Alters­gren­ze in der Betriebs­ren­te – und der ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­sche Abschlag für Frau­en

Durch die Ver­ein­heit­li­chung der Alters­gren­zen in einer Ver­sor­gungs­ord­nung wird die Ent­gelt­gleich­heit von Mann und Frau nach Art. 119 EWG-Ver­trag ver­wirk­licht.

Alters­gren­ze in der Betriebs­ren­te – und der ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­sche Abschlag für Frau­en

Art. 119 EWG-Ver­trag unter­sag­te jede das Ent­gelt betref­fen­de Ungleich­be­hand­lung von Män­nern und Frau­en ohne Rück­sicht dar­auf, wor­aus sich die­se Ungleich­be­hand­lung ergab. Dem­nach ver­stieß auch die Fest­set­zung eines je nach dem Geschlecht unter­schied­li­chen Ren­ten­al­ters als Vor­aus­set­zung für die Eröff­nung eines Ren­ten­an­spruchs im Rah­men eines betrieb­li­chen Sys­tems gegen Art. 119 EWG-Ver­trag, selbst wenn die­ser Unter­schied im Ren­ten­al­ter von Män­nern und Frau­en der inso­weit für das natio­na­le gesetz­li­che Sys­tem gel­ten­den Rege­lung ent­sprach 1.

Die­ser Ver­stoß gegen den Grund­satz der Ent­gelt­gleich­heit von Män­nern und Frau­en durf­te durch eine Anhe­bung der fes­ten Alters­gren­ze auch für Frau­en auf das 65. Lebens­jahr besei­tigt wer­den. Ent­ge­gen der Ansicht der Revi­si­on bestand kei­ne Ver­pflich­tung, die Ungleich­be­hand­lung durch ein Absen­ken der fes­ten Alters­gren­ze für Män­ner auf das 60. Lebens­jahr zu been­den.

Aus der Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on im Ver­fah­ren "Bar­ber" 2 ergibt sich nichts ande­res. Zwar hat der EuGH in dem Ver­fah­ren "Bar­ber" die unmit­tel­ba­re Wir­kung des Art. 119 EWG-Ver­trag auf dem Gebiet der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung auf Beschäf­ti­gungs­zei­ten nach dem 17.05.1990 beschränkt. Damit wur­de indes nur das Ver­trau­en der Arbeit­ge­ber auf die Wirk­sam­keit der geschlechts­spe­zi­fi­schen Alters­gren­zen geschützt. Die gleich­heits­wid­rig begüns­tig­ten Frau­en konn­ten hin­ge­gen nicht auf deren Fort­be­stand ver­trau­en.

Soweit die neu­en Rege­lun­gen über den ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­schen Abschlag in der Ver­sor­gungs­ord­nung zu einer wei­te­ren Ver­schlech­te­rung der Ver­sor­gungs­rech­te der Klä­ge­rin füh­ren, ist kann dies eben­falls gerecht­fer­tigt sein. Zwar han­delt es sich hier­bei nicht um einen Ein­griff in die Höhe der Ver­sor­gungs­an­wart­schaf­ten, sodass das vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­wi­ckel­te Drei-Stu­fen-Modell kei­ne Anwen­dung fin­det. Der mit der Ein­füh­rung ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­scher Abschlä­ge auch für Frau­en nach Nr. 4 Buchst. b und c der Richt­li­ni­en 1979 ver­bun­de­ne Ein­griff in die Ver­sor­gungs­rech­te der Klä­ge­rin ist jedoch an den all­ge­mei­nen Grund­sät­zen des Ver­trau­ens­schut­zes und der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit zu mes­sen. Danach sind die Bestim­mun­gen in Nr. 4 Buchst. b und c der Richt­li­ni­en 1979 nicht zu bean­stan­den.

Durch die Anhe­bung der fes­ten Alters­gren­ze für Frau­en auf das 65. Lebens­jahr ergab sich erst­mals auch für die­se die Mög­lich­keit, die Werks­pen­si­on nach § 6 BetrAVG vor­ge­zo­gen in Anspruch zu neh­men. Die vor­ge­zo­ge­ne Inan­spruch­nah­me der Betriebs­ren­te führt aller­dings zu einer Ver­schie­bung des in der Ver­sor­gungs­zu­sa­ge fest­ge­leg­ten Ver­hält­nis­ses von Leis­tung und Gegen­leis­tung. Die Betriebs­ren­te wird mit höhe­rer Wahr­schein­lich­keit, frü­her und län­ger als mit der Ver­sor­gungs­zu­sa­ge ver­spro­chen, in Anspruch genom­men 3. Auf die­se Stö­rung im Äqui­va­lenz­ver­hält­nis durf­ten die Richt­li­ni­en 1979 mit der Ein­füh­rung eines ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­schen Abschlags auch für Frau­en reagie­ren. Dabei muss­te für den Fall der vor­ge­zo­gen in Anspruch genom­me­nen Werks­pen­si­on einer Arbeit­neh­me­rin weder auf einen ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­schen Abschlag ver­zich­tet noch ein gerin­ge­rer Abschlag als für die Män­ner vor­ge­se­hen wer­den. Andern­falls wäre es zu einem erneu­ten Ver­stoß gegen das Lohn­gleich­heits­ge­bot des Art. 119 EWG-Ver­trag gekom­men 4. Die Regeln für die Berech­nung der nach § 6 BetrAVG von Frau­en vor­ge­zo­gen in Anspruch genom­me­nen Werks­pen­si­on konn­ten in den Richt­li­ni­en 1979 viel­mehr in den Gren­zen der Bil­lig­keit neu gestal­tet wer­den 5. Die­se Gren­zen wur­den vor­lie­gend ein­ge­hal­ten. Nach Nr. 4 Buchst. b Satz 1 der Richt­li­ni­en 1979 beläuft sich der ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­sche Abschlag für das ers­te bis zur Voll­endung des 65. Lebens­jah­res feh­len­de Jahr auf 6 %. Für die wei­te­ren, bis zur Voll­endung des 65. Lebens­jah­res feh­len­den Jah­re redu­ziert er sich suk­zes­si­ve auf 3 %. Da ein ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­scher Abschlag von 0, 5 % pro Monat der vor­ge­zo­ge­nen Inan­spruch­nah­me der Alters­ren­te nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts noch zuläs­sig ist 6, begeg­nen die Bestim­mun­gen in Nr. 4 Buchst. b und c der Richt­li­ni­en 1979 inso­weit kei­nen Beden­ken.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 30. Sep­tem­ber 2014 – 3 AZR 998/​12

  1. vgl. EuGH 17.05.1990 – C-262/​88, Slg. 1990, I‑1889; BAG 29.09.2010 – 3 AZR 564/​09, Rn. 24; 29.04.2008 – 3 AZR 266/​06, Rn. 34 mwN[]
  2. EuGH 17.05.1990 – C-262/​88, Slg. 1990, I‑1889[]
  3. vgl. BAG 19.06.2012 – 3 AZR 289/​10, Rn. 24 mwN[]
  4. vgl. BAG 19.08.2008 – 3 AZR 530/​06, Rn.20[]
  5. vgl. BAG 28.05.2002 – 3 AZR 358/​01 – Leit­satz und unter II 1 der Grün­de, BAGE 101, 163[]
  6. vgl. etwa BAG 29.04.2008 – 3 AZR 266/​06, Rn. 38; 23.03.2004 – 3 AZR 279/​03, zu VI der Grün­de[]