Über­tra­gung des allei­ni­gen Sor­ge­rechts – und die sub­op­ti­ma­le Bezie­hung der Eltern

Die Über­tra­gung des allei­ni­gen Sor­ge­rechts auf einen Eltern­teil kommt nicht bereits des­halb in Betracht, weil zwi­schen den Eltern kei­ne opti­ma­le trag­fä­hi­ge sozia­le Bezie­hung meh besteht. Dem Kin­des­wohl dien­lich kann die Bei­beh­la­tung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge viel­mehr auch dann sein, wenn noch in gerin­gem Umfang eine sozia­le Basis zwi­schen den Eltern vor­han­den ist, wel­che die­se im Inter­es­se des Kin­des wei­ter aus­bau­en kön­nen.

Über­tra­gung des allei­ni­gen Sor­ge­rechts – und die sub­op­ti­ma­le Bezie­hung der Eltern

Das den Eltern gemäß Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG ver­fas­sungs­recht­lich gegen­über dem Staat gewähr­leis­te­te Recht auf Pfle­ge und Erzie­hung ihrer Kin­der dient in ers­ter Linie dem Kin­des­wohl, das zugleich obers­te Richt­schnur für die Aus­übung der Eltern­ver­ant­wor­tung ist. Der Schutz des Eltern­rechts kommt der Mut­ter und dem Vater glei­cher­ma­ßen zu. Hier­bei setzt die gemein­sa­me Aus­übung der Eltern­ver­ant­wor­tung eine trag­fä­hi­ge sozia­le Bezie­hung zwi­schen den Eltern vor­aus, erfor­dert ein Min­dest­maß an Über­ein­stim­mung zwi­schen ihnen und hat sich am Kin­des­wohl zu ori­en­tie­ren. Soweit die Vor­aus­set­zun­gen für eine gemein­sa­me Wahr­neh­mung der elter­li­chen Sor­ge feh­len, ist gemäß § 1671 Abs. 1 Nr. 2 BGB im Fal­le des nicht nur vor­über­ge­hen­den Getrennt­le­bens einem Eltern­teil auf des­sen Antrag die elter­li­che Sor­ge allein zu über­tra­gen, wenn zu erwar­ten ist, dass das Auf­he­ben der gemein­sa­men Sor­ge und die Über­tra­gung auf den antrag­stel­len­den Eltern­teil dem Wohl des Kin­des am bes­ten ent­spricht, § 1697 a BGB.

Gemes­sen an die­sen Maß­stä­ben sah das Ober­lan­des­ge­richt Ros­tock im hier ent­schie­de­nen Fall die Auf­he­bung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge als nicht ange­zeigt:

Das Ober­lan­des­ge­richt geht davon aus, dass zwi­schen den Kin­des­el­tern zwar eine opti­ma­le trag­fä­hi­ge sozia­le Bezie­hung der­zeit nicht besteht, jedoch in einem gerin­gen Umfang noch eine sozia­le Basis vor­han­den ist und die Kin­des­el­tern ver­pflich­tet sind, die­se wei­ter aus­zu­bau­en. Den Kin­des­el­tern ist es in der Ver­gan­gen­heit – zumin­dest bis April 2013 – gelun­gen, trotz der wid­ri­gen Umstän­de der Inhaf­tie­rung des Kin­des­va­ters, über die das Kind betref­fen­de Fra­gen mit­ein­an­der zu kom­mu­ni­zie­ren. Die Dar­stel­lung der Kin­des­mut­ter, sie habe eigent­lich von Beginn an alle Ent­schei­dun­gen allein getrof­fen, wie z. B. die Kin­der­ta­ges­stät­te aus­ge­sucht, so dass der Kin­des­va­ter nur zuge­stimmt habe, steht hier­zu nicht in Wider­spruch. Die­se Art der Ent­schei­dungs­fin­dung ist bei einem Zusam­men­le­ben von Kin­des­el­tern nicht unbe­dingt unüb­lich.

Tat­sa­che ist, dass … sei­nen Vater kennt und eine enge Bin­dung des Kin­des zum Vater allen Betei­lig­ten unmit­tel­bar vor dem Anhö­rungs­ter­min deut­lich vor Augen geführt wur­de. … hat mit der Mut­ter sei­nen Vater regel­mä­ßig im Straf­voll­zug besucht, zuletzt im April und Mai 2014; dies auf­grund einer zwi­schen den Betei­lig­ten geschlos­se­nen Umgangs­ver­ein­ba­rung vor dem Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg. Soweit die Kin­des­mut­ter von Sei­ten des Kin­des­va­ters erwar­tet hat­te, dass er sich in die Erzie­hung und Betreu­ung des Kin­des mehr ein­bringt und auch in Anbe­tracht sei­ner bis­he­ri­gen Situa­ti­on mehr hin­ter­fragt, sind dar­in durch­aus Ansatz­punk­te zu sehen, auf­ein­an­der zuzu­ge­hen, zumal der Kin­des­va­ter sei­ne unbe­ding­te Bereit­schaft für Gesprä­che und Abspra­chen bekun­det hat. Nach­dem der Kin­des­va­ter am 23.06.2014 aus der Haft ent­las­sen wor­den ist, gilt es für ihn, die von der Kin­des­mut­ter ein­ge­for­der­te Zuver­läs­sig­keit zu zei­gen, um auf Sei­ten der Kin­des­mut­ter das ver­lo­ren gegan­ge­ne Ver­trau­en wie­der her­stel­len zu kön­nen. Von den Kin­des­el­tern ist sodann im Inter­es­se ihres Kin­des zu erwar­ten, dass sie sich als Eltern von … akzep­tie­ren und im Inter­es­se einer posi­ti­ven Ent­wick­lung ihres Kin­des mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren und koope­rie­ren.

Das Ober­lan­des­ge­richt ver­kennt dabei nicht, dass die Kin­des­mut­ter in ihrer neu­en Bezie­hung offen­bar mehr Gebor­gen­heit als bei dem Kin­des­va­ter fin­det, dies auch für …. Gleich­wohl kann nicht über­se­hen wer­den, dass sie bei Ein­ge­hen der Bezie­hung mit dem Kin­des­va­ter um sei­ne Ver­gan­gen­heit wuss­te und sich mit ihm gemein­sam auch für die Abga­be einer Sor­ge­er­klä­rung nach § 1626 a BGB ent­schie­den hat. Der ein­sei­ti­ge Abbruch der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­reit­schaft der Kin­des­mut­ter kann nicht dazu füh­ren, die gemein­sa­me elter­li­che Sor­ge auf­zu­he­ben. Anders als das Fami­li­en­ge­richt ver­mag das Ober­lan­des­ge­richt ledig­lich vor dem Hin­ter­grund der Vor­stra­fen des Kin­des­va­ters eine Erzie­hungs­un­fä­hig­keit nicht fest­zu­stel­len. Die im erst­in­stanz­li­chen Beschluss genann­te Ent­schei­dung des OLG Bam­berg 1 ist nicht ein­schlä­gig, zumal es vor­lie­gend nicht dar­um geht, dem Kin­des­va­ter allein das Auf­ent­halts­be­stim­mungs­recht zu über­tra­gen. Der­zeit ist jeden­falls nicht zu erken­nen, dass die Bei­be­hal­tung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge dem Kin­des­wohl wider­spricht. … geht völ­lig unbe­fan­gen mit bei­den Eltern­tei­len um und ist an Kon­tak­ten zum Vater inter­es­siert.

Bei der Auf­recht­erhal­tung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge geht es zudem nur dar­um, dass Ange­le­gen­hei­ten von erheb­li­cher Trag­wei­te einer gemein­sa­men Ent­schei­dung zuzu­füh­ren sind. Hier­bei kann es durch­aus kon­struk­ti­ve Vor­schlä­ge von Sei­ten der Kin­des­mut­ter geben, denen der Kin­des­va­ter unter Umstän­den nur zuzu­stim­men braucht. Soweit … mit Zustim­mung des Kin­des­va­ters sei­nen Auf­ent­halt bei der Kin­des­mut­ter hat, liegt auf ihrer Sei­te, selbst bei der Bei­be­hal­tung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge im Übri­gen, grund­sätz­lich die Befug­nis zur allei­ni­gen Ent­schei­dung in den Ange­le­gen­hei­ten des täg­li­chen Lebens, § 1687 Abs. 1 Satz 2 i. V. m. Satz 3 BGB 2. Der ande­re Eltern­teil, hier der Kin­des­va­ter, ist hin­ge­gen nur an Ent­schei­dun­gen von erheb­li­cher Bedeu­tung zu betei­li­gen, d. h. an sol­chen, die nur schwer oder gar nicht abzu­än­dern­de Aus­wir­kun­gen auf die Ent­wick­lung des Kin­des haben.

Im Übri­gen ist die Rol­le des ande­ren Eltern­teils, bei dem das Kind nicht stän­dig lebt, auf eine posi­ti­ve Wahr­nah­me des Umgangs­rechts und der in die­sem Zusam­men­hang zu tref­fen­den Ent­schei­dun­gen in Ange­le­gen­hei­ten der tat­säch­li­chen Betreu­ung (§ 1687 Abs. 1 Satz 4 BGB) beschränkt.

Ober­lan­des­ge­richt Ros­tock, Beschluss vom 15. August 2014 – 11 UF 297/​13

  1. OLG Bam­berg, Fam­RZ 1991, 1341 f.[]
  2. vgl. auch Palandt/​Götz, BGB, 73. Aufl., § 1687 Rdn. 4 ff.[]
  3. vom 16.04.2013, BGBl. I S. 795[]