Über­lan­ge Ein­spruchs­ver­fah­ren

Eine Ent­schä­di­gungs­kla­ge nach §§ 198 ff. GVG kann nicht auf die über­lan­ge Dau­er eines vor einer Finanz­be­hör­de anhän­gi­gen Ver­fah­rens gestützt wer­den. Dem Steu­er­pflich­ti­gen ste­hen mit dem Untä­tig­keits­ein­spruch bzw. der Untä­tig­keits­kla­ge hin­rei­chen­de prä­ven­ti­ve Rechts­be­hel­fe gegen eine Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung zur Ver­fü­gung.

Über­lan­ge Ein­spruchs­ver­fah­ren

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs zu Ent­schä­di­gungs­kla­gen nach §§ 198 ff. GVG erfas­sen die­se Vor­schrif­ten die über­lan­ge Dau­er behörd­li­cher Ver­fah­ren nicht, weil inso­weit seit jeher hin­rei­chen­de Rechts­schutz­mög­lich­kei­ten (Untä­tig­keits­ein­spruch nach § 347 Abs. 1 Satz 2 AO und Untä­tig­keits­kla­ge nach § 46 FGO) bestehen 1.

Den Stpfl.n ist aller­dings zuzu­ge­ste­hen, dass der EGMR in der von ihnen ange­führ­ten Ent­schei­dung zur Dau­er eines Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens, das nach der Hes­si­schen Dis­zi­pli­nar­ord­nung (HDO) durch­ge­führt wor­den war, die Ver­zö­ge­rung des vor­ge­richt­li­chen förm­li­chen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens mit in die Prü­fung ein­be­zo­gen hat, ob Art. 6 Abs. 1 EMRK ver­letzt sei 2. Der EGMR hat in der genann­ten Ent­schei­dung dem dor­ti­gen Stpfl. eine Ent­schä­di­gung für die über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er zuge­spro­chen, obwohl die HDO in ihrem § 61 eine ‑mit § 46 FGO im Kern ver­gleich­ba­re- Vor­schrift ent­hielt, mit der der Beam­te nach sechs­mo­na­ti­ger Dau­er des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens eine gericht­li­che Ent­schei­dung erzwin­gen konn­te, und der dor­ti­ge Stpfl. von die­ser Mög­lich­keit kei­nen Gebrauch gemacht hat­te 3.

Gleich­wohl kann Art. 6 Abs. 1 EMRK im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren nicht zuguns­ten der Stpfl. her­an­ge­zo­gen wer­den. Der Anwen­dungs­be­reich die­ser Vor­schrift beschränkt sich auf "Strei­tig­kei­ten in Bezug auf ihre zivil­recht­li­chen Ansprü­che und Ver­pflich­tun­gen oder über eine gegen sie erho­be­ne straf­recht­li­che Ankla­ge". Auch wenn der Begriff "zivil­recht­li­che Ansprü­che und Ver­pflich­tun­gen" in der Recht­spre­chung des EGMR tra­di­tio­nell sehr weit aus­ge­legt wird, fal­len steu­er­recht­li­che Strei­tig­kei­ten (im enge­ren Sin­ne) nicht dar­un­ter. Dies ent­spricht stän­di­ger Recht­spre­chung sowohl des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te 4 als auch des Bun­des­fi­nanz­hofs 5. Soweit ange­führt wird, das EGMR-Urteil in NJW 2002, 3453 sei ledig­lich mit 11 : 6 Stim­men ergan­gen, so dass immer­hin sechs Rich­ter des EGMR die­se Ent­schei­dung für falsch gehal­ten haben 6 ändert dies nichts dar­an, dass es sich bei den dar­ge­stell­ten Grund­sät­zen um die Recht­spre­chung des EGMR han­delt. In sei­ner vor­ge­nann­ten Ent­schei­dung zu einem nach der HDO geführ­ten Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren hat der EGMR die Anwend­bar­keit des Art. 6 Abs. 1 EMRK nur des­halb bejaht, weil es sich bei Strei­tig­kei­ten aus dem Beam­ten­ver­hält­nis zugleich im wei­tes­ten Sin­ne um arbeits­recht­li­che ‑und damit um zivil­recht­li­che- Strei­tig­kei­ten han­delt 7.

Die Stpfl. wer­den durch die­se recht­li­che Beur­tei­lung nicht schutz­los gestellt.

Soweit sie sich auf die über­lan­ge Dau­er des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens beru­fen, hät­ten die Ehe­leu­te die­ses durch Erhe­bung einer Untä­tig­keits­kla­ge beschleu­ni­gen kön­nen. Das Vor­brin­gen der Stpfl., die Ver­ant­wor­tung für die Dau­er des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens lie­ge beim Finanz­amt, ist zwar im Grund­satz zutref­fend. Dies schließt aber nicht aus, die Mög­lich­kei­ten zu nut­zen, die das Gesetz für den Fall einer Untä­tig­keit des Finanz­amt aus­drück­lich eröff­net. Hät­ten die Ehe­leu­te von dem prä­ven­ti­ven Rechts­be­helf des § 46 FGO Gebrauch gemacht, wäre zu erwar­ten gewe­sen, dass es gar nicht erst zu einer unan­ge­mes­se­nen Dau­er des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens ‑und damit zur Belas­tung mit Aus­set­zungs­zin­sen für die­sen Ver­fah­rens­ab­schnitt- gekom­men wäre.

Soweit die Stpfl. mei­nen, die Dau­er des finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens über den Ein­kom­men­steu­er­be­scheid 1991 sei unan­ge­mes­sen lang gewe­sen, hät­ten die Ehe­leu­te die Mög­lich­keit gehabt, hier­ge­gen Ent­schä­di­gungs­kla­ge zu erhe­ben. Das ent­spre­chen­de Finanz­ge­richt, Urteil datiert vom 07.06.2011. Zwar ist das ÜberlVfRSchG erst am 3.12 2011 in Kraft getre­ten. Nach sei­nem Art. 23 Satz 1 gilt es aber auch für abge­schlos­se­ne Ver­fah­ren, deren Dau­er beim Inkraft­tre­ten noch Gegen­stand einer Beschwer­de beim EGMR wer­den kann. Die­se Rege­lung knüpft an die Sechs-Monats-Frist des Art. 35 Abs. 1 EMRK an, die ihrer­seits mit der Rechts­kraft der Ent­schei­dung der natio­na­len Gerich­te ("end­gül­ti­ge inner­staat­li­che Ent­schei­dung") beginnt. Zwar ist nicht bekannt, wann das Finanz­ge­richt, Urteil über den Ein­kom­men­steu­er­be­scheid 1991 rechts­kräf­tig gewor­den oder den Ehe­leu­ten zuge­stellt wor­den ist (das Finanz­amt hat die gewähr­te AdV zum 25.08.2011 been­det). Die Rechts­kraft kann aber nicht frü­her als am 7.07.2011 (einen Monat nach der münd­li­chen Ver­hand­lung) ein­ge­tre­ten sein. Inner­halb der ‑frü­hes­tens- an die­sem Tag begin­nen­den Sechs-Monats-Frist nach Art. 35 Abs. 1 EMRK ist das ÜberlVfRSchG in Kraft getre­ten. Die Ehe­leu­te hät­ten danach bis zum 3.06.2012 (Art. 23 Satz 6 ÜberlVfRSchG) Gele­gen­heit gehabt, eine Ent­schä­di­gungs­kla­ge beim BFH zu erhe­ben.

Im Rah­men einer sol­chen Ent­schä­di­gungs­kla­ge wären die Aus­set­zungs­zin­sen, die für den Zeit­raum ange­fal­len sind, in dem das Ver­fah­ren als ver­zö­gert anzu­se­hen gewe­sen wäre, als mate­ri­el­ler Nach­teil ‑nach Gegen­rech­nung erspar­ter Schuld­zin­sen oder erziel­ter Gut­ha­ben­zin­sen- ent­schä­di­gungs­pflich­tig gewe­sen 8. In Über­ein­stim­mung damit hat der Bun­des­fi­nanz­hof bereits ent­schie­den, dass Auf­wen­dun­gen für eine Aval­pro­vi­si­on, die dem Steu­er­pflich­ti­gen zur Erbrin­gung einer Sicher­heits­leis­tung für die Zeit der AdV ent­ste­hen, als mate­ri­el­ler Scha­den ersatz­fä­hig sind 9.

Soweit die Stpfl. dar­auf ver­wei­sen, dass beim Erge­hen des ange­foch­te­nen Bescheids über die Fest­set­zung der Aus­set­zungs­zin­sen (hier: 7.12 2012) der in Art. 23 Satz 6 ÜberlVfRSchG genann­te Ter­min (03.06.2012) bereits ver­stri­chen gewe­sen sei, führt dies nach Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis. Die Ehe­leu­te hät­ten ohne wei­te­res die Mög­lich­keit gehabt, bereits wegen ihrer Nicht­ver­mö­gens­schä­den bis zum 3.06.2012 eine Ent­schä­di­gungs­kla­ge zu erhe­ben. Nach Erge­hen des Zins­be­scheids, mit des­sen Erlass sie zwin­gend rech­nen muss­ten, weil dem Finanz­amt inso­weit kein Ermes­sen ein­ge­räumt ist, hät­ten sie den­je­ni­gen Zins­be­trag, der auf den Zeit­raum ent­fällt, in dem das Ver­fah­ren als ver­zö­gert anzu­se­hen gewe­sen wäre, im Wege der Kla­ge­er­wei­te­rung als mate­ri­el­len Scha­den ‑nach Gegen­rech­nung erspar­ter Schuld­zin­sen oder erziel­ter Gut­ha­ben­zin­sen- gel­tend machen kön­nen.

Mit­hin bie­tet das gel­ten­de Recht aus­rei­chen­de Mög­lich­kei­ten, die Ent­ste­hung von Aus­set­zungs­zin­sen für ein über­lan­ges Ver­wal­tungs­ver­fah­ren von vorn­her­ein zu ver­mei­den (durch Erhe­bung einer Untä­tig­keits­kla­ge) bzw. die Aus­set­zungs­zin­sen für ein über­lan­ges finanz­ge­richt­li­ches Ver­fah­ren zu kom­pen­sie­ren (durch die Gel­tend­ma­chung als mate­ri­el­ler Scha­den im Rah­men einer Ent­schä­di­gungs­kla­ge). Daher besteht kein Bedarf für die von den Stpfl.n begehr­te Rechts­fort­bil­dung dahin­ge­hend, in der­ar­ti­gen Fäl­len bereits die Fest­set­zung von Aus­set­zungs­zin­sen als rechts­wid­rig anzu­se­hen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 27. April 2016 – X R 1/​15

  1. BFH-Ent­schei­dun­gen vom 26.07.2012 – X S 18/​12 (PKH), BFH/​NV 2012, 1822; und vom 19.03.2014 – X K 3/​13, BFH/​NV 2014, 1053, Rz 28; vgl. auch den Regie­rungs­ent­wurf zum ÜberlVfRSchG vom 17.11.2010, BT-Drs. 17/​3802, S. 17[]
  2. EGMR, Urteil vom 16.07.2009 8453/​04, NVwZ 2010, 1015, Rz 44[]
  3. vgl. EGMR, Urteil in NVwZ 2010, 1015, Rz 51[]
  4. aus­führ­lich EGMR, Urteil vom 12.07.2001 44759/​98 – Ferrazzini/​Ita­li­en, NJW 2002, 3453, Rz 20 ff.; für Zöl­le und Ein­fuhr­ab­ga­ben auch EGMR, Ent­schei­dung vom 13.01.2005 62023/​00, EGrZ 2005, 234[]
  5. BFH, Beschlüs­se vom 21.02.2006 – I B 32/​05, BFH/​NV 2006, 1305, unter II. 2.; vom 22.07.2008 – II B 18/​08, BFH/​NV 2008, 1866, unter II. 3.b; vom 09.09.2008 – VI B 72/​07, unter b bb; in BFH/​NV 2011, 2011, Rz 16; vom 18.03.2013 – VII B 134/​12, BFH/​NV 2013, 1102, und in BFH/​NV 2015, 800, Rz 8[]
  6. vgl. die in NJW 2002, 3455 ver­öf­fent­lich­te abwei­chen­de Mei­nung von sechs Rich­tern[]
  7. EGMR, Urteil in NVwZ 2010, 1015, Rz 37 ff.[]
  8. zutref­fend Böcker, DStR 2011, 2173, 2177[]
  9. BFH, Urteil vom 06.04.2016 – X K 1/​15, unter II. 2.a[]