Abwei­chung vom Ver­bands­ta­rif­ver­trag – mit­tels eines Fir­men­ta­rif­ver­trag

§ 2 Abs. 1 TVG ver­leiht dem Arbeit­ge­ber die Tarif­fä­hig­keit unab­hän­gig von der Zuge­hö­rig­keit zu einer Arbeit­ge­ber­ver­ei­ni­gung. Ein Arbeit­ge­ber kann trotz Ver­bands­zu­ge­hö­rig­keit und trotz eines für ihn gül­ti­gen Ver­bands­ta­rif­ver­trags einen kon­kur­rie­ren­den oder ergän­zen­den Fir­men­ta­rif­ver­trag – im Außen­ver­hält­nis wirk­sam – abschlie­ßen [1]. Das gilt unab­hän­gig davon, ob die all­ge­mei­nen Ver­bands­ta­rif­ver­trä­ge eine Öff­nungs­klau­sel für einen Fir­men­ta­rif­ver­trag ent­hal­ten [2].

Abwei­chung vom Ver­bands­ta­rif­ver­trag – mit­tels eines Fir­men­ta­rif­ver­trag

Ein Arbeit­ge­ber und „sein“ Arbeit­ge­ber­ver­band (hier: Ver­band der Baye­ri­schen Metall- und Elek­tro-Indus­trie e.V.) kön­nen daher mit der zustän­di­gen Gewerk­schaft (hier: IG Metall) wirk­sam einen Ergän­zungs­ta­rif­ver­trag als fir­men­be­zo­ge­nen Tarif­ver­trag abschlie­ßen, der durch die bei­den Ver­trags­part­ner auf Arbeit­ge­ber­sei­te gleich­zei­tig „Fir­men­ta­rif­ver­trag“ und „fir­men­be­zo­ge­ner Ver­bands­ta­rif­ver­trag“ ist [3].

Der Arbeit­neh­mer hat grund­sätz­lich kei­nen Anspruch auf Erhalt des Sta­tus quo in dem Sin­ne, dass eine tarif­ver­trag­li­che Rege­lung nicht durch eine ande­re, für ihn ungüns­ti­ge­re ersetzt wird [4]. In die­sem Sin­ne kön­nen die Tarif­ver­trags­par­tei­en auch bestim­men, dass eine tarif­ver­trag­li­che Leis­tung in bestimm­tem Umfang mit einer ande­ren „ver­rech­net“ wer­den kann.

Wird ein Sanie­rungs- oder Stand­ort­si­che­rungs­ta­rif­ver­trag als fir­men­be­zo­ge­ner Ver­bands­ta­rif­ver­trag abge­schlos­sen, könn­te zwar grund­sätz­lich im Ver­hält­nis die­ses Tarif­ver­trags zum (älte­ren) Flä­chen­ta­rif­ver­trag das Ablö­sungs­prin­zip gel­ten [5]. Aller­dings fin­det eine Ablö­sung nur statt, wenn und soweit die Par­tei­en des jün­ge­ren Tarif­ver­trags nichts Abwei­chen­des bestim­men. Von einer sol­chen abwei­chen­den Rege­lung ist bei einem Sanie­rungs- bzw. Stand­ort­si­che­rungs­ta­rif­ver­trag aber schon ohne den – hier sogar aus­drück­lich gere­gel­ten – Aus­schluss der Nach­wir­kung aus­zu­ge­hen. Bei einem sol­chen Tarif­ver­trag geht es typi­scher­wei­se um eine vor­über­ge­hen­de, für den Arbeit­ge­ber vor­teil­haf­te Abwei­chung vom Niveau des Flä­chen­ta­rif­ver­trags. Vor­be­halt­lich ander­wei­ti­ger Fest­le­gun­gen ist des­halb vom Wil­len der Norm­ge­ber eines ent­spre­chen­den Tarif­ver­trags aus­zu­ge­hen, zu den vor­über­ge­hend außer Wir­kung gesetz­ten, ver­dräng­ten flä­chen­ta­rif­ver­trag­li­chen Rege­lun­gen zurück­zu­keh­ren, wenn der Stand­ort­si­che­rungs- bzw. Sanie­rungs­ta­rif­ver­trag sei­ne Wir­kung ver­liert [6].

Im hier ent­schie­de­nen Streit­fall kommt hin­zu, dass der Tarif­ver­trag auf Arbeit­ge­ber­sei­te nicht allein durch den Ver­band, son­dern auch durch die Arbeit­ge­be­rin und damit zwi­schen Tarif­ver­trags­par­tei­en geschlos­sen wur­de, die mit den Par­tei­en der Flä­chen­ta­rif­ver­trä­ge nur tei­li­den­tisch sind. Es han­delt sich damit um einen spe­zi­el­le­ren Tarif­ver­trag, der in sei­nem zeit­li­chen Gel­tungs­be­reich die nicht-fir­men­be­zo­ge­nen, all­ge­mei­nen Ver­bands­ta­rif­ver­trä­ge ledig­lich vor­über­ge­hend ver­drängt. Die­se Fol­ge ergibt sich ohne Wei­te­res aus den all­ge­mei­nen, das Tarif­ver­trags­recht beherr­schen­den Kon­kur­renz­re­geln [7].

Die Annah­me einer ledig­lich ver­drän­gen­den Wir­kung wur­de im hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall zudem gestützt durch Sinn und Zweck der Rege­lung selbst:

§ 6 ErgTV regelt die „Bei­trä­ge der Arbeit­neh­mer“ zu der mit dem Tarif­ver­trag ange­streb­ten Stand­ort­si­che­rung. Die­se bil­den die „Gegen­leis­tung“ für die sei­tens der Arbeit­ge­be­rin in §§ 2, 3 und 5 ErgTV gege­be­nen Pro­dukt­zu­sa­gen, Aus­bil­dungs­ga­ran­tien und Maß­nah­men der Beschäf­ti­gungs­si­che­rung, die ihrer­seits auf die Lauf­zeit des Tarif­ver­trags begrenzt sind. Vor die­sem Hin­ter­grund lag es erkenn­bar im Wil­len der Tarif­ver­trags­par­tei­en, die Arbeit­ge­be­rin für einen gewis­sen Zeit­raum finan­zi­ell zu ent­las­ten, ohne aller­dings den Arbeit­neh­mern einen Ein­kom­mens­ver­zicht auf der Basis des bei Inkraft­tre­ten des ErgTV erreich­ten Tarif­ni­veaus auf­zu­bür­den. In die­sem Sin­ne führt die Tarif­re­ge­lung zu einer Begren­zung der effek­ti­ven Wir­kung im Sanie­rungs­zeit­raum erfol­gen­der pro­zen­tua­ler Tari­fent­gelt­stei­ge­run­gen, indem sie die Mög­lich­keit von deren Anrech­nung auf leis­tungs­ab­hän­gi­ge Antei­le des tarif­li­chen Monats­ent­gelts schafft. Zur prak­ti­schen Umset­zung und Hand­hab­bar­keit wur­de der einer Anrech­nung unter­lie­gen­de Gehalts­be­stand­teil in eine „über­ta­rif­li­che Zula­ge“ „umge­wan­delt“. Zugleich wur­de mit der Fest­le­gung, wonach die „über­ta­rif­li­che Zula­ge“ aus­schließ­lich aus dem leis­tungs­ab­hän­gi­gen Anteil des tarif­li­chen Monats­ent­gelts zu bil­den ist, sicher­ge­stellt, dass den Arbeit­neh­mern min­des­tens das bei Inkraft­tre­ten des ErgTV leis­tungs­un­ab­hän­gig zu zah­len­de Tari­fent­gelt ver­bleibt.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 18. Sep­tem­ber 2019 – 5 AZR 335/​18

  1. BAG 16.11.2011 – 4 AZR 856/​09, Rn. 21; Moll in Henssler/​Moll/​Bepler 2. Aufl. Teil 12 Rn. 6[]
  2. BAG 4.04.2001 – 4 AZR 237/​00, zu II 1 d der Grün­de, BAGE 97, 263[]
  3. zu die­ser Mög­lich­keit vgl. BAG 16.11.2011 – 4 AZR 856/​09, Rn. 21[]
  4. st. Rspr., zB BAG 7.02.2007 – 5 AZR 229/​06, Rn. 16[]
  5. dazu BAG 19.12 2014 – 4 AZR 761/​12, Rn. 28[]
  6. vgl. Moll in Henssler/​Moll/​Bepler 2. Aufl. Teil 12 Rn. 54 bis 57; Bep­ler AuR 2010, 234, 235; jeweils mwN[]
  7. BAG 16.11.2011 – 4 AZR 856/​09, Rn. 42 mwN; Bep­ler AuR 2010, 234, 235 mwN[]