Wider­na­tür­li­che Unzucht – und der Tier­schutz

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen den Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­tat­be­stand des § 3 Satz 1 Nr. 13 des Tier­schutz­ge­set­zes nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men.

Wider­na­tür­li­che Unzucht – und der Tier­schutz

Nach dem am 13.07.2013 in Kraft getre­te­nen § 3 Satz 1 Nr. 13 TierSchG 1 ist es ver­bo­ten, ein Tier für eige­ne sexu­el­le Hand­lun­gen zu nut­zen oder für sexu­el­le Hand­lun­gen Drit­ter abzu­rich­ten oder zur Ver­fü­gung zu stel­len und dadurch zu art­wid­ri­gem Ver­hal­ten zu zwin­gen. Ver­stö­ße kön­nen nach § 18 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 4 TierSchG als Ord­nungs­wid­rig­keit mit einer Geld­bu­ße bis zu 25.000 € geahn­det wer­den.

In Anbe­tracht des vom Gesetz­ge­ber ver­folg­ten Schutz­zwecks ist die­ser durch das Ver­bot bewirk­te Ein­griff in das sexu­el­le Selbst­be­stim­mungs­recht (Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 GG) nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ver­fas­sungs­recht­lich gerecht­fer­tigt. Der Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­tat­be­stand genügt dar­über hin­aus den Anfor­de­run­gen des Bestimmt­heits­ge­bots.

Bestimmt­heits­grund­satz

§ 3 Satz 1 Nr. 13 TierSchG und §§ 18 Abs. 1 Nr. 4, Abs. 4 TierSchG ver­sto­ßen nicht gegen den Bestimmt­heits­grund­satz des Art. 103 Abs. 2 GG.

Nach Art. 103 Abs. 2 GG darf eine Tat nur bestraft wer­den, wenn die Straf­bar­keit gesetz­lich bestimmt war, bevor die Tat began­gen wur­de ("nul­la poe­na sine lege"). Der Schutz der Vor­schrift erstreckt sich auch auf die Ahn­dung von Ord­nungs­wid­rig­kei­ten 2. Sie soll – neben dem hier uner­heb­li­chen Rück­wir­kungs­ver­bot – einer­seits sicher­stel­len, dass der Normadres­sat vor­her­se­hen kann, wel­ches Ver­hal­ten mit Stra­fe oder Buße bedroht ist, und ande­rer­seits gewähr­leis­ten, dass der Gesetz­ge­ber und nicht erst die Gerich­te über die Straf­bar­keit oder Buß­geld­vor­aus­set­zun­gen ent­schei­den. Inso­weit ent­hält Art. 103 Abs. 2 GG einen stren­gen Geset­zes­vor­be­halt, der es der voll­zie­hen­den und der recht­spre­chen­den Gewalt ver­wehrt, die nor­ma­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen einer Bestra­fung oder einer Ver­hän­gung von Geld­bu­ßen fest­zu­le­gen 3.

Gemes­sen an die­sen Maß­stä­ben wer­den die ange­grif­fe­nen Nor­men den sich aus Art. 103 Abs. 2 GG erge­ben­den Anfor­de­run­gen gerecht.

Der Tat­be­stand des § 3 Satz 1 Nr. 13 TierSchG wird in dop­pel­ter Hin­sicht durch die Merk­ma­le der "sexu­el­len Hand­lung" und des "Zwin­gens" zu einem "art­wid­ri­gen Ver­hal­ten" begrenzt. Die­se unbe­stimm­ten Geset­zes­be­grif­fe sind weder im ange­grif­fe­nen Tier­schutz­ge­setz noch in der Geset­zes­be­grün­dung defi­niert. Sie sind aber der nähe­ren Deu­tung im Wege der Aus­le­gung zugäng­lich 4; ihre Bedeu­tung ergibt sich aus ihrem Wort­sinn 5 und ent­spricht dem All­tags­sprach­ge­brauch. Zudem han­delt es sich um Begriff­lich­kei­ten, die auch in ande­ren Geset­zen und im Tier­schutz­ge­setz selbst ver­wen­det wer­den. Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass weit­ge­hen­de Einig­keit über ihren enge­ren Bedeu­tungs­ge­halt besteht 6 und sie inso­fern durch die Gerich­te wei­ter kon­kre­ti­siert wer­den kön­nen.

Dies gilt ins­be­son­de­re für den Begriff der sexu­el­len Hand­lung, der in § 184h StGB defi­niert wird und von der Recht­spre­chung näher kon­kre­ti­siert wur­de 7. Dass der Gesetz­ge­ber bei Ein­füh­rung des § 3 Satz 1 Nr. 13 TierSchG ein ande­res Begriffs­ver­ständ­nis zugrun­de legen woll­te, ist den Gesetz­ge­bungs­ma­te­ria­li­en 8 nicht zu ent­neh­men.

Auch der Begriff des "Art­ge­rech­ten" bezie­hungs­wei­se "Art­wid­ri­gen" ist dem Recht nicht fremd. Es han­delt sich um einen im Tier­schutz­recht gebräuch­li­chen Begriff, der sich auf die Hal­tung und Unter­brin­gung von Tie­ren bezieht (vgl. § 2 TierSchG, § 8 TierSchHuV).

Der Begriff des "art­wid­ri­gen" Ver­hal­tens steht zudem in engem Zusam­men­hang mit dem wei­te­ren Tat­be­stands­merk­mal des "Zwin­gens" zu einem sol­chen Ver­hal­ten, der eine tat­be­stands­be­gren­zen­de Wir­kung ent­fal­tet. Nach der Geset­zes­be­grün­dung soll das "Erzwin­gen" zwar sowohl durch kör­per­li­che Gewalt als auch auf ande­re Wei­se mög­lich sein 9. Eine Aus­le­gung anhand der Sys­te­ma­tik des § 3 TierSchG und im Hin­blick auf Sinn und Zweck des Ver­bots ergibt, dass es sich bei die­ser ande­ren Wei­se des Zwangs um ein Ver­hal­ten han­deln muss, wel­ches mit der Anwen­dung von kör­per­li­cher Gewalt ver­gleich­bar ist.

Zum einen wird der Begriff auch in § 3 Satz 1 Nr. 11 TierSchG ver­wandt und bezieht sich dort auf ein Zwin­gen des Tie­res zur Bewe­gung mit­tels direk­ter Strom­ein­wir­kung, wodurch dem Tier nicht uner­heb­li­che Schmer­zen, Lei­den oder Schä­den zuge­fügt wer­den. Zum ande­ren ist der vom Gesetz­ge­ber in § 3 Satz 1 Nr. 13 TierSchG benutz­te Begriff des "Zwin­gens" von der in § 3 Satz 1 Nrn. 1 und 1a TierSchG gewähl­ten For­mu­lie­rung abzu­gren­zen, nach der es ver­bo­ten ist, einem Tier Leis­tun­gen "abzu­ver­lan­gen", denen es wegen sei­nes kör­per­li­chen Zustan­des nicht gewach­sen ist. Es genügt hier jeden­falls, wenn die ver­wen­de­ten Begrif­fe aus­le­gungs­fä­hig sind und durch die Rechts­an­wen­dung kon­kre­ti­siert wer­den kön­nen.

Grund­recht auf sexu­el­le Selbst­be­stim­mung

Die ange­grif­fe­nen Vor­schrif­ten ver­let­zen nicht das Grund­recht Zoo­phi­ler auf sexu­el­le Selbst­be­stim­mung (Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 GG). Der Ein­zel­ne muss, soweit nicht in den unan­tast­ba­ren Bereich pri­va­ter Lebens­ge­stal­tung ein­ge­grif­fen wird, staat­li­che Maß­nah­men hin­neh­men, die im über­wie­gen­den Inter­es­se der All­ge­mein­heit oder im Hin­blick auf grund­recht­lich geschütz­te Inter­es­sen Drit­ter unter strik­ter Wah­rung des Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­ge­bots ergrif­fen wer­den 10. So liegt es hier.

Der Schutz des Wohl­be­fin­dens von Tie­ren durch einen Schutz vor art­wid­ri­gen sexu­el­len Über­grif­fen ist ein legi­ti­mes Ziel. Die­sem in § 1 Satz 1 TierSchG zum Aus­druck kom­men­den Grund­prin­zip kommt nach Art.20a GG Ver­fas­sungs­rang zu. Es liegt im – grund­sätz­lich wei­ten – Ein­schät­zungs- und Beur­tei­lungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers 11, zum Wohl­be­fin­den der Tie­re und ihrer art­ge­rech­ten Hal­tung auch den Schutz vor erzwun­ge­nen sexu­el­len Über­grif­fen zu rech­nen.

Die vom Gesetz­ge­ber getrof­fe­ne Rege­lung ist auch im Übri­gen ver­hält­nis­mä­ßig. Ins­be­son­de­re steht die Schwe­re des Ein­griffs nicht außer Ver­hält­nis zum erstreb­ten Erfolg. Zwar greift § 3 Satz 1 Nr. 13 TierSchG in die sexu­el­le Selbst­be­stim­mung ein. Jedoch greift der Tat­be­stand des § 3 Satz 1 Nr. 13 TierSchG nur, wenn das Tier zu einem art­wid­ri­gen Ver­hal­ten gezwun­gen wird. Zudem bedient sich der Gesetz­ge­ber hier nicht des Straf­rechts, son­dern gestal­tet die Norm als blo­ße Ord­nungs­wid­rig­keit aus, deren Ver­fol­gung und Ahn­dung dem Oppor­tu­ni­täts­prin­zip (§ 47 Abs. 1 Satz 1 OWiG) folgt und damit im pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen der Ver­fol­gungs­be­hör­de liegt. Dabei kann bei Vor­lie­gen beson­de­rer, nicht not­wen­dig außer­ge­wöhn­li­cher Umstän­de der Unrechts­ge­halt des Ver­sto­ßes und das sich dar­aus erge­ben­de Gefähr­dungs­po­ten­zi­al so gering sein, dass eine Ver­fol­gung und Ahn­dung nicht gebo­ten erscheint 12. Damit durf­te der Gesetz­ge­ber davon aus­ge­hen, dass das mit den Vor­schrif­ten ange­streb­te Ziel die kon­kre­ten Beein­träch­ti­gun­gen für die Betrof­fe­nen über­wiegt.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 8. Dezem­ber 2015 – 1 BvR 1864/​14

  1. BGBl I S. 2182[]
  2. vgl. BVerfGE 81, 132, 135; 87, 399, 411; stRspr[]
  3. vgl. BVerfGE 78, 374, 382; 126, 170, 194; BVerfGK 11, 337, 349; BVerfG, Beschluss vom 15.09.2011 – 1 BvR 519/​10, NVwZ 2012, S. 504, 505[]
  4. BVerfGE 78, 374, 389; 75, 329, 341[]
  5. BVerfGE 71, 108, 115; 82, 236, 269[]
  6. BVerfGE 126, 170, 197[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 22.05.1996 – 5 StR 153/​96, StV 1997, S. 524, 524; Urteil vom 06.02.2002 – 1 StR 506/​01, NStZ 2002, S. 431, 432[]
  8. BR-Drs. 300/​1/​12, S. 48; BT-Drs. 17/​10572, S. 61[]
  9. vgl. BT-Drs. 17/​11811, S. 28[]
  10. BVerfGE 120, 224, 239[]
  11. vgl. BVerfGE 102, 197, 218; 104, 337, 347 f.[]
  12. vgl. Seitz, in: Göh­ler, OWiG, 16. Aufl.2012, § 47 Rn. 2[]