Poli­zei­li­che Zeu­gen­ver­neh­mun­gen – und die Anord­nung der Ver­le­sung der Ver­neh­mungs­nie­der­schrift

Sowohl mit dem Beschluss­erfor­der­nis aus § 251 Abs. 4 Satz 1 StPO als auch der Begrün­dungs­pflicht in Satz 2 der genann­ten Vor­schrif­ten sol­len einer­seits die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten über den Grund der Ver­le­sung unter­rich­tet und deren Umfang ein­deu­tig bestimmt wer­den.

Poli­zei­li­che Zeu­gen­ver­neh­mun­gen – und die Anord­nung der Ver­le­sung der Ver­neh­mungs­nie­der­schrift

Ande­rer­seits bezweckt die Rege­lung bei Ent­schei­dun­gen durch ein Kol­le­gi­al­ge­richt die Sicher­stel­lung der Ent­schei­dungs­fin­dung durch den gesam­ten Spruch­kör­per; sie gewähr­leis­tet zudem, dass den Schöf­fen im Hin­blick auf den Unmit­tel­bar­keits­grund­satz der Aus­nah­me­cha­rak­ter der Ver­le­sung ver­deut­licht wird 1.

Ange­sichts des­sen beruht ein Urteil jeden­falls dann nicht auf der feh­len­den Begrün­dung des anord­nen­den Beschlus­ses, wenn der Grund für die Ver­le­sung ohne­hin allen Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten bekannt ist 2.

So ver­hält es sich vor­lie­gend. Aus­weis­lich der durch den Ver­merk des Vor­sit­zen­den bestä­tig­ten Gegen­er­klä­rung der Staats­an­walt­schaft hat­te der Ver­tei­di­ger des Ange­klag­ten mit der Ankün­di­gung eines Geständ­nis­ses die Bit­te um einen frü­hen Ter­min zur Haupt­ver­hand­lung ver­bun­den. Als Reak­ti­on dar­auf stell­te der Vor­sit­zen­de nach Rück­spra­che mit der Staats­an­walt­schaft und dem Ver­tei­di­ger des Mit­an­ge­klag­ten einen kurz­fris­tig anbe­raum­ten außer­or­dent­li­chen Sit- zungs­ter­min Zugleich hat­te der Vor­sit­zen­de bei­de Ver­tei­di­ger vor­sorg­lich um eine Erklä­rung zum Ver­zicht auf die vor­ge­se­he­nen Ein­las­sungs- und Ladungs­fris­ten gebe­ten und bereits zu die­sem Zeit­punkt eine Mit­tei­lung an die bei­den poli­zei­li­chen Zeu­gin­nen über den vor­aus­sicht­li­chen Haupt­ver­hand­lungs­ter­min ver­fügt. Ange­sichts die­ser den Ver­tei­di­gern bekann­ten, von dem Ver­tei­di­ger sogar nach­ge­such­ten raschen Zeit­ab­fol­ge, den ange­kün­dig­ten Geständ­nis­sen sowie dem eben­falls all­seits bekann­ten Alter der Geschä­dig­ten war allen Betei­lig­ten klar, dass die Ver­le­sung der Ver­neh­mungs­nie­der­schrif­ten dazu dien­te, den Geschä­dig­ten die Zeu­gen­aus­sa­ge vor dem Gericht zu erspa­ren. Unter Berück­sich­ti­gung teils bereits im Ermitt­lungs­ver­fah­ren erfolg­ter und für die Haupt­ver­hand­lung ange­kün­dig­ter Geständ­nis­se sowie der Ladung der bei­den poli­zei­li­chen Haupt­sach­be­ar­bei­te­rin­nen, durch deren Anga­ben neben den sons­ti­gen Sach­be­wei­sen die Zuver­läs­sig­keit der gestän­di­gen Ein­las­sung des Ange­klag­ten über­prüft wur­de, ist aus­ge­schlos­sen, dass die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten über den Grund der Ver­le­sung der Ver­neh­mungs­nie­der­schrif­ten im Unkla­ren waren.

Da die Anord­nungs­be­schlüs­se im vor­lie­gen­den Fall dar­über hin­aus in § 251 Abs. 1 Nr. 1 StPO eine trag­fä­hi­ge Grund­la­ge fin­den, ist § 250 Satz 2 StPO nicht ver­letzt wor­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. Mai 2018 – 1 StR 651/​17

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 09.06.2015 – 3 StR 113/​15, NStZ 2016, 117, 118 bzgl. § 251 Abs. 4 Satz 1 StPO; sie­he auch LR/​Sander/​Cirener, StPO, 26. Aufl., § 251 Rn. 79 f. mwN[]
  2. BGH, Urteil vom 05.08.1975 – 1 StR 376/​75 und Beschluss vom 07.01.1986 – 1 StR 571/​85, NStZ 1986, 325; vgl. auch Beschluss vom 09.06.2015 – 3 StR 113/​15, NStZ 2016, 117, 118; LR/​Sander/​Cirener aaO § 251 Rn. 97 mwN; Krei­cker in Mün­che­ner Kom­men­tar zur StPO, § 251 Rn. 92; sie­he aber auch BGH, Beschluss vom 10.06.2010 – 2 StR 78/​10, NStZ 2010, 649[]