Spe­ku­la­ti­ons­ge­schäf­te aus der Stadt­kas­se

Der Bun­des­ge­richts­hof hat die Ver­ur­tei­lung der ehe­ma­li­gen Pforz­hei­mer Ober­bür­ger­meis­te­rin und der Stadt­käm­me­rin wegen Untreue auf­ge­ho­ben.

Spe­ku­la­ti­ons­ge­schäf­te aus der Stadt­kas­se

Das Land­ge­richt Mann­heim hat die ange­klag­te Stadt­käm­me­rin W. wegen Untreue in fünf Fäl­len zu einer Gesamt­frei­heits­stra­fe von zwei Jah­ren und die Ober­bür­ger­meis­te­rin A. wegen Untreue in drei Fäl­len zu einer Gesamt­frei­heits­stra­fe von einem Jahr und acht Mona­ten ver­ur­teilt, hier­von jeweils drei Mona­te wegen einer rechts­staats­wid­ri­gen Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung für voll­streckt erklärt und die Voll­stre­ckung der Frei­heits­stra­fen zur Bewäh­rung aus­ge­setzt 1.

Nach den Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts schloss die Ange­klag­te W. in ihrer Funk­ti­on als Käm­me­rin der Stadt Pforz­heim im Zeit­raum 2003 bis 2006 zum Teil hoch­ris­kan­te Finanz­de­ri­vat­ge­schäf­te ab, um die bereits bei Amts­über­nah­me schlech­te Haus­halts­si­tua­ti­on der Stadt zu ver­bes­sern. Nach­dem sich die Markt­wer­te die­ser Deri­va­te ungüns­tig ent­wi­ckel­ten und zeit­nah haus­halts­wirk­sa­me Zah­lun­gen für die Stadt anstan­den, ent­schloss sich die Ange­klag­te W. im Som­mer 2006, um die pre­kä­re Lage nicht offen­le­gen zu müs­sen und so ihren guten Ruf zu gefähr­den, die Zah­lungs­pflich­ten durch erneu­te Umstruk­tu­rie­run­gen mit­tels des Abschlus­ses wei­te­rer Finanz­de­ri­va­te (sog. "CMS Spread Lad­der swaps") in die Zukunft zu ver­schie­ben, was – wie sie wuss­te – mit zusätz­li­chen Kos­ten und Risi­ken ver­bun­den war. In Anse­hung einer wei­te­ren Ver­schlech­te­rung der Situa­ti­on und erneut für die Stadt anste­hen­der Zah­lun­gen weih­te die Ange­klag­te W. im Okto­ber 2016 die Ange­klag­te A. als dama­li­ge Ober­bür­ger­meis­te­rin der Stadt ein. Da die Ange­klag­ten die hohen Buch­wert­ver­lus­te der Finanz­ge­schäf­te vor dem Gemein­de­rat nicht offen legen und anste­hen­de Zah­lun­gen ver­mei­den woll­ten, wan­del­ten sie die bis­he­ri­gen Deri­va­te in ande­re hoch­ris­kan­te Deri­va­te mit erst spä­ter fäl­li­gen Zah­lungs­pflich­ten um.

Das Land­ge­richt hat ange­nom­men, die ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Deri­vat­ab­schlüs­se, die gegen kom­mu­nal­recht­li­che Haus­halts­grund­sät­ze ver­sto­ßen hät­ten und daher pflicht­wid­rig gewe­sen sei­en, hät­ten zu Ver­mö­gens­nach­tei­len der Stadt Pforz­heim zumin­dest in Höhe der Gewinn­mar­gen der Ban­ken geführt.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat das Urteil des Land­ge­richts auf die Revi­sio­nen bei­der Ange­klag­ter auf­ge­ho­ben, weil die getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen die Schuld­sprü­che nicht tra­gen. Dass ein durch das jewei­li­ge Deri­vat­ge­schäft ver­ur­sach­ter Nach­teil in der Gewinn­mar­ge der Bank liegt, ist nicht rechts­feh­ler­frei fest­ge­stellt, weil dabei unbe­rück­sich­tigt bleibt, dass es sich bei der Gewinn­mar­ge um eine ange­mes­se­ne Gegen­leis­tung für den Deri­vat­ab­schluss gehan­delt haben könn­te. In Anbe­tracht der schon schlech­ten finan­zi­el­len Aus­gangs­la­ge der Stadt Pforz­heim und der kom­ple­xen Struk­tur der ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Deri­vat­ge­schäf­te bedarf es vor die­sem Hin­ter­grund neu­er Fest­stel­lun­gen dazu, ob und gege­be­nen­falls in wel­cher Höhe der Stadt durch die Deri­va­te jeweils ein Ver­mö­gens­nach­teil ent­stan­den ist. Der Senat hat die Sache inso­fern zu neu­er Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an eine ande­re Wirt­schafts­straf­kam­mer des Land­ge­richts zurück­ver­wie­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Sep­tem­ber 2018 – 1 StR 194/​18

  1. LG Mann­heim, Urteil vom 21.11.2017 – 22 KLs 631 Js 31056/​09 – AK 2/​13[]