All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung von Tarif­ver­trä­gen – und ihre Rück­wir­kung

Der Ver­zug des Arbeit­ge­bers ist nicht des­halb aus­ge­schlos­sen, weil der maß­geb­li­chen All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung (hier: AVE VTV 2015) Rück­wir­kung zukommt und die Ansprü­che in den Rück­wir­kungs­zeit­raum fal­len. Die zu § 184 BGB ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze, wonach im Rück­wir­kungs­zeit­raum kein Ver­zug ent­ste­hen kön­ne, sind auf die AVE VTV 2015 nicht über­trag­bar.

All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung von Tarif­ver­trä­gen – und ihre Rück­wir­kung

In der Recht­spre­chung und in der Lite­ra­tur wird ange­nom­men, dass der Schuld­ner im Fall einer nach § 184 Abs. 1 BGB rück­wir­ken­den Geneh­mi­gung in der Zeit bis zum Zugang der Geneh­mi­gungs­er­klä­rung nicht in Ver­zug kom­me. Da in der Schwe­be­zeit kein klag­ba­rer Anspruch bestan­den habe, kön­ne der Schuld­ner nur "ex nunc", dh. frü­hes­tens ab dem Zeit­punkt der Geneh­mi­gung, in Ver­zug gera­ten 1.

Die­se Erwä­gun­gen sind aus Sicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts nicht auf die AVE VTV 2015 über­trag­bar.

Die Vor­schrift des § 184 BGB betrifft die nach­träg­li­che Zustim­mung zu einem zustim­mungs­be­dürf­ti­gen Rechts­ge­schäft. Das Rechts­ge­schäft ist bis zur Ertei­lung der Geneh­mi­gung schwe­bend unwirk­sam. Die am Rechts­ge­schäft Betei­lig­ten dür­fen im Fall der Zustim­mungs­be­dürf­tig­keit nicht davon aus­ge­hen, dass das Rechts­ge­schäft wirk­sam wer­den wird.

Dem­ge­gen­über han­delt es sich bei der AVE VTV 2015 um einen staat­li­chen Rechts­akt. Sie hat die Gel­tung des VTV 2014 mit Wir­kung zum 1.01.2015 ange­ord­net. Damit kommt die­ser Gel­tungs­an­ord­nung zwar eben­falls Rück­wir­kung zu. Im Unter­schied zu einem schwe­bend unwirk­sa­men Rechts­ge­schäft war mit der Rück­be­zie­hung der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung zu rech­nen. Betrof­fe­ne müs­sen jeden­falls dann mit der rück­wir­ken­den Gel­tungs­an­ord­nung rech­nen, wenn ein Tarif­ver­trag für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt wird, der einen gel­ten­den all­ge­mein­ver­bind­li­chen Tarif­ver­trag erneu­ert oder ändert. Bei die­ser Sach­la­ge müs­sen die Tarif­ge­bun­de­nen nicht nur mit einer All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung des Fol­ge­ta­rif­ver­trags, son­dern auch mit der Rück­be­zie­hung der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung auf den Zeit­punkt sei­nes Inkraft­tre­tens rech­nen 2. Dies gilt umso mehr, wenn der Antrag auf All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung in Anwen­dung des § 4 Abs. 1 Satz 1 der Ver­ord­nung zur Durch­füh­rung des Tarif­ver­trags­ge­set­zes (DVO TVG) bekannt gemacht und auf die mög­li­che Rück­wir­kung hin­ge­wie­sen wur­de.

Für die AVE VTV 2015 sind die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüllt. Der VTV 2014 erneu­ert den VTV vom 03.05.2013 in der Fas­sung vom 03.12 2013. Der Antrag auf All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung wur­de am 22.12 2014 im Bun­des­an­zei­ger mit dem Hin­weis auf die mög­li­che Rück­wir­kung der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung bekannt gemacht 3.

Der Bau­un­ter­neh­mer befin­det sich jeweils nach dem 20. eines Monats mit den Bei­trä­gen für den Vor­mo­nat in Ver­zug. Die Bei­trä­ge wur­den nach § 18 Abs. 1 Satz 1 VTV 2014 jeweils am 20. des Fol­ge­mo­nats fäl­lig. Damit ist der Ter­min für die Leis­tung kalen­der­mä­ßig bestimmt. Eine Mah­nung war nach § 286 Abs. 2 Nr. 1 BGB ent­behr­lich. Ver­zug trat jeweils ab dem Fol­ge­tag der Fäl­lig­keit ein 4.

Nach § 286 Abs. 4 BGB kommt der Schuld­ner nicht in Ver­zug, solan­ge die Leis­tung auf­grund eines Umstands unter­bleibt, den er nicht zu ver­tre­ten hat. Zu ver­tre­ten hat der Schuld­ner nach § 276 Abs. 1 Satz 1 BGB Vor­satz und Fahr­läs­sig­keit, wenn eine stren­ge­re oder mil­de­re Haf­tung weder bestimmt noch aus dem Inhalt des Schuld­ver­hält­nis­ses zu ent­neh­men ist. Der Gesetz­ge­ber hat das feh­len­de Ver­schul­den als Ein­wand aus­ge­stal­tet, für den der Schuld­ner dar­le­gungs- und beweis­pflich­tig ist. Er ist gehal­ten, im Ein­zel­nen dar­zu­le­gen und ggf. zu bewei­sen, dass die geschul­de­te Leis­tung zum Fäl­lig­keits­zeit­punkt unter­blie­ben ist, ohne dass ihn ein Ver­schul­den trifft 5.

Ein Ver­schul­den ist nicht des­halb aus­ge­schlos­sen, weil der Bau­un­ter­neh­mer davon aus­ge­hen durf­te, nicht zur Leis­tung von Bei­trä­gen ver­pflich­tet zu sein. Er kann sich ins­be­son­de­re nicht auf einen unver­schul­de­ten Rechts­irr­tum beru­fen. Die stren­gen Anfor­de­run­gen sind in Bezug auf die AVE VTV 2015 nicht erfüllt 6. Der Antrag auf All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung wur­de am 22.12 2014 bekannt gemacht. Die Bekannt­ma­chung ent­hielt den Hin­weis auf eine mög­li­che Rück­wir­kung nach § 4 Abs. 1 Satz 1 DVO TVG. Die Ver­fah­rensta­rif­ver­trä­ge waren in der Ver­gan­gen­heit lücken­los für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt wor­den. Der Bau­un­ter­neh­mer durf­te im Ver­zugs­zeit­raum des­halb nicht davon aus­ge­hen, nicht der Bei­trags­pflicht zu der Sozi­al­kas­sen der Bau­wirt­schaft zu unter­lie­gen.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 28. August 2019 – 10 AZR 549/​18

  1. OLG Ros­tock 11.05.1995 – 1 U 350/​94, zu A e der Grün­de; OLG Karls­ru­he 15.05.1985 – 13 U 193/​83, zu II 1 der Grün­de; Beck­OK BGB/​Bub Stand 1.08.2019 § 184 Rn. 9; BeckOGK/​Regenfus Stand 1.07.2019 BGB § 184 Rn. 66; Palandt/​Ellenberger 78. Aufl. § 184 Rn. 2; Münch­Komm-BGB/Bay­reu­ther 8. Aufl. § 184 Rn. 13; Erman/­Mai­er-Rei­mer BGB 15. Aufl. § 184 Rn. 15; Traut­wein in Herberger/​Martinek/​Rüßmann/​Weth/​Würdinger juris­PK-BGB 8. Aufl. § 184 Rn. 24; Staudinger/​Gursky [2014] § 184 Rn. 38[]
  2. st. Rspr., vgl. BAG 13.11.2013 – 10 AZR 1058/​12, Rn.19; 20.03.2013 – 10 AZR 744/​11, Rn.20; 21.08.2007 – 3 AZR 102/​06, Rn. 27, BAGE 124, 1[]
  3. BAnz. AT 22.12 2014 B4[]
  4. BAG 3.07.2019 – 10 AZR 499/​17, Rn. 58; 23.09.2015 – 5 AZR 767/​13, Rn. 38, BAGE 152, 315[]
  5. BAG 3.07.2019 – 10 AZR 499/​17, Rn. 61; 26.01.2011 – 4 AZR 167/​09, Rn. 49; 28.10.2008 – 3 AZR 171/​07, Rn. 31[]
  6. vgl. dazu BAG 3.07.2019 – 10 AZR 499/​17, Rn. 63 mwN[]