AGG-Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che – Frist­wah­rung durch Kla­ge­ein­rei­chung

Die nach § 15 Abs. 4 Satz 1 AGG erfor­der­li­che Schrift­form zur Gel­tend­ma­chung von Scha­dens­er­satz- und Ent­schä­di­gungs­an­sprü­chen (§ 15 Abs. 1 und Abs. 2 AGG) kann auch durch eine Kla­ge gewahrt wer­den. Dabei fin­det § 167 ZPO Anwen­dung. Es genügt der recht­zei­ti­ge Ein­gang der Kla­ge bei Gericht, wenn die Kla­ge "dem­nächst" zuge­stellt wird.

AGG-Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che – Frist­wah­rung durch Kla­ge­ein­rei­chung

Auf § 15 Abs. 4 AGG fin­det § 167 ZPO Anwen­dung. Damit kommt es für den Zugang auf den Zeit­punkt des Ein­gangs der Kla­ge­schrift bei Gericht an. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hält an sei­ner frü­her als obiter dic­tum geäu­ßer­ten gegen­tei­li­gen Auf­fas­sung 1 nicht fest.

Nach § 15 Abs. 4 Satz 1 AGG sind Scha­dens­er­satz- und Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che (§ 15 Abs. 1 und Abs. 2 AGG), soweit tarif­ver­trag­lich nicht ande­res ver­ein­bart ist, inner­halb einer Frist von zwei Mona­ten schrift­lich gel­tend zu machen. Die erfor­der­li­che Schrift­form kann auch durch eine Kla­ge gewahrt wer­den 1. Bei die­ser Frist han­delt es sich um eine mate­ri­ell-recht­li­che Aus­schluss­frist 2.

§ 167 ZPO ist grund­sätz­lich in den Fäl­len anwend­bar, in denen durch die Zustel­lung einer Kla­ge eine Frist gewahrt wer­den soll, die auch durch außer­ge­richt­li­che Gel­tend­ma­chung ein­ge­hal­ten wer­den kann. In Son­der­fäl­len kommt die Rück­wir­kungs­re­ge­lung nicht zur Anwen­dung.

In der älte­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs und in der Lite­ra­tur wur­de die Ansicht ver­tre­ten, die Rege­lung des § 167 ZPO über die Rück­wir­kung der Zustel­lung auf den Zeit­punkt der Ein­rei­chung der Kla­ge gel­te nur für Fäl­le, in denen eine Frist ledig­lich durch Inan­spruch­nah­me der Gerich­te gewahrt wer­den kön­ne. Dies wur­de ins­be­son­de­re mit dem aus der Ent­ste­hungs­ge­schich­te zu erschlie­ßen­den Sinn und Zweck der Vor­schrift begrün­det. Des­halb wur­de § 167 ZPO in Fäl­len nicht für anwend­bar gehal­ten, in denen durch die Zustel­lung die – auch durch außer­ge­richt­li­che Gel­tend­ma­chung zu wah­ren­den – Fris­ten zur Erklä­rung einer Miet­erhö­hung, zur Anfech­tung wegen Irr­tums und zur Inan­spruch­nah­me aus einer Bürg­schaft ein­ge­hal­ten wer­den soll­ten. Nur in Son­der­fäl­len – wenn die gesetz­li­che oder ver­trag­li­che Rege­lung, aus der sich die zu wah­ren­de Frist ergibt, einer ein­ge­schränk­ten Anwen­dung der Rück­wir­kungs­re­ge­lung ent­ge­gen­steht – soll­te ande­res gel­ten 3. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat für tarif­ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten ent­schie­den, dass dann, wenn der Gläu­bi­ger die Mög­lich­keit hat, die Aus­schluss­frist auch in ande­rer Form – zB durch ein­fa­ches Schrei­ben – ein­zu­hal­ten, aber den­noch die Form der Kla­ge wählt, es zu sei­nen Las­ten geht, wenn die Kla­ge­schrift nicht inner­halb der tarif­li­chen Aus­schluss­frist dem Schuld­ner zuge­stellt wird 4.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt schließt sich für den Anspruch aus § 15 Abs. 1 und Abs. 2 AGG der geän­der­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 5 zum Regel-/​Ausnahmeverhältnis der Anwen­dung des § 167 ZPO bei der außer­ge­richt­li­chen frist­ge­bun­de­nen Gel­tend­ma­chung an.

Unter den ver­schie­de­nen Mög­lich­kei­ten für den Zugang einer Wil­lens­er­klä­rung lässt § 132 Abs. 1 Satz 1 BGB – anstel­le des Zugangs – die Zustel­lung einer Wil­lens­er­klä­rung durch Ver­mitt­lung eines Gerichts­voll­zie­hers zu. Sie ent­fal­tet Rück­wir­kung. Es ist nicht gerecht­fer­tigt, einer Zustel­lung durch Ver­mitt­lung des Gerichts in gleich­ar­ti­gen Fäl­len die Rück­wir­kung zu ver­sa­gen.

Mit einer Zustel­lung nach § 132 Abs. 1 Satz 1 BGB kön­nen Fris­ten ein­ge­hal­ten wer­den, die nicht gericht­li­cher Gel­tend­ma­chung bedür­fen. Soll durch eine sol­che Zustel­lung eine Frist gewahrt wer­den, tritt die­se Wir­kung nach § 132 Abs. 1 Satz 2 BGB iVm. §§ 191, 192 Abs. 2 Satz 1, § 167 ZPO bereits mit Über­ga­be des die Wil­lens­er­klä­rung ent­hal­ten­den Schrift­stücks an den Gerichts­voll­zie­her ein, wenn die Zustel­lung dem­nächst erfolgt 6.

Das gilt auch für rechts­ge­schäfts­ähn­li­che Erklä­run­gen 7. Sie ste­hen Wil­lens­er­klä­run­gen regel­mä­ßig so nahe, dass vie­le Bestim­mun­gen über Wil­lens­er­klä­run­gen – etwa betref­fend den hier inter­es­sie­ren­den Zugang – grund­sätz­lich ent­spre­chend anzu­wen­den sind 8. § 132 Abs. 1 Satz 1 BGB fin­det auch im Arbeits­recht Anwen­dung 9.

Für eine Zustel­lung durch Ver­mitt­lung des Gerichts gilt in gleich­ar­ti­gen Fäl­len nichts ande­res. Bei der Gel­tend­ma­chung einer For­de­rung han­delt es sich um einen gleich­ar­ti­gen Fall.

Der Wort­laut des § 167 ZPO gibt dazu kei­nen Auf­schluss; Gegen­tei­li­ges ist nicht ent­hal­ten.

Die Gesichts­punk­te der Rechts­si­cher­heit und des Ver­trau­ens­schut­zes spre­chen für eine Anwen­dung des § 167 ZPO bei einer Zustel­lung durch Ver­mitt­lung des Gerichts im Hin­blick auf die Wah­rung einer Frist, die auch durch außer­ge­richt­li­che Gel­tend­ma­chung ein­ge­hal­ten wer­den kann. Wer mit der Kla­ge die stärks­te Form der Gel­tend­ma­chung von Ansprü­chen wählt, muss sich des­halb dar­auf ver­las­sen kön­nen, dass die Ein­rei­chung der Kla­ge­schrift die Frist wahrt 10. Dies gilt umso mehr, wenn – wie im Fall des § 15 Abs. 4 Satz 1 AGG – die Schrift­form auch durch eine Kla­ge gewahrt wer­den kann.

Die Gel­tend­ma­chung eines Anspruchs iSv. § 15 Abs. 4 Satz 1 AGG ist zwar kei­ne – in § 132 Abs. 1 Satz 1 BGB aus­drück­lich genann­te – Wil­lens­er­klä­rung, son­dern eine ein­sei­ti­ge rechts­ge­schäfts­ähn­li­che Hand­lung 11. Eben­so wie der Bun­des­ge­richts­hof für die Gel­tend­ma­chung des Aus­kunfts­an­spruchs nach § 26 Abs. 3 UrhG aF, bei dem es sich eben­falls nicht um eine Wil­lens­er­klä­rung han­delt, einen gleich­ar­ti­gen Fall ange­nom­men hat, gilt das auch für § 15 Abs. 4 Satz 1 AGG.

In Son­der­fäl­len, die dies nach dem beson­de­ren Sinn und Zweck der Frist­be­stim­mung erfor­dern, kommt die Rück­wir­kungs­re­ge­lung aus­nahms­wei­se nicht zur Anwen­dung 12.

§ 15 Abs. 4 AGG ist kein Son­der­fall im Hin­blick auf die Anwen­dung des § 167 ZPO. Für eine Aus­nah­me­kon­stel­la­ti­on gibt es bei die­ser Gel­tend­ma­chungs­frist kei­nen Anhalts­punkt, Sinn und Zweck der Rege­lung gebie­ten sol­ches nicht.

Über eine Anwen­dung des § 167 ZPO in ande­ren Berei­chen des Arbeits­rechts hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt nicht zu ent­schei­den.

Zwar soll sich der Arbeit­ge­ber nach der Geset­zes­be­grün­dung 13 ange­sichts der in § 22 AGG getrof­fe­nen Beweis­last­ver­tei­lung – der in der Regel nur dann genügt wer­den kann, wenn die Kri­te­ri­en und Grund­la­gen der Ein­stel­lungs­ent­schei­dung doku­men­tiert wor­den sind – dar­auf ver­las­sen kön­nen, dass nach Frist­ab­lauf Ansprü­che nach § 15 Abs. 1 und Abs. 2 AGG nicht mehr gegen ihn erho­ben wer­den und Doku­men­ta­tio­nen über Ein­stel­lungs­ver­fah­ren nicht bis zum Ablauf der all­ge­mei­nen Ver­jäh­rungs­frist von drei Jah­ren auf­be­wahrt zu wer­den brau­chen 14.

Jedoch tritt mit dem Ablauf von zwei Mona­ten nach Zugang der Ableh­nung kein umfas­sen­des Ende von Gel­tend­ma­chungs­mög­lich­kei­ten ein.

Im Fal­le einer Bewer­bung beginnt die Frist des § 15 Abs. 4 Satz 2 AGG grund­sätz­lich mit dem "Zugang der Ableh­nung", jedoch nicht vor dem Zeit­punkt, in dem der Bewer­ber von sei­ner Benach­tei­li­gung Kennt­nis erlangt. Hier­über gibt die blo­ße Ableh­nung der Bewer­bung durch den Arbeit­ge­ber nicht in jedem Fall zwin­gend Aus­kunft 15. Erfährt der Betrof­fe­ne den benach­tei­li­gungs­be­zo­ge­nen Ableh­nungs­grund erst Mona­te nach dem Zugang der Ableh­nung (Kennt­nis), beginnt der Frist­lauf erst dann.

Zudem sind nach § 15 Abs. 5 AGG Ansprü­che, die sich aus ande­ren Rechts­vor­schrif­ten erge­ben, unbe­rührt. Auch dies erfor­dert im Hin­blick auf die Beweis­last­ver­tei­lung eine län­ger auf­be­wahr­te Doku­men­ta­ti­on als nur zwei Mona­te nach Zugang der Ableh­nung.

Unbe­acht­lich ist, dass eine abso­lu­te Zeit­gren­ze nicht besteht und bei Aus­lands­zu­stel­lun­gen auch eine Zustel­lung nach meh­re­ren Mona­ten noch "dem­nächst" sein kann 16. Eine sol­che Son­der­si­tua­ti­on kann nicht aus­schlag­ge­bend sein.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 22. Mai 2014 – 8 AZR 662/​13

  1. BAG 21.06.2012 – 8 AZR 188/​11, Rn. 27, BAGE 142, 143[][]
  2. BAG 21.06.2012 – 8 AZR 188/​11, Rn.19, aaO[]
  3. im Ein­zel­nen dazu: BGH 17.07.2008 – I ZR 109/​05, Rn. 21 f. mwN, BGHZ 177, 319[]
  4. BAG 25.09.1996 – 10 AZR 678/​95, zu II 3 und II 4 der Grün­de mwN[]
  5. BGH 17.07.2008 – I ZR 109/​05BGHZ 177, 319[]
  6. BGH 17.07.2008 – I ZR 109/​05, Rn. 24 mwN, BGHZ 177, 319[]
  7. ohne Wei­te­res vor­aus­ge­setzt auch durch BGH 17.07.2008 – I ZR 109/​05, Rn. 24 f., BGHZ 177, 319[]
  8. BAG 9.12 2008 – 1 ABR 79/​07, Rn. 36 mwN, BAGE 128, 364; BGH 17.10.2000 – X ZR 97/​99, zu II 1 b der Grün­de mwN, BGHZ 145, 343; vgl. im Übri­gen BAG 19.08.2010 – 8 AZR 530/​09, Rn. 43 mwN; 26.04.2006 – 5 AZR 403/​05, Rn.19 mwN, BAGE 118, 60[]
  9. so set­zen die Anwend­bar­keit des § 132 BGB im Arbeits­recht vor­aus ua.: BAG 7.11.2002 – 2 AZR 475/​01, zu B II 3 a der Grün­de, BAGE 103, 277; 12.07.1984 – 2 AZR 290/​83; 30.06.1983 – 2 AZR 10/​82, zu B I 1 b bb der Grün­de, BAGE 43, 148; 25.02.1983 – 2 AZR 298/​81, zu I 2 b bb der Grün­de; vgl. auch KR-Fried­rich 10. Aufl. § 4 KSchG Rn. 115 f.[]
  10. BGH 17.07.2008 – I ZR 109/​05, Rn. 25 mwN, BGHZ 177, 319[]
  11. BAG 19.08.2010 – 8 AZR 530/​09, Rn. 44[]
  12. vgl. BGH 17.07.2008 – I ZR 109/​05, Rn. 21, 26, BGHZ 177, 319, mit Bei­spiels­fäl­len frü­he­rer und aktu­el­ler Recht­spre­chung[]
  13. BT-Drs. 16/​1780 S. 38[]
  14. BAG 15.03.2012 – 8 AZR 160/​11, Rn. 50 mwN[]
  15. vgl. BAG 21.06.2012 – 8 AZR 188/​11, Rn. 24 mwN, BAGE 142, 143; 15.03.2012 – 8 AZR 37/​11, Rn. 54 ff. mwN, BAGE 141, 48[]
  16. ua. BAG 23.08.2012 – 8 AZR 394/​11, Rn. 31, BAGE 143, 50[]