aus­setzt, ohne dass inso­weit nach Kla­ge­ar­ten dif­fe­ren­ziert wird, § 82 Abs. 1 VwGO, § 173 VwGO i.V.m. § 130 Nr. 1 ZPO 2. Eben­falls ist geklärt, dass die Pflicht zur Anga­be der Anschrift im Hin­blick auf den aus Art.19 Abs. 4 GG flie­ßen­den Anspruch auf effek­ti­ven Rechts­schutz, der unab­hän­gig von der jewei­li­gen Kla­ge­art besteht, aus­nahms­wei­se ent­fällt, etwa bei feh­len­dem Wohn­ort wegen Obdach­lo­sig­keit oder wegen eines schutz­wür­di­gen Geheim­hal­tungs­in­ter­es­ses, wenn dem Gericht die Grün­de hier­für mit­ge­teilt wer­den 3. Ob ein sol­cher Aus­nah­me­fall vor­liegt, ist jedoch eine Fra­ge des jewei­li­gen Ein­zel­fal­les und des­halb einer grund­sätz­li­chen Klä­rung nicht zugäng­lich.

Zwar ist im Pro­to­koll der münd­li­chen Ver­hand­lung fest­ge­hal­ten, dass gegen den Klä­ger zwei staats­an­walt­schaft­li­che Ermitt­lungs­ver­fah­ren anhän­gig sein sol­len und er dar­über hin­aus zur Fahn­dung aus­ge­schrie­ben sein soll. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ist dem jedoch nicht nach­ge­gan­gen. Soweit der Ein­wand des nicht fest­ge­stell­ten Sach­ver­halts einer Grund­satz­be­schwer­de aus­nahms­wei­se dann nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den kann, wenn eine in der Vor­in­stanz ord­nungs­ge­mäß bean­trag­te Sach­ver­halts­auf­klä­rung nur des­we­gen unter­blie­ben ist, weil das Tat­sa­chen­ge­richt die als rechts­grund­sätz­lich bedeut­sam bezeich­ne­te Fra­ge anders als der Beschwer­de­füh­rer beant­wor­tet und des­we­gen die Beweis­auf­nah­me als nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich abge­lehnt hat 4, liegt die­ser Aus­nah­me­fall hier nicht vor. Denn der Klä­ger hat­te einen Beweis­an­trag zur Gefahr sei­ner Ver­haf­tung nicht gestellt und auf eine dies­be­züg­li­che Auf­klä­rung auch nicht hin­ge­wirkt.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 14. Febru­ar 2012 – 9 B 79.11

  1. stRspr, wie BVerwG, Ur­teil vom 13.04.1999 – 1 C 24.97, Buch­holz 310 § 82 VwGO Nr. 19[]
  2. BVerwG, Urteil vom 13.04.1999 a.a.O. S. 3 ff.; Beschluss vom 01.09.2005 – 1 B 79.05, Buch­holz 310 § 82 VwGO Nr. 22; BGH, Urteil vom 09.12.1987 a.a.O. S. 334 f.; BFH, Urteil vom 28.01.1997 – VII R 33/​96; vgl. auch Hess.VGH Kas­sel, Urteil vom 15.05.1995 – 7 UE 2052/​94, NVwZ-RR 1996, 179; KG, Beschluss vom 10.03.2005 – 19 WF 34/​05; OLG Stutt­gart, Urteil vom 03.01.2011 – 5 U 94/​09, BeckRS 2011, 16758; a.A. VGH BAd.-Württ., Urteil vom 22.04.1996 – 1 S 662/​95, NVwZ 1997, 1233[]
  3. BVerfG, Kam­mer­be­schlüs­se vom 02.02.1996 a.a.O.; und vom 11.11.1999 a.a.O.; BVerwG, Urteil vom 13.04.1999 a.a.O. S. 8; BGH, Urteil vom 09.12.1987 a.a.O. S. 336; BFH, Urteil vom 19.10.2000 – IV R 25/​00BFHE 193, 52, 55; Beschluss vom 18.08.2011 a.a.O. Rn. 14 f.[]
  4. s. BVerwG, Beschluss vom 17.03.2000 – 8 B 287.99, BVerw­GE 111, 61, 62 = Buch­holz 428 § 30a VermG Nr. 14[]