Mit­be­stim­mung bei Ein- und Umgrup­pie­run­gen – außer­ta­rif­li­che Zulan­gen und das Ver­gü­tungs­sche­ma

Nach § 99 Abs. 2 Nr. 1 BetrVG kann der Betriebs­rat die Zustim­mung zu einer geplan­ten per­so­nel­len Ein­zel­maß­nah­me ua. ver­wei­gern, wenn die Maß­nah­me gegen ein Gesetz ver­stößt. Die beab­sich­tig­te Ein- oder Umgrup­pie­rung eines Arbeit­neh­mers ver­stößt gegen ein Gesetz, wenn der Arbeit­ge­ber den Arbeit­neh­mer in ein ande­res Ent­gelt­sche­ma ein­grup­pie­ren will als das­je­ni­ge, wel­ches im Betrieb zur Anwen­dung kom­men muss 1. Das wie­der­um ist der Fall, wenn der Arbeit­ge­ber ein Ver­gü­tungs­sche­ma anwen­den will, das nicht den im Betrieb gel­ten­den Ent­loh­nungs­grund­sät­zen ent­spricht.

Mit­be­stim­mung bei Ein- und Umgrup­pie­run­gen – außer­ta­rif­li­che Zulan­gen und das Ver­gü­tungs­sche­ma

Die dar­in lie­gen­de Ände­rung der bestehen­den Ent­loh­nungs­grund­sät­ze ist nicht ein­sei­tig mög­lich. Sie bedarf nach § 87 Abs. 1 Nr. 10 BetrVG der Zustim­mung des Betriebs­rats. Solan­ge die­se nicht – ggf. durch Spruch der Eini­gungs­stel­le – erteilt ist, sind die bis­her prak­ti­zier­ten Ent­loh­nungs­grund­sät­ze im Betrieb wei­ter anzu­wen­den. Die beab­sich­tig­te Ein­grup­pie­rung in ein ande­res als das anzu­wen­den­de Ver­gü­tungs­sche­ma ver­stößt gegen § 87 Abs. 1 Nr. 10 BetrVG 2.

Im Betrieb eines tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­ge­bers stellt die im ein­schlä­gi­gen Tarif­ver­trag ent­hal­te­ne Ver­gü­tungs­ord­nung zugleich das im Betrieb gel­ten­de Sys­tem für die Bemes­sung des Ent­gelts der Arbeit­neh­mer dar. Zwar han­delt es sich bei tarif­li­chen Ver­gü­tungs­re­ge­lun­gen nicht um Betriebs­nor­men iSv. § 3 Abs. 2 TVG, die unab­hän­gig von der Tarif­bin­dung der Arbeit­neh­mer für alle Betrie­be des tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­ge­bers gel­ten, son­dern um Inhalts­nor­men, die nur unmit­tel­bar und zwin­gend im Ver­hält­nis zwi­schen dem Arbeit­ge­ber und den tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­neh­mern (§ 3 Abs. 1, § 4 Abs. 1 Satz 1 TVG) Anwen­dung fin­den 3. Den­noch ist der tarif­ge­bun­de­ne Arbeit­ge­ber betriebs­ver­fas­sungs­recht­lich ver­pflich­tet, die tarif­li­che Ver­gü­tungs­ord­nung unge­ach­tet der Tarif­bin­dung der Arbeit­neh­mer im Betrieb anzu­wen­den, soweit deren Gegen­stän­de der erzwing­ba­ren Mit­be­stim­mung des § 87 Abs. 1 Nr. 10 BetrVG unter­lie­gen. Die­ses Ver­ständ­nis geben die Funk­ti­on des Tarif­vor­be­halts in § 87 Abs. 1 Ein­gangs­halbs. BetrVG sowie der Norm­zweck des § 87 Abs. 1 Nr. 10 BetrVG vor 4.

Die Maß­geb­lich­keit die­ses tarif­li­chen Ent­gelt­sys­tems ist durch die Gewäh­rung von über- oder außer­ta­rif­li­chen Zula­gen durch die Arbeit­ge­be­rin nicht weg­ge­fal­len. Dabei kann zu Guns­ten des Betriebs­rats unter­stellt wer­den, dass der von der Arbeit­ge­be­rin im Grund­satz nicht bestrit­te­nen Gewäh­rung sol­cher Zula­gen ent­ge­gen ihrer Ansicht ein kol­lek­ti­ves Ein­grup­pie­rungs­sys­tem zu Grun­de liegt, bei des­sen Ein­füh­rung und Aus­ge­stal­tung der Betriebs­rat unter Ver­stoß gegen § 87 Abs. 1 Nr. 10 BetrVG nicht betei­ligt wur­de. Das tarif­ver­trag­li­che Ent­gelt­sche­ma blie­be auch in die­sem Fall die für den Betrieb maß­geb­li­che kol­lek­ti­ve Ver­gü­tungs­ord­nung.

Die im Tarif­ver­trag ent­hal­te­ne tarif­li­che Ent­geltre­ge­lung, an die die Arbeit­ge­be­rin kraft Ver­bands­zu­ge­hö­rig­keit gebun­den ist, setzt ledig­lich Min­dest­be­din­gun­gen. Die Arbeit­ge­be­rin ist daher nicht gehin­dert, zusätz­li­che Leis­tun­gen zu gewäh­ren. Das kann – soweit nicht der Tarif­vor­be­halt nach § 87 Abs. 1 Ein­gangs­satz BetrVG ein­greift – als kol­lek­ti­ve Maß­nah­me der Mit­be­stim­mung des Betriebs­rats nach § 87 Abs. 1 Nr. 10 BetrVG unter­lie­gen. Danach hat der Betriebs­rat mit­zu­be­stim­men in Fra­gen der betrieb­li­chen Lohn­ge­stal­tung, ins­be­son­de­re bei der Auf­stel­lung von Ent­loh­nungs­grund­sät­zen und der Ein­füh­rung und Anwen­dung neu­er Ent­loh­nungs­me­tho­den sowie bei deren Ände­rung. Zweck des Mit­be­stim­mungs­rechts ist es, das betrieb­li­che Lohn­ge­fü­ge ange­mes­sen und durch­sich­tig zu gestal­ten und die betrieb­li­che Lohn- und Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit zu wah­ren. Gegen­stand des Mit­be­stim­mungs­rechts ist dabei nicht die kon­kre­te Höhe des Arbeits­ent­gelts. Mit­be­stim­mungs­pflich­tig sind viel­mehr die Struk­tur­for­men des Ent­gelts ein­schließ­lich ihrer nähe­ren Voll­zugs­for­men 5. Die­ses Mit­be­stim­mungs­recht ist bei tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­ge­bern vor allem für den Bereich der über- und außer­ta­rif­li­chen Zula­gen von Bedeu­tung 6.

Soll­te die Arbeit­ge­be­rin außer­halb des tarif­li­chen Ver­gü­tungs­sys­tems kol­lek­tiv über- oder außer­ta­rif­li­che Zula­gen gewäh­ren, ohne dass damit etwas über die Stel­lung des Arbeit­neh­mers im tarif­li­chen Ver­gü­tungs­sys­tem des LTV/​GTV aus­ge­sagt wird, begrün­de­te dies kei­ne Ein­grup­pie­rungs­ver­pflich­tung iSd. § 99 BetrVG 7. Selbst wenn die Gewäh­rung der­ar­ti­ger Leis­tun­gen nach § 87 Abs. 1 Nr. 10 BetrVG der Mit­be­stim­mung des Betriebs­rats unter­lä­ge, blie­be das tarif­li­che Ent­gelt­sys­tem als sol­ches unbe­rührt und wäre wei­ter anzu­wen­den. Wer­den außer­halb der im Betrieb anzu­wen­den­den tarif­li­chen Ver­gü­tungs­ord­nung Zula­gen nach einem kol­lek­ti­ven Sys­tem mit­be­stim­mungs­wid­rig gewährt, folgt dar­aus bereits des­halb kein Zustim­mungs­ver­wei­ge­rungs­grund iSd. § 99 Abs. 2 Nr. 1 BetrVG, weil der in den außer­ta­rif­li­chen Zula­gen lie­gen­de Ent­loh­nungs­grund­satz nicht das für die Ein­grup­pie­rung allein maß­geb­li­che Ent­gelt­sche­ma betrifft. Die rich­ti­ge Ein­grup­pie­rung der Arbeit­neh­mer inner­halb des Ent­gelt­sche­mas wird durch eine mit­be­stim­mungs­wid­ri­ge Ver­än­de­rung von Lohn­be­stand­tei­len außer­halb des Sche­mas nicht beein­flusst 8.

Soll­te die Arbeit­ge­be­rin durch über- bzw. außer­ta­rif­li­che Zula­gen ein in das Ver­gü­tungs­grup­pen­sys­tem ein­ge­bun­de­nes Ein­grup­pie­rungs­sys­tem anwen­den, in dem die Zula­ge die Funk­ti­on einer Zwi­schen­grup­pe erfüllt, könn­te inso­weit zwar eine Ein­grup­pie­rung iSv. § 99 Abs. 1 BetrVG vor­lie­gen 7. Gleich­wohl blie­be das bis­he­ri­ge tarif­li­che Ent­gelt­sche­ma die im Betrieb anzu­wen­den­de Ver­gü­tungs­ord­nung. Die in der Anwen­dung eines sol­chen Sys­tems lie­gen­de Ände­rung der Ent­loh­nungs­grund­sät­ze bedarf nach § 87 Abs. 1 Nr. 10 BetrVG der Zustim­mung des Betriebs­rats. Solan­ge die­se nicht – ggf. durch Spruch der Eini­gungs­stel­le – erteilt ist, sind die bis­her prak­ti­zier­ten Ent­loh­nungs­grund­sät­ze im Betrieb wei­ter anzu­wen­den 9. Des­halb blie­be das sich aus dem Tarif­ver­tragGTV erge­ben­de Ent­gelt­sche­ma auch in die­sem Fall wei­ter­hin die im Betrieb der Arbeit­ge­be­rin gel­ten­de Ver­gü­tungs­ord­nung.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 21. März 2018 – 7 ABR 38/​16

  1. vgl. BAG 28.04.2009 – 1 ABR 97/​07, Rn. 26, BAGE 131, 1; 27.06.2000 – 1 ABR 36/​99, zu B II 1 c der Grün­de mwN[]
  2. BAG 28.04.2009 – 1 ABR 97/​07, Rn. 26, aaO; 27.06.2000 – 1 ABR 36/​99, zu B II 1 c der Grün­de mwN[]
  3. BAG 23.08.2016 – 1 ABR 15/​14, Rn. 18; 18.10.2011 – 1 ABR 25/​10, Rn. 16, BAGE 139, 332; 4.05.2011 – 7 ABR 10/​10, Rn. 22, BAGE 138, 39; 18.03.2008 – 1 ABR 81/​06, Rn. 29, BAGE 126, 176[]
  4. BAG 23.08.2016 – 1 ABR 15/​14, Rn. 18; 18.10.2011 – 1 ABR 25/​10, Rn. 16, aaO[]
  5. BAG 14.04.2010 – 7 ABR 91/​08, Rn. 15[]
  6. vgl. etwa Fit­ting 29. Aufl. § 87 Rn. 410[]
  7. vgl. BAG 19.10.2011 – 4 ABR 119/​09, Rn. 22; 2.04.1996 – 1 ABR 50/​95, zu B II 1 der Grün­de[][]
  8. vgl. BAG 28.04.2009 – 1 ABR 97/​07, Rn. 32, BAGE 131, 1[]
  9. BAG 28.04.2009 – 1 ABR 97/​07, Rn. 26, BAGE 131, 1; 27.06.2000 – 1 ABR 36/​99, zu B II 1 c der Grün­de mwN[]