Rechts­be­helfs­be­leh­rung – und die Beleh­rung über den Nicht­zu­gangs­fall

Eine Rechts­be­helfs­be­leh­rung braucht kei­ne Anga­ben dar­über zu ent­hal­ten braucht, dass die Frist zur Ein­le­gung eines Ein­spruchs gegen einen nicht zuge­gan­ge­nen Ver­wal­tungs­akt nicht 1.

Rechts­be­helfs­be­leh­rung – und die Beleh­rung über den Nicht­zu­gangs­fall

Für eine ord­nungs­ge­mä­ße Beleh­rung über die Rechts­be­helfs­frist reicht es aus, dass die Betei­lig­ten ver­ständ­lich über den Beginn der Ein­spruchs­frist unter­rich­tet wer­den, um deren ver­fas­sungs­recht­li­chen Anspruch auf effek­ti­ven Rechts­schutz (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art.20 Abs. 3 GG; Art.19 Abs. 4 GG) hin­rei­chend Rech­nung zu tra­gen 2.

Zur Errei­chung die­ses Ziels ist hin­sicht­lich des Beginns der Ein­spruchs­frist indes kei­ne expli­zi­te Beleh­rung dar­über erfor­der­lich, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen der Lauf der Rechts­be­helfs­frist gera­de nicht beginnt, son­dern ‑umge­kehrt- nur dar­über, wann dies der Fall ist.

Ohne­hin liegt es auf der Hand, dass die Frist zur Ein­le­gung eines Ein­spruchs nicht in Gang gesetzt wird, wenn die in Streit ste­hen­de Ver­wal­tungs­ent­schei­dung dem Emp­fän­ger über­haupt nicht zuge­gan­gen ist 3.

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall ergab sich dies zusätz­lich aus der in die Rechts­be­helfs­be­leh­rung auf­ge­nom­me­nen Wen­dung "es sei denn, dass die Ver­fü­gung zu einem spä­te­ren Zeit­punkt zuge­gan­gen ist".

Soweit die­se Fra­ge (feh­len­de Beleh­rung über den Nicht­zu­gangs­fall) in der Kom­men­tar­li­te­ra­tur über­haupt the­ma­ti­siert wird, sind sämt­li­che Autoren der Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs bei­getre­ten 4. Die wei­te­ren von der Klä­ge­rin ange­führ­ten Fund­stel­len 5 ver­wei­sen dem­ge­gen­über pau­schal auf das BFH, Urteil in BFHE 78, 528, BSt­Bl III 1964, 201, ohne eine wei­ter­ge­hen­de Dif­fe­ren­zie­rung (Beleh­rung allein im Hin­blick auf den Nicht­zu­gangs­fall nicht erfolgt) vor­zu­neh­men. Es kann mit­hin nicht die Rede davon sein, dass offen­bar bis heu­te unge­klärt sei, ob der Geset­zes­wort­laut, wie im BFH-Urteil aus 1964 ver­langt, in vol­lem Umfan­ge erfor­der­lich ist oder nicht.

Das betrifft ins­be­son­de­re auch die Abgren­zung zum Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs in BFHE 78, 528, BSt­Bl III 1964, 201, die der Bun­des­fi­nanz­hof bereits im Beschluss in BFH/​NV 1996, 871 vor­ge­nom­men hat 6. Anders als im Fall in BFHE 78, 528, BSt­Bl III 1964, 201 fehl­te dort wie auch im Streit­fall nicht jeg­li­cher Hin­weis auf etwai­ge Aus­nah­men von der Drei-Tages-Frist des § 122 Abs. 2 Nr. 1 AO, son­dern ledig­lich eine Beleh­rung hin­sicht­lich des Nicht­zu­gangs­falls. Dies ist aber, zumal aus der Per­spek­ti­ve Rechts­schutz suchen­der Betei­lig­ter, eine gänz­lich ande­re Situa­ti­on.

Soweit unter Beru­fung auf die BFH-Urtei­le in BFHE 212, 407, BSt­Bl II 2006, 455 und in BFHE 243, 158, BSt­Bl II 2014, 236 dar­über hin­aus ein­ge­wen­det wird, es sei einer­seits aus­rei­chend, ande­rer­seits ‑dann- aber auch zwin­gend erfor­der­lich, dass der Geset­zes­text voll­stän­dig wie­der­ge­ge­ben wer­de, trifft dies nicht zu. Der Bun­des­fi­nanz­hof hat im Urteil in BFHE 243, 158, BSt­Bl II 2014, 236 ledig­lich aus­ge­spro­chen, dass eine Rechts­be­helfs­be­leh­rung auch Anga­ben, die nicht zwin­gend vor­ge­schrie­ben sind, rich­tig, voll­stän­dig und unmiss­ver­ständ­lich dar­stel­len muss. Vor­lie­gend stan­den aber Anga­ben (zum Nicht­zu­gangs­fall) in Streit, die ‑wie dar­ge­stellt- nicht zwin­gend erfor­der­lich waren und dem­ge­mäß vom Finanz­amt erst gar nicht in die Rechts­be­helfs­be­leh­rung auf­ge­nom­men wur­den. Eine Ver­pflich­tung des Finanz­amt, den Geset­zes­text in der Rechts­be­helfs­be­leh­rung im Wort­laut zu zitie­ren, besteht offen­kun­dig nicht.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 2. Febru­ar 2016 – X B 95/​15

  1. BFH, Beschlüs­se vom 30.08.1995 – V B 72/​95, BFH/​NV 1996, 106, unter 2.b, zu § 55 FGO; und vom 09.05.1996 – IV B 58/​95, BFH/​NV 1996, 871, unter 1.[]
  2. dazu im Ein­zel­nen BFH, Urtei­le vom 07.03.2006 – X R 18/​05, BFHE 212, 407, BSt­Bl II 2006, 455, unter II. 2.; und vom 20.11.2013 – X R 2/​12, BFHE 243, 158, BSt­Bl II 2014, 236, unter II. 3.[]
  3. so bereits BFH, Beschluss in BFH/​NV 1996, 871, unter 1.[]
  4. vgl. Brandt in Beermann/​Gosch, FGO § 55 Rz 21; Koenig/​Cöster, Abga­ben­ord­nung, 3. Aufl., § 356 Rz 13; Gräber/​Stapperfend, Finanz­ge­richts­ord­nung, 8. Aufl., § 55 Rz 18; Keß in Schwarz/​Pahlke, AO, § 356 Rz 16; Spind­ler in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 55 FGO Rz 30; Werth in Beermann/​Gosch, AO § 356 Rz 17[]
  5. Bran­dis in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 55 FGO Rz 11, und Hardtke in: Kühn/​v. Wedel­städt, 21. Aufl., AO, § 356 Rz 7[]
  6. s. dazu BFH, Urteil in BFHE 212, 407, BSt­Bl II 2006, 455, unter II. 2.f; zustim­mend Küh­nen, EFG 2015, 1417, 1418[]