Preis­gel­der beim ATP-Ten­nis­tur­nier – und der steu­er­li­che Ver­gü­tungs­schul­der

Mit der Bestim­mung des Ver­gü­tungs­schuld­ners im Rah­men des Steu­er­ab­zugs gem. § 50a EStG für Preis­gel­der bei einem ATP Chal­len­ger Tur­nier hat­te sich aktu­ell dass Nie­der­säch­si­sche Finanz­ge­richt zu befas­sen:

Preis­gel­der beim ATP-Ten­nis­tur­nier – und der steu­er­li­che Ver­gü­tungs­schul­der

Nach § 191 Abs. 1 Satz 1 AO kann durch Haf­tungs­be­scheid in Anspruch genom­men wer­den, wer kraft Geset­zes für eine Steu­er haf­tet. Wegen der Abhän­gig­keit (Akzess­orie­tät) der Haf­tung von der ihr zugrun­de lie­gen­den Steu­er­schuld kann ein Haf­tungs­an­spruch nur ent­ste­hen, wenn und soweit die Steu­er­schuld ent­stan­den ist und mate­ri­ell-recht­lich zum Zeit­punkt des Erlas­ses des Haf­tungs­be­scheids bzw. der Ein­spruchs­ent­schei­dung noch besteht 1.

Die Ver­an­stal­te­rin haf­tet nicht gem. §§ 191 Abs. 1 AO, 31 Abs. 1 KStG i.V.m. §§ 73e, 73g Abs. 1 ESt­DV für Steu­er auf beschränkt steu­er­pflich­ti­ge Ein­künf­te der ATP Inc., USA, da die­se hin­sicht­lich der Preis­gel­der kei­ne Ein­künf­te aus der Ver­wer­tung von sport­li­chen Dar­bie­tun­gen gem. §§ 2 Nr. 1, 8 Abs. 1 KStG i.V.m. §§ 49 Abs. 1 Nr. 2d, 50a Abs. 1 Nr. 2 EStG erziel­te.

Gemäß § 50a Abs. 1 S.1 EStG wird die Ein­kom­men­steu­er bei beschränkt Steu­er­pflich­ti­gen im Wege des Steu­er­ab­zugs erho­ben. Dem Steu­er­ab­zug unter­lie­gen u.a. Ein­künf­te aus inlän­di­schen sport­li­chen Dar­bie­tun­gen (§ 50a Abs. 1 Nr. 1 EStG) und aus der Ver­wer­tung sol­cher inlän­di­schen Dar­bie­tun­gen (§ 50a Abs. 1 Nr. 2 EStG). Der Steu­er­ab­zug beträgt in die­sen Fäl­len 15 Pro­zent (§ 50a Abs. 2 S. 1 EStG). Die Steu­er ent­steht in dem Zeit­punkt, in dem die Ver­gü­tung dem Gläu­bi­ger zufließt. In die­sem Zeit­punkt hat der Schuld­ner der Ver­gü­tung (Ver­gü­tungs­schuld­ner) den Steu­er­ab­zug für Rech­nung des Gläu­bi­gers (Steu­er­schuld­ner) vor­zu­neh­men und abzu­füh­ren. Der Ver­gü­tungs­schuld­ner haf­tet für die Ein­be­hal­tung und Abfüh­rung der Steu­er (§ 50a Abs. 5 S. 4 EStG).

Ver­gü­tungs­schuld­ner ist, wer zivil­recht­lich die Ver­gü­tung schul­det, die den Tat­be­stand der den Steu­er­ab­zug unter­lie­gen­den beschränk­ten Ein­kom­men­steu­er­pflicht begrün­det. Dies ist regel­mä­ßig der Ver­an­stal­ter. Ver­an­stal­ter ist, wer in orga­ni­sa­to­ri­scher und finan­zi­el­ler Hin­sicht für die Ver­an­stal­tung ver­ant­wort­lich ist, wer deren Vor­be­rei­tung und Durch­füh­rung über­nimmt und dabei das unter­neh­me­ri­sche Risi­ko trägt. Ver­gü­tungs­gläu­bi­ger und Steu­er­schuld­ner ist der beschränkt Steu­er­pflich­ti­ge 2.

Die aus­ge­zahl­ten Preis­gel­der unter­lie­gen – soweit sie an aus­län­di­sche Spie­ler gezahlt wur­den – gem. § 50a Abs. 1 Nr. 1 EStG als Ein­künf­te aus inlän­di­schen sport­li­chen Dar­bie­tun­gen und nicht gem. § 50a Abs. 1 Nr. 2 EStG aus der Ver­wer­tung von sport­li­chen Dar­bie­tun­gen dem Steu­er­ab­zug. ATP Inc., USA ist auf­grund der Lizenz­be­din­gun­gen nicht beschränkt Steu­er­pflich­ti­ger hin­sicht­lich der Steu­er auf die Preis­gel­der im Rah­men einer Ver­wer­tung sport­li­cher inlän­di­scher Dar­bie­tun­gen, die gem. § 50 a Abs. 1 Nr. 2 EStG dem Steu­er­ab­zug unter­lie­gen und für die die Ver­an­stal­te­rin die Steu­er als Ver­gü­tungs­schuld­ne­rin hät­te ein­be­hal­ten müs­sen.

Es kann dahin­ge­stellt blei­ben, ob ATP Inc., USA über­haupt den Tat­be­stand der Ver­wer­tung von sport­li­chen Dar­bie­tun­gen gem. §§ 2 Nr. 1, 8 Abs. 1 KStG i.V.m. §§ 49 Abs. 1 Nr. 2d EStG erfüllt. Zwei­fel bestehen bereits des­halb, weil die Lizenz nicht von ATP Inc., USA, son­dern von ATP Euro­pe, Mona­co, ver­ge­ben wur­de. Selbst wenn die Lizenz letzt­lich von ATP Inc., USA ver­ge­ben wor­den sein soll­te, hät­te ATP Inc., USA kei­ne gem. §§ 2 Nr. 1, 8 Abs. 1 KStG i.V.m. §§ 49 Abs. 1 Nr. 2d EStG dem Steu­er­ab­zug unter­lie­gen­den Ein­künf­te aus der Ver­wer­tung von sport­li­chen Dar­bie­tun­gen in Höhe von … EUR erzielt, weil ATP Inc., USA mit den Preis­gel­dern kei­ne Ein­künf­te erziel­te. Soweit ent­spre­chen­de Ein­nah­men vor­han­den wären, wür­den die­sen unstrei­tig Aus­ga­ben für Preis­gel­der in glei­cher Höhe gegen­über ste­hen. ATP Inc., USA war inso­fern nicht Ver­gü­tungs­gläu­bi­ger. Andern­falls käme es auch zu der von der Ver­an­stal­te­rin dar­ge­leg­ten Dop­pel­be­steue­rung der Preis­gel­der.

Die Ver­an­stal­te­rin war Ver­gü­tungs­schuld­ne­rin nur hin­sicht­lich der Steu­er auf die an die aus­län­di­schen Ten­nis­spie­ler aus­ge­zahl­ten Preis­gel­der. Die­se waren Ver­gü­tungs­gläu­bi­ger, die im Rah­men des ATP-Ten­nis­tur­niers "X" in B als beschränkt steu­er­pflich­ti­ge Ein­künf­te in Gestalt der Preis­gel­der erziel­ten, die als Ein­künf­te aus inlän­di­schen sport­li­chen Dar­bie­tun­gen gem. § 50a Abs. 1 Nr. 1 EStG dem Steu­er­ab­zug unter­la­gen. Die Ver­an­stal­te­rin war im Zeit­punkt der Aus­zah­lung der Preis­gel­der als Schuld­ne­rin der Ver­gü­tung ver­pflich­tet, den Steu­er­ab­zug für Rech­nung der beschränkt steu­er­pflich­ti­gen Ten­nis­spie­ler als Gläu­bi­ger und Steu­er­schuld­ner vor­zu­neh­men und abzu­füh­ren.

Die Ver­an­stal­te­rin ist Ver­gü­tungs­schuld­ne­rin, weil sie als Ver­an­stal­te­rin des ATP-Ten­nis­tur­niers den Spie­lern als Ver­gü­tungs­gläu­bi­gern die Preis­gel­der zivil­recht­lich schul­de­te.

Das ATP-Ten­nis­tur­nier "X" in B wur­de von der Ver­an­stal­te­rin als Ver­an­stal­te­rin aus­ge­rich­tet. Die Ver­an­stal­te­rin erwarb von der ATP Euro­pe, Mona­co, die zur Aus­rich­tung des Tur­niers erfor­der­li­che Lizenz, beschaff­te alle behörd­li­chen Geneh­mi­gun­gen, die für die Aus­rich­tung des Tur­niers erfor­der­lich waren, mie­te­te die dafür erfor­der­li­chen Sport­an­la­gen, betrieb in ver­schie­de­nen Medi­en die Außen­wer­bung, finan­zier­te die gesam­ten mit der Aus­rich­tung ver­bun­de­nen Kos­ten und betrieb den Ver­kauf der Ein­tritts­kar­ten mit den von ihr bestimm­ten Ein­tritts­prei­sen. Die gesam­te orga­ni­sa­to­ri­sche und finan­zi­el­le Ver­ant­wort­lich­keit ein­schließ­lich des wirt­schaft­li­chen Risi­kos lag damit aus­schließ­lich bei ihr.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass sie hin­sicht­lich bestimm­ter Ver­ein­ba­run­gen an die Bedin­gun­gen von ATP gebun­den war. Die­se erga­ben sich im Wesent­li­chen aus den Rege­lun­gen der App­li­ca­ti­on, deren zwin­gen­de Ein­hal­tung Bedin­gung zur Erlan­gung der Lizenz von ATP war. Hier­zu gehör­ten die von Welt­rang­lis­ten­punk­ten abhän­gi­gen Anmel­de­be­din­gun­gen der Ten­nis­spie­ler über das ATP Online-Por­tal, die einen wesent­li­chen und cha­rak­te­ris­ti­schen Gesichts­punkt des ATP-Ten­nis­tur­niers aus­mach­ten. Gera­de dar­in, dass auf Welt­rang­lis­ten gelis­te­te und damit nam­haf­te Ten­nis­spie­ler an ATP-Ten­nis-Tur­nie­ren teil­neh­men, liegt der Reiz für die Zuschau­er der Tur­nie­re. Inso­fern ver­la­ger­te sich durch die­se Vor­ga­be nicht die Aus­rich­tung und Orga­ni­sa­ti­on des Tur­niers, son­dern gab dem ATP-Ten­nis­tur­nier sei­nen zen­tra­len Cha­rak­ter. Ent­spre­chen­des gilt für die Vor­ga­be, die an die Spie­ler aus­zu­zah­len­den Preis­gel­der über ATP abzu­rech­nen. Die­se Maß­nah­me soll­te sicher­stel­len, dass die Spie­ler die von ihnen gewon­ne­nen Preis­gel­der auch tat­säch­lich aus­ge­zahlt erhal­ten und damit lang­fris­tig ein Qua­li­täts­stan­dard der ATP-Tur­nie­re gesi­chert bleibt. Die Rege­lung ist erkenn­bar so gestal­tet, dass ATP ledig­lich im Sin­ne einer Abrech­nungs­stel­le auf­tritt. Die von der Ver­an­stal­te­rin an ATP zu zah­len­den Vor­aus­zah­lun­gen ent­spra­chen exakt den aus­ge­zahl­ten Preis­gel­dern. ATP gene­rier­te dar­über hin­aus kei­ne eige­nen Ein­nah­men. Die für die Aus­zah­lung und Höhe der Preis­gel­der erfor­der­li­chen Grund­da­ten waren von der Ver­an­stal­te­rin als Ver­an­stal­te­rin zu ermit­teln. Die Aus­zah­lung der Preis­gel­der durch ATP erfolg­te strikt nach die­sen Vor­ga­ben. Zivil­recht­lich Ver­pflich­te­ter hin­sicht­lich der Preis­gel­der blieb für die Spie­ler die Ver­an­stal­te­rin. Die­se war ihnen gegen­über als Ver­an­stal­te­rin recht­lich und finan­zi­ell ver­ant­wort­lich.

Da Haf­tungs­be­schei­de sach­ver­halts­be­zo­gen sind 3, war der ange­foch­te­ne Haf­tungs­be­scheid auch nicht auf die Steu­er auf die an die beschränkt steu­er­pflich­ti­gen Ten­nis­spie­ler aus­ge­zahl­ten Preis­gel­der mit einer Bemes­sungs­grund­la­ge von … € her­ab­zu­set­zen. Bei der Besteue­rung der Preis­gel­der für die beschränkt steu­er­pflich­ti­gen Ten­nis­spie­ler nach § 50a Abs. 1 Nr. 1 EStG han­delt es sich um einen Sach­ver­halt, der von dem auf den Steu­er­tat­be­stand gem. § 50a Abs. 1 Nr. 2 EStG gestütz­ten Sach­ver­halt des ange­foch­te­nen Haf­tungs­be­scheids nicht erfasst ist. Hin­sicht­lich der an die Spie­ler gezahl­ten Preis­gel­der hat die Ver­an­stal­te­rin spä­ter im Übri­gen auch eine der Höhe nach noch zutref­fen­de Steu­er­an­mel­dung abge­ge­ben.

Fer­ner kann dahin­ge­stellt blei­ben, ob und ggfls. inwie­fern ATP Inc., USA hin­sicht­lich der zwi­schen ATP Euro­pe, Mona­co, und der Ver­an­stal­te­rin ver­ein­bar­ten Lizenz­ge­büh­ren den Tat­be­stand der Ver­wer­tung von sport­li­chen Dar­bie­tun­gen gem. § 50a Abs. 1 Nr. 2 EStG i.V.m. §§ 2 Nr. 1, 8 Abs. 1 KStG i.V.m. §§ 49 Abs. 1 Nr. 2d EStG erfüllt. Denn der ange­foch­te­ne Haf­tungs­be­scheid deckt mit der Besteue­rung der Preis­gel­der für die Tur­nier­teil­neh­mer nicht den Sach­ver­halt der Zah­lung von Lizenz­ge­büh­ren für die Aus­rich­tung des Tur­niers an ATP, USA, ab.

Da der Steu­er­tat­be­stand (§§ 2 Nr. 1, 8 Abs. 1 KStG i.V.m. §§ 49 Abs. 1 Nr. 2d EStG) der Ver­wer­tung von sport­li­chen Dar­bie­tun­gen der ATP Inc., USA hin­sicht­lich der Preis­gel­der in Höhe von … € nicht gege­ben ist, waren der Haf­tungs­be­scheid und die Ein­spruchs­ent­schei­dung auf­zu­he­ben.

Nie­der­säch­si­sches Finanz­ge­richt, Urteil vom 23. April 2015 – 14 K 171/​13

  1. vgl. Nacke, Die Haf­tung für Steu­er­schul­den, 3. Aufl. Rz. 710, 712[]
  2. vgl. Schmidt/​Loschelder EStG 34. Aufl.2015 § 50a Rz. 7f[]
  3. vgl. BFH, Beschluss vom 07.04.2005 – I B 140/​04, BFHE 209, 473, BSt­Bl II 2006, 530; BFH, Urteil vom 08.11.1994 – VII R 1/​93, BFH/​NV 1995, 657, 659, m.w.N.; s. auch Schmidt/​Drenseck, Ein­kom­men­steu­er­ge­setz, 23. Aufl., § 42d Rz. 47[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 21.03.2001 – IX ZB 18/​02, NJW 2002, 2181[]