Abfin­dungs­an­spruch bei betriebs­be­ding­ter Kün­di­gung

Mach § 1a Abs. 1 Satz 1 KSchG hat der Arbeit­neh­mer Anspruch auf eine Abfin­dung, wenn der Arbeit­ge­ber das Arbeits­ver­hält­nis wegen drin­gen­der betrieb­li­cher Erfor­der­nis­se nach § 1 Abs. 2 Satz 1 KSchG kün­digt und der Arbeit­neh­mer bis zum Ablauf der Frist des § 4 Satz 1 KSchG kei­ne Kla­ge auf Fest­stel­lung erhebt, dass das Arbeits­ver­hält­nis durch die Kün­di­gung nicht auf­ge­löst ist.

Abfin­dungs­an­spruch bei betriebs­be­ding­ter Kün­di­gung

Gemäß § 1a Abs. 1 Satz 2 KSchG setzt der Anspruch den Hin­weis des Arbeit­ge­bers in der Kün­di­gungs­er­klä­rung vor­aus, dass die Kün­di­gung auf drin­gen­de betrieb­li­che Erfor­der­nis­se gestützt ist und der Arbeit­neh­mer bei Ver­strei­chen­las­sen der Kla­ge­frist die Abfin­dung bean­spru­chen kann.

Die­se beträgt einen hal­ben Monats­ver­dienst für jedes Jahr des Bestehens des Arbeits­ver­hält­nis­ses; für die Bestim­mung des Monats­ver­diens­tes gilt die Rege­lung in § 10 Abs. 3 KSchG ent­spre­chend.

Zwar schließt es die Vor­schrift des § 1a KSchG nicht aus, dass der Arbeit­ge­ber eine Abfin­dung auf ande­rer Grund­la­ge ver­spricht oder sich dar­auf beschränkt, im Kün­di­gungs­schrei­ben rein dekla­ra­to­risch auf kol­lek­tiv­recht­li­che Bestim­mun­gen zu ver­wei­sen, aus denen ein Abfin­dungs­an­spruch bei Ver­lust des Arbeits­plat­zes folgt. Der Wil­le des Arbeit­ge­bers, ein von der gesetz­li­chen Vor­ga­be abwei­chen­des Ange­bot unter­brei­ten zu wol­len, muss sich aber aus dem Kün­di­gungs­schrei­ben ein­deu­tig und unmiss­ver­ständ­lich erge­ben [1]. Ent­hält die­ses einen voll­stän­di­gen Hin­weis nach § 1a Abs. 1 Satz 2 KSchG, spricht dies für einen Anspruch des Arbeit­neh­mers nach § 1a Abs. 2 KSchG [2].

Der Anspruch nach § 1a KSchG setzt kei­ne wirk­sa­me Kün­di­gung des Arbeit­ge­bers vor­aus. Ein Streit über deren Wirk­sam­keit soll durch das Ange­bot des Arbeit­ge­bers nach § 1a KSchG gera­de ver­mie­den wer­den. Dane­ben wird die Wirk­sam­keit der von der Arbeit­ge­be­rin erklär­ten Kün­di­gung durch § 7 KSchG fin­giert.

Die Arbeit­ge­be­rin hat den sich aus § 1a Abs. 1 KSchG erge­ben­den Anspruch des Arbeit­neh­mers nicht durch die Zah­lung der sich aus dem mit dem Betriebs­rat ver­ein­bar­ten Interessenausgleich/​Sozialplan erge­ben­den Abfin­dung erfüllt. Eine (voll­stän­di­ge) Anrech­nung der dort nor­ma­tiv gere­gel­ten Abfin­dung auf den durch den Hin­weis nach § 1a Abs. 1 KSchG begrün­de­ten Abfin­dungs­an­spruch schei­det wegen der unter­schied­li­chen Leis­tungs­zwe­cke aus Rechts­grün­den aus.

Mit der Rege­lung in § 1a KSchG woll­te der Gesetz­ge­ber eine „ein­fach zu hand­ha­ben­de, moder­ne und unbü­ro­kra­ti­sche Alter­na­ti­ve zum Kün­di­gungs­schutz­pro­zess“ schaf­fen. Die for­ma­li­sier­ten Vor­aus­set­zun­gen für den Abfin­dungs­an­spruch und die gesetz­lich fest­ge­leg­te Höhe der Abfin­dung sol­len es den Arbeits­ver­trags­par­tei­en erleich­tern, die Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses nach arbeit­ge­ber­sei­ti­ger betriebs­be­ding­ter Kün­di­gung außer­ge­richt­lich kos­ten­güns­tig zu klä­ren. Mit der Ein­fü­gung des am 1.01.2004 in Kraft getre­te­nen § 1a in das Kün­di­gungs­schutz­ge­setz durch Art. 1 des Geset­zes zu Refor­men am Arbeits­markt vom 24.12 2003 [3] war die Erwar­tung ver­bun­den, dass Arbeit­ge­ber bereit sein wür­den, die gesetz­lich vor­ge­ge­be­ne Abfin­dungs­sum­me zu zah­len, wenn sie Risi­ken und Kos­ten eines Kün­di­gungs­schutz­pro­zes­ses in Betracht zögen, und Arbeit­neh­mer, die an ihrem Arbeits­ver­hält­nis nicht zwin­gend fest­hal­ten wol­len, die Kün­di­gung ihres Arbeits­ver­hält­nis­ses akzep­tie­ren wür­den, wenn sie den im Gesetz vor­ge­se­he­nen Abfin­dungs­be­trag erhiel­ten [4].

Ein sol­cher Norm­zweck liegt Sozi­al­plan­leis­tun­gen iSv. § 112 Abs. 1 Satz 2 BetrVG, die dem Aus­gleich oder der Abmil­de­rung der mit einer Betriebs­än­de­rung für die Arbeit­neh­mer ver­bun­de­nen wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le die­nen, nicht zugrun­de. Die­se dür­fen nicht von einem Ver­zicht des Arbeit­neh­mers auf die Erhe­bung einer Kün­di­gungs­schutz­kla­ge (§ 4 Satz 1 KSchG) abhän­gig gemacht wer­den. Das folgt aus dem in § 75 Abs. 1 BetrVG nor­mier­ten betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz. Macht ein Sozi­al­plan den Ver­zicht auf die Erhe­bung einer Kün­di­gungs­schutz­kla­ge zur Vor­aus­set­zung für den Anspruch auf die Sozi­al­pla­n­ab­fin­dung, erfolgt eine Grup­pen­bil­dung, wel­che die Anwen­dung des Gleich­heits­sat­zes ermög­licht und gebie­tet. Die Arbeit­neh­mer, die eine Kün­di­gungs­schutz­kla­ge erhe­ben, wer­den hin­sicht­lich der Sozi­al­pla­n­ab­fin­dung schlech­ter behan­delt als die­je­ni­gen, die von der gericht­li­chen Über­prü­fung der Wirk­sam­keit der Kün­di­gung abse­hen. Die­se Ungleich­be­hand­lung ist nach Sinn und Zweck des Sozi­al­plans sach­lich nicht gerecht­fer­tigt [5]. Nur wenn die Betriebs­par­tei­en ihrer Pflicht zur Auf­stel­lung eines Sozi­al­plans nach­ge­kom­men sind, kön­nen sie frei­wil­lig eine kol­lek­tiv­recht­li­che Rege­lung tref­fen, die im Inter­es­se des Arbeit­ge­bers an als­bal­di­ger Pla­nungs­si­cher­heit finan­zi­el­le Leis­tun­gen für den Fall vor­sieht, dass der Arbeit­neh­mer von der Mög­lich­keit der Erhe­bung einer Kün­di­gungs­schutz­kla­ge kei­nen Gebrauch macht oder frei­wil­lig aus dem Arbeits­ver­hält­nis im Wege einer Auf­he­bungs­ver­ein­ba­rung aus­schei­det. Das Ver­bot, Sozi­al­pla­n­ab­fin­dun­gen von einem Ver­zicht auf die Erhe­bung der Kün­di­gungs­schutz­kla­ge abhän­gig zu machen, darf dadurch aber nicht umgan­gen wer­den [6]. Eben­so kön­nen die Betriebs­par­tei­en die Anrech­nung von Leis­tun­gen des Arbeit­ge­bers nach § 1a KSchG auf eige­ne Abfin­dungs­an­sprü­che zum Aus­gleich der Nach­tei­le des Arbeits­platz­ver­lus­tes vor­se­hen, ohne damit gegen den Zweck die­ser Leis­tun­gen zu ver­sto­ßen [7].

Nach die­sen Grund­sät­zen schei­det vor­lie­gend die (voll­stän­di­ge) Anrech­nung des Anspruchs aus dem „Inter­es­sen­aus­gleich“ auf den durch das Kün­di­gungs­schrei­ben vom 10.02.2014 begrün­de­ten Abfin­dungs­an­spruch aus. Die mit den jewei­li­gen Zah­lun­gen ver­folg­ten Zwe­cke sind nicht deckungs­gleich. Bei der nor­ma­tiv gere­gel­ten Abfin­dung han­delt es sich um eine Leis­tung nach § 112 Abs. 1 Satz 2 BetrVG. Die­se dient – anders als die Abfin­dung nach § 1a KSchG – aus­schließ­lich dem Aus­gleich der mit dem Ver­lust des Arbeits­plat­zes ver­bun­de­nen wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le. Wei­te­re Leis­tungs­zwe­cke ver­fol­gen die Betriebs­par­tei­en mit der im „Inter­es­sen­aus­gleich“ ent­hal­te­nen Zah­lung nicht. Die Arbeit­ge­be­rin und der Betriebs­rat haben dort kei­ne geson­der­te Rege­lung für den Fall vor­ge­se­hen, dass der Arbeit­neh­mer von der Mög­lich­keit der Erhe­bung einer Kün­di­gungs­schutz­kla­ge kei­nen Gebrauch macht. Eben­so haben sie die Anrech­nung einer nach § 1a Abs. 1 KSchG gewähr­ten Abfin­dung nicht – auch nicht nach­träg­lich – ver­ein­bart.

Die gericht­li­che Durch­set­zung des sich aus dem Hin­weis der Arbeit­ge­be­rin im Kün­di­gungs­schrei­ben vom 10.02.2014 erge­ben­den Abfin­dungs­an­spruchs nach § 1a KSchG stellt inso­weit kein nach § 242 BGB unzu­läs­si­ges rechts­miss­bräuch­li­ches Ver­hal­ten des Arbeit­neh­mers dar.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 19. Juli 2016 – 2 AZR 536/​15

  1. vgl. BAG 19.06.2007 – 1 AZR 340/​06, Rn. 18, BAGE 123, 121[]
  2. vgl. BAG 13.12 2007 – 2 AZR 663/​06, Rn. 21, BAGE 125, 191[]
  3. BGBl. I S. 3002[]
  4. BT-Drs. 15/​1204 S. 12[]
  5. BAG 31.05.2005 – 1 AZR 254/​04, zu II 1 der Grün­de, BAGE 115, 68[]
  6. BAG 9.12 2014 – 1 AZR 146/​13, Rn. 39[]
  7. BAG 19.06.2007 – 1 AZR 340/​06, Rn. 37, BAGE 123, 121[]