Voll­stre­ckung einer einst­wei­li­gen Ver­fü­gung – und die Scha­dens­er­satz­haf­tung des Ver­fü­gungs­klä­gers

§ 945 ZPO begrün­det eine weder Rechts­wid­rig­keit noch Schuld vor­aus­set­zen­de Risi­ko­haf­tung des Gläu­bi­gers.

Voll­stre­ckung einer einst­wei­li­gen Ver­fü­gung – und die Scha­dens­er­satz­haf­tung des Ver­fü­gungs­klä­gers

Wer aus einem noch nicht end­gül­ti­gen Titel die Voll­stre­ckung betreibt, soll das Risi­ko tra­gen, dass sich sein Vor­ge­hen nach­träg­lich als unbe­rech­tigt erweist 1.

Ersatz­fä­hig ist aller­dings nur der aus der Voll­zie­hung der einst­wei­li­gen Ver­fü­gung ver­ur­sach­te Scha­den im Sin­ne der §§ 249 ff BGB 2.

Für die Bemes­sung des Scha­dens gel­ten nach stän­di­ger Recht­spre­chung die all­ge­mei­nen Grund­sät­ze, ins­be­son­de­re §§ 249 ff BGB und § 287 ZPO 3. Der Scha­dens­er­satz­an­spruch umfasst grund­sätz­lich den durch die Voll­zie­hung der einst­wei­li­gen Ver­fü­gung adäquat kau­sal ver­ur­sach­ten, unmit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Scha­den ein­schließ­lich des infol­ge des Voll­zugs von Ver­bots­ver­fü­gun­gen ent­gan­ge­nen Gewinns des Schuld­ners 4.

Der Zurech­nungs­zu­sam­men­hang zwi­schen einem schä­di­gen­den Ereig­nis und dem Scha­den bei eige­nen selbst­schä­di­gen­den Hand­lun­gen des Geschä­dig­ten bleibt bestehen, wenn die Hand­lung durch das haf­tungs­be­grün­den­de Ereig­nis her­aus­ge­for­dert wur­de oder für sie ein recht­fer­ti­gen­der Anlass im Sin­ne einer nicht als unge­wöhn­lich oder gänz­lich unan­ge­mes­sen zu bewer­ten­den Ent­schlie­ßung bestand 5. Er fehlt, wenn der Geschä­dig­te selbst in völ­lig unge­wöhn­li­cher oder unsach­ge­mä­ßer Wei­se in den scha­dens­träch­ti­gen Gesche­hens­ab­lauf ein­greift und eine wei­te­re Ursa­che setzt, die den Scha­den end­gül­tig her­bei­führt 6.

Als Voll­zie­hungs­scha­den sind die gel­tend gemach­ten Zin­sen ersatz­fä­hig, wenn zwi­schen ihrer Ent­ste­hung bei der Klä­ge­rin und der nach dem Klä­ger­vor­trag durch die einst­wei­li­ge Ver­fü­gung ver­ur­sach­ten Ver­schie­bung der Bau­maß­nah­me ein Zurech­nungs­zu­sam­men­hang besteht. Der Klä­ge­rin kommt inso­weit die Beweis­erleich­te­rung des § 287 ZPO zugu­te 7.

Auch die selbst­schä­di­gen­de Hand­lung des Gläu­bi­gers kann, wenn sie durch den Schä­di­ger her­aus­ge­for­dert ist, zu einem ersatz­fä­hi­gen Scha­den füh­ren.

Wur­de im Rah­men des § 945 ZPO ein ersatz­fä­hi­ger Scha­den fest­ge­stellt, ist die Fra­ge eines Mit­ver­schul­dens der Voll­stre­ckungs­schuld­ne­rin zu rüfen. Inso­weit ent­spricht es der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, dass sich der nach § 945 ZPO in Anspruch genom­me­ne Schuld­ner auf ein Mit­ver­schul­den des Gläu­bi­gers nach § 254 Abs. 1 BGB beru­fen kann, weil die­se Vor­schrift auch anzu­wen­den ist, wenn eine Ersatz­pflicht ohne Rück­sicht auf Ver­schul­den gesetz­lich ange­ord­net ist 8.

Die­ses mit­wir­ken­de Ver­schul­den kann vor allem dar­in bestehen, dass der Geg­ner im Arrest- oder Ver­fü­gungs­ver­fah­ren dem Antrag­stel­ler durch sein schuld­haf­tes Ver­hal­ten zur Aus­brin­gung des Arres­tes oder der Ver­fü­gung Anlass gege­ben hat 9.

Hier­bei geht es um ein Ver­schul­den in eige­nen Ange­le­gen­hei­ten, wel­ches in der Außer­acht­las­sung der­je­ni­gen Sorg­falt bestehe, die nach Auf­fas­sung des Ver­kehrs ein ordent­li­cher und ver­stän­di­ger Kauf­mann hät­te anwen­den müs­sen, um sich tun­lichst vor Scha­den zu bewah­ren 10. Zu prü­fen ist, ob dem Geschä­dig­ten ein eige­nes Ver­hal­ten zur Last zu legen ist, wel­ches den spä­ter ein­ge­tre­te­nen Scha­den – für ihn erkenn­bar – begüns­tigt hat und ihm vor allem des­halb auch von dem Schä­di­ger bil­li­ger­wei­se ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den kann 11.

Inso­weit gebie­tet es der Norm­zweck des § 945 ZPO, der das Voll­stre­ckungs­ri­si­ko aus dem vor­läu­fi­gen Titel und die Gefahr der sach­lich­recht­li­chen Unbe­gründ­etheit sei­nes Rechts­schutz­be­geh­rens dem Gläu­bi­ger zuweist, dass erhöh­te Anfor­de­run­gen an die Annah­me eines mit­wir­ken­den Ver­schul­dens des Schuld­ners gestellt wer­den 12.

Ein mit­wir­ken­des Ver­schul­den kann auch bei Unter­las­sen eines aus­sichts­rei­chen Wider­spruchs in Betracht kom­men 13.

Unter Berück­sich­ti­gung die­ser Grund­sät­ze ist die Fra­ge zu klä­ren, ob die Ver­fü­gungs­be­klag­te Anlass zur Erwir­kung der einst­wei­li­gen Ver­fü­gung durch den Ver­fü­gungs­klä­ger gege­ben hat.

Fer­ner wird im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren in Rech­nung zu stel­len sein, dass die Ver­fü­gungs­be­kla­ge gegen die ihr nach eige­nem Vor­trag bereits am 16.09.2009 zuge­stell­te einst­wei­li­ge Ver­fü­gung erst am 16.11.2009 Wider­spruch ein­ge­legt und spä­ter einem Ruhen des Ver­fah­rens zuge­stimmt und erst am 19.02.2010 die Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens bean­tragt hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. Okto­ber 2016 – IX ZR 149/​15

  1. BGH, Urteil vom 02.11.1995 – IX ZR 141/​94, BGHZ 131, 141, 143; Beschluss vom 22.01.2009 – I ZB 115/​07, BGHZ 180, 72 Rn. 16; Urteil vom 10.07.2014 – I ZR 249/​12, WM 2015, 978 Rn. 14[]
  2. BGH, Urteil vom 19.09.1985 – III ZR 71/​83, BGHZ 96, 1, 2; vom 01.04.1993 – I ZR 70/​91, BGHZ 122, 172, 179; vom 23.03.2006 – IX ZR 134/​04, NJW 2006, 2557 Rn. 23; vom 20.07.2006 – IX ZR 94/​03, BGHZ 168, 352 Rn.19 und 30[]
  3. BGH, Urteil vom 20.07.2006 aaO; vom 10.07.2014, aaO Rn. 34[]
  4. BGH, Urteil vom 20.07.2006, aaO Rn.19[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 13.07.1971 – VI ZR 125/​70, BGHZ 57, 25, 29 f; vom 03.12 1992 – IX ZR 61/​92, NJW 1993, 1139, 1141; vom 04.07.1994 – II ZR 126/​93, NJW 1995, 126, 127; vom 20.10.1994 – IX ZR 116/​93, NJW 1995, 449, 451; vom 17.10.2000 – X ZR 169/​99, NJW 2001, 512, 513; vom 18.01.2007 – IX ZR 122/​04, WM 2007, 567 Rn. 12; vom 14.06.2012 – IX ZR 145/​11, BGHZ 193, 297 Rn. 44; Münch-Komm-BGB/Oet­ker, 7. Aufl., § 249 Rn. 167 ff; Beck­OK-BGB/­Schu­bert, März 2011, § 249 Rn. 64 und 88; Lange/​Schiemann, Scha­dens­er­satz, 3. Aufl., Sei­te 136 f; für die Anwalts­haf­tung G. Fischer in G. Fischer/​Vill/​D. Fischer/​Rinkler/​Chab, Hand­buch der Anwalts­haf­tung, 4. Aufl., § 5 Rn. 46[]
  6. BGH, Urteil vom 14.03.1985 – IX ZR 26/​84, NJW 1986, 1329, 1331; vom 29.10.1987 – IX ZR 181/​86, NJW 1988, 1143, 1145; vom 19.05.1988 – III ZR 32/​87, NJW 1989, 99, 100; vom 10.10.1996 – IX ZR 294/​95, NJW 1997, 250, 253[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 20.07.2006 – IX ZR 94/​03, BGHZ 168, 352 Rn. 25; vom 10.07.2014 – I ZR 249/​12, WM 2015, 978 Rn. 34[]
  8. BGH, Urteil vom 01.12 1965 – Ib ZR 141/​63, WM 1966, 192, 193[]
  9. RGZ 143, 118, 122 f; BGH, Urteil vom 01.12 1965, aaO; vom 16.10.1973 – VI ZR 142/​71, WM 1973, 1357, 1358; vom 22.03.1990 – IX ZR 23/​89, NJW 1990, 2689, 2690; vom 23.03.2006 – IX ZR 134/​04, NJW 2006, 2557 Rn. 23 und 25; vom 20.07.2006 – IX ZR 94/​03, BGHZ 168, 352 Rn. 31[]
  10. BGH, Urteil vom 01.12 1965, aaO[]
  11. BGH, Urteil vom 09.05.1978 – VI ZR 212/​76, NJW 1978, 2024, 2025[]
  12. BGH, Urteil vom 22.03.1990, aaO Sei­te 2690; Beck­OK-ZPO/­May­er, Sep­tem­ber 2015, § 945 Rn. 36; Hk-ZPO/K­em­per, 6. Aufl., § 945 Rn. 15[]
  13. BGH, Urteil vom 23.03.2006, aaO Rn. 27 mwN; OLG Mün­chen GRUR 1996, 998, 999 f; Beck­OK-ZPO/­May­er, aaO Rn. 37; Münch­Komm-ZPO/Dre­scher, 4. Aufl., § 945 Rn. 26[]