Abwei­chen­de Beweis­wür­di­gung in der Beru­fungs­in­stanz – und das recht­li­che Gehör

Ein Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG liegt unter ande­rem vor, wenn das Gericht einen Sach­ver­halt oder ein Vor­brin­gen in einer Wei­se wür­digt, mit der ein gewis­sen­haf­ter und kun­di­ger Pro­zess­be­tei­lig­ter nach dem vor­he­ri­gen Ver­fah­rens­ver­lauf nicht rech­nen konn­te.

Abwei­chen­de Beweis­wür­di­gung in der Beru­fungs­in­stanz – und das recht­li­che Gehör

Dann ver­stößt ein der Zivil­pro­zess­ord­nung unter­wor­fe­nes Gericht ele­men­tar gegen sei­ne aus § 139 Abs. 1 ZPO fol­gen­de Pflicht, dar­auf hin­zu­wir­ken, dass die Par­tei­en sich recht­zei­tig und voll­stän­dig über alle erheb­li­chen Tat­sa­chen erklä­ren, ins­be­son­de­re unge­nü­gen­de Anga­ben zu den gel­tend gemach­ten Tat­sa­chen ergän­zen, die Beweis­mit­tel bezeich­nen und die sach­dien­li­chen Anträ­ge stel­len kön­nen.

Des­halb darf ein Beru­fungs­be­klag­ter grund­sätz­lich dar­auf ver­trau­en, dass ihm das Beru­fungs­ge­richt, wenn es in der Beweis­wür­di­gung dem Erstrich­ter nicht fol­gen will, einen Hin­weis gemäß § 139 ZPO erteilt, und zwar so recht­zei­tig, dass dar­auf noch vor dem Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung reagiert wer­den kann 1.

Für die Ver­let­zung des Art. 103 Abs. 1 GG reicht es aus, dass nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kann, ein recht­zei­tig erteil­ter recht­li­cher Hin­weis hät­te zu einer dem Beschwer­de­füh­rer güns­ti­ge­ren Ent­schei­dung geführt 2.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 28. August 2019 – 5 AZN 381/​19

  1. zum Gan­zen BVerfG 1.08.2017 – 2 BvR 3068/​14, Rn. 51 f. mwN[]
  2. vgl. BVerfG 7.02.2018 – 2 BvR 549/​17, Rn. 7 mwN[]