Rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung – und ihre Gren­zen

Rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung darf den klar erkenn­ba­ren Wil­len des Gesetz­ge­bers nicht über­ge­hen und durch ein eige­nes Rege­lungs­mo­dell erset­zen.

Rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung – und ihre Gren­zen

Die Anwen­dung und Aus­le­gung der Geset­ze durch die Gerich­te steht mit dem Rechts­staats­prin­zip (Art.20 Abs. 3 GG) in Ein­klang, wenn sie sich in den Gren­zen ver­tret­ba­rer Aus­le­gung und zuläs­si­ger rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung bewegt. Art. 2 Abs. 1 GG gewähr­leis­tet in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG den Ein­zel­nen, dass ihnen gegen­über erge­hen­de Ent­schei­dun­gen die­sen Anfor­de­run­gen genü­gen 1.

Zu den Auf­ga­ben der Recht­spre­chung gehört die Rechts­fort­bil­dung. Der Gesetz­ge­ber hat dies seit lan­gem aner­kannt und den obers­ten Gerichts­hö­fen des Bun­des die Auf­ga­be der Rechts­fort­bil­dung aus­drück­lich über­ant­wor­tet (vgl. für das Bun­des­ar­beits­ge­richt § 45 Abs. 4 ArbGG). Dies belässt dem Gesetz­ge­ber die Mög­lich­keit, in uner­wünsch­te Rechts­ent­wick­lun­gen kor­ri­gie­rend ein­zu­grei­fen und so im Wech­sel­spiel von Recht­spre­chung und Recht­set­zung demo­kra­ti­sche Ver­ant­wor­tung wahr­zu­neh­men 2. Rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung darf hin­ge­gen nicht dazu füh­ren, dass die Gerich­te ihre eige­ne mate­ri­el­le Gerech­tig­keits­vor­stel­lung an die Stel­le der­je­ni­gen des Gesetz­ge­bers set­zen 3. Die Gerich­te dür­fen sich nicht dem vom Gesetz­ge­ber fest­ge­leg­ten Sinn und Zweck des Geset­zes ent­zie­hen, son­dern müs­sen die gesetz­ge­be­ri­sche Grund­ent­schei­dung respek­tie­ren. Eine Inter­pre­ta­ti­on, die sich über den klar erkenn­ba­ren Wil­len des Gesetz­ge­bers hin­weg­setzt, greift unzu­läs­sig in die Kom­pe­ten­zen des demo­kra­tisch legi­ti­mier­ten Gesetz­ge­bers ein 4.

Für die Beant­wor­tung der Fra­ge, wel­che Rege­lungs­kon­zep­ti­on im Gesetz zugrun­de liegt, kommt neben Wort­laut und Sys­te­ma­tik den Geset­zes­ma­te­ria­li­en eine nicht uner­heb­li­che Indi­zwir­kung zu 5. In Betracht zu zie­hen sind hier die Begrün­dung eines Gesetz­ent­wur­fes, der unver­än­dert ver­ab­schie­det wor­den ist, die dar­auf bezo­ge­nen Stel­lung­nah­men von Bun­des­rat (Art. 76 Abs. 2 Satz 2 GG) und Bun­des­re­gie­rung (Art. 76 Abs. 3 Satz 2 GG) und die Stel­lung­nah­men, Beschluss­emp­feh­lun­gen und Berich­te der Aus­schüs­se. In sol­chen Mate­ria­li­en fin­den sich regel­mä­ßig die im Ver­fah­ren als wesent­lich erach­te­ten Vor­stel­lun­gen der am Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren betei­lig­ten Orga­ne und Per­so­nen.

Die Beach­tung des klar erkenn­ba­ren Wil­lens des Gesetz­ge­bers ist Aus­druck demo­kra­ti­scher Ver­fas­sungs­staat­lich­keit. Dies trägt dem Grund­satz der Gewal­ten­tei­lung (Art.20 Abs. 2 Satz 2 GG) Rech­nung. Das Gesetz bezieht sei­ne Gel­tungs­kraft aus der demo­kra­ti­schen Legi­ti­ma­ti­on des Gesetz­ge­bers, des­sen arti­ku­lier­ter Wil­le den Inhalt des Geset­zes daher mit bestimmt. Jeden­falls darf der klar erkenn­ba­re Wil­le des Gesetz­ge­bers nicht über­gan­gen oder ver­fälscht wer­den 6. So ver­wirk­licht sich auch die in Art.20 Abs. 3 und Art. 97 Abs. 1 GG vor­ge­ge­be­ne Bin­dung der Gerich­te an das "Gesetz", denn dies ist eine Bin­dung an die im Norm­text zum Aus­druck gebrach­te demo­kra­ti­sche Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers, des­sen Erwä­gun­gen zumin­dest teil­wei­se in den Mate­ria­li­en doku­men­tiert sind.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 6. Juni 2018 – 1 BvL 7/​14 und 1 BvR 1375/​14

  1. vgl. BVerfGE 128, 193, 206 ff.; 132, 99, 127 Rn. 73[]
  2. vgl. BVerfGE 132, 99, 127 Rn. 74[]
  3. vgl. BVerfGE 82, 6, 12 f.; 128, 193, 210; 132, 99, 127 Rn. 75[]
  4. vgl. BVerfGE 118, 212, 243; 128, 193, 210; 132, 99, 127 f. Rn. 75; 134, 204, 238 Rn. 115[]
  5. BVerfGE 133, 168, 205 f. Rn. 66; vgl. BVerfGE 129, 1, 25 ff.; 135, 126, 151 f. Rn. 81; 137, 350, 367 Rn. 43; 138, 136, 186 ff. Rn. 133 ff., 145 ff., 225, 244; 138, 261, 281 Rn. 46; BVerfG, Beschluss vom 13.04.2017 – 2 BvL 6/​13, www.bverfg.de, Rn. 121[]
  6. vgl. auch BVerfGE 128, 193, 209, 133, 168, 205 Rn. 66[]