Pro­zess­voll­macht und Anscheins­voll­macht

Es ist höchst­rich­ter­lich geklärt, dass die Bei­ord­nung eines von dem Betrof­fe­nen nicht aus­ge­wähl­ten Rechts­an­walts im Rah­men der Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe gemäß § 121 ZPO i.V.m. § 142 FGO durch das Pro­zess­ge­richt nicht zur Fol­ge hat, dass der bei­geord­ne­te Rechts­an­walt hier­durch in der Lage ist, den Betrof­fe­nen in dem Pro­zess wirk­sam zu ver­tre­ten 1. Ver­tre­tungs­macht erlangt der bei­geord­ne­te Anwalt erst dadurch, dass ihm der Betrof­fe­ne eine Voll­macht im Sin­ne des § 167 BGB erteilt.

Pro­zess­voll­macht und Anscheins­voll­macht

Nichts ande­res gilt, soweit das Pro­zess­ge­richt wie im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall gemäß § 142 Abs. 2 FGO einen Steu­er­be­ra­ter bei­ord­net. Denn die­se Vor­schrift knüpft an § 121 ZPO an und erwei­tert ledig­lich den dort bestimm­ten Per­so­nen­kreis.

Eben­falls höchst­rich­ter­lich geklärt ist, dass die Ertei­lung einer wirk­sa­men Pro­zess­voll­macht im Finanz­ge­richts­pro­zess nach § 62 FGO in der vom 1. Janu­ar 2001 bis zum 30. Juni 2008 und damit auch im Streit­fall gel­ten­den Fas­sung auch in schlüs­si­ger Wei­se erteilt wer­den kann und zur Wirk­sam­keit kei­ner Schrift­form bedarf. Viel­mehr hat die Schrift­form nach § 62 Abs. 3 Satz 1 FGO nur Nach­weis­funk­ti­on 2.

Fer­ner ist geklärt, dass im Fal­le des Auf­tre­tens einer Per­son im Sin­ne des § 3 Nr. 1 bis 3 des Steu­er­be­ra­tungs­ge­set­zes (§ 62 Abs. 3 Satz 6 FGO; jetzt § 62 Abs. 6 Satz 4 FGO) das Bestehen einer Pro­zess­voll­macht vom Finanz­ge­richt nur zu über­prü­fen ist, wenn begrün­de­te Zwei­fel an der Bevoll­mäch­ti­gung bestehen 3. Ob sol­che Zwei­fel gege­ben sind, ist kei­ne Fra­ge von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung, son­dern eine Wür­di­gung der Umstän­de des Ein­zel­falls. Fra­gen, die nur anhand einer Wür­di­gung der Ver­hält­nis­se des Ein­zel­falls beur­teilt wer­den kön­nen, sind nicht von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung 4. Dem­entspre­chend ist in die­sem Zusam­men­hang vom Bun­des­fi­nanz­hof nicht zu über­prü­fen, ob das Finanz­ge­richt zu Recht vom Bestehen einer still­schwei­gend erteil­ten Pro­zess­voll­macht aus­ge­gan­gen ist.

Eine zur Revi­si­ons­zu­las­sung füh­ren­de Abwei­chung vom frü­he­ren Ent­schei­dun­gen des Bun­des­fi­nanz­hofs 5 ist für den Bun­des­fi­nanz­hof nicht gege­ben. Zwar wird in bei­den Ent­schei­dun­gen aus­ge­führt, eine Pro­zess­voll­macht sei schrift­lich zu ertei­len. Die­se Auf­fas­sung betrifft indes­sen die vor dem 1. Janu­ar 2001 gel­ten­de Fas­sung des § 62 FGO. Im Streit­fall bestand eine ande­re Rechts­la­ge. In sei­nem Beschluss vom 12. Novem­ber 2009 6 hat der Bun­des­fi­nanz­hof dage­gen nur ent­schie­den, dass die Anfor­de­rung einer Pro­zess­voll­macht für eine für die Klä­ger auf­tre­ten­de Per­son im Sin­ne des § 62 Abs. 3 Satz 6 FGO dann gebo­ten ist, wenn begrün­de­te Zwei­fel an sei­ner Bevoll­mäch­ti­gung bestehen.

Das Finanz­ge­richt hat nicht dadurch den Anspruch des Klä­gers auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) ver­letzt, dass es zu der münd­li­chen Ver­hand­lung ledig­lich die Steu­er­be­ra­te­rin D, nicht aber den Klä­ger per­sön­lich gela­den hat. Der Anspruch auf recht­li­ches Gehör ist gewahrt, wenn allein der Bevoll­mäch­tig­te, nicht aber der Klä­ger gela­den wird. Das gilt auch dann, wenn eine Voll­macht ledig­lich münd­lich erteilt wor­den ist oder eine blo­ße Dul­dungs- oder Anscheins­voll­macht besteht 7.

Im Streit­fall kann dahin­ste­hen, ob das Finanz­ge­richt zu Recht ange­nom­men hat, das Ver­hal­ten des Klä­gers kön­ne in dem Sin­ne ver­stan­den wer­den, dass er Steu­er­be­ra­te­rin D schlüs­sig eine Pro­zess­voll­macht erteilt hat. Jeden­falls hat das FG zutref­fend (hilfs­wei­se) ange­nom­men, dass im Streit­fall eine Anscheins­voll­macht bestan­den hat.

Auch eine Pro­zess­voll­macht kann mit­tels einer Anscheins­voll­macht begrün­det wer­den. Danach kann sich der Ver­tre­te­ne auf den Man­gel der Voll­macht sei­nes angeb­li­chen Ver­tre­ters dann nicht beru­fen, wenn er des­sen Ver­hal­ten bei pflicht­ge­mä­ßer Sorg­falt hät­te ken­nen und ver­hin­dern kön­nen, und wenn der ande­re Teil anneh­men durf­te, der Ver­tre­te­ne bil­li­ge das Han­deln des Ver­tre­ters 8. Dies ist in aller Regel nur dann der Fall, wenn das Ver­hal­ten des Ver­tre­ters eine gewis­se Dau­er und Häu­fig­keit auf­weist 9.

Dass die­se Vor­aus­set­zun­gen vor­ge­le­gen haben, hat das Finanz­ge­richt zutref­fend dar­ge­tan. Das FG hat dar­ge­stellt, dass Steu­er­be­ra­te­rin D unge­fähr ein Jahr lang für den Klä­ger im Rah­men des finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens auf­ge­tre­ten ist, was für die­sen erkenn­bar war. Inso­fern ist ein Ver­trau­ens­tat­be­stand gerecht­fer­tigt.

Dem Vor­lie­gen einer Anscheins­voll­macht steht auch nicht ent­ge­gen, dass Steu­er­be­ra­te­rin D irri­ger­wei­se ange­nom­men hat, sie bedür­fe zur Ver­tre­tung des Klä­gers im Hin­blick auf ihre gericht­li­che Bestel­lung kei­ner vom Klä­ger erteil­ten Voll­macht. Denn ent­schei­dend ist allein, ob das Finanz­ge­richt und das Finanz­amt als jewei­li­ge Emp­fän­ger der im Jahr 2006 abge­ge­be­nen Pro­zess­erklä­rung betref­fend die Erle­di­gung der Haupt­sa­che anneh­men durf­ten, eine Voll­macht sei gege­ben. Dies hat das Finanz­ge­richt zutref­fend bejaht. Dem Umstand, dass der Klä­ger im Jahr 2004 eine güt­li­che Bei­le­gung des Rechts­streits abge­lehnt hat­te, hat das Finanz­ge­richt im Hin­blick auf den Zeit­ab­lauf zu Recht kei­ne ent­schei­den­de Bedeu­tung bei­gemes­sen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 30. März 2011 – X B 12/​10

  1. BGH, Ent­schei­dun­gen vom 22.06.1959 – III ZR 52/​58, NJW 1959, 1732; und vom 01.03.1973 – III ZR 188/​71, NJW 1973, 757; vgl. auch Zöller/​Geimer, ZPO, 28. Aufl., § 121 Rz 29[]
  2. BFH, Beschluss vom 20.12.2006 – III E 7/​06; vgl. auch Gräber/​Stapperfend, Finanz­ge­richts­ord­nung, 6. Aufl., § 62 Rz 42[]
  3. BFH, Urteil vom 11.02.2003 – VII R 18/​02, BFHE 201, 409, BSt­Bl II 2003, 606[]
  4. BFH, Beschluss vom 28.02.1989 – X B 90/​87, BFH/​NV 1989, 709[]
  5. BFH, Beschluss vom 18.01.1988 – X S 9/​87; Urteil vom 28.11.1995 – VII R 63/​95, BFHE 179, 5, BSt­Bl II 1996, 105[]
  6. BFH, Beschluss vom 12.11.2009 – VIII B 167/​09, ZStuR 2010, R167[]
  7. BVerfG, Beschluss vom 15.02.1985 – 1 BvR 338/​84, HFR 1986, 259 zur Bekannt­ga­be von Steu­er­be­schei­den an Bevoll­mäch­tig­te[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 12.03.1981 – III ZR 60/​80, NJW 1981, 1727[]
  9. BGH, Urteil vom 13.07.1977 – VIII ZR 243/​75, WM 1977, 1169[]