Aner­kann­te Hafenarbeiter

Ein Gesetz, das die Hafen­ar­beit aner­kann­ten Arbei­tern vor­be­hält, kann mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar sein, wenn es zum Ziel hat, die Sicher­heit in den Hafen­ge­bie­ten und die Ver­hü­tung von Arbeits­un­fäl­len zu gewähr­leis­ten. Die Ein­schal­tung eines pari­tä­ti­schen Ver­wal­tungs­aus­schus­ses bei der Aner­ken­nung von Hafen­ar­bei­tern ist jedoch weder erfor­der­lich noch geeig­net, um das ver­folg­te Ziel zu erreichen.

Aner­kann­te Hafenarbeiter

Dies ent­schied jet­ezt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on auf zwei Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen aus Bel­gi­en. Im bel­gi­schen Recht ist die Hafen­ar­beit u. a. durch das Gesetz über die Hafen­ar­beit gere­gelt, nach dem die Hafen­ar­beit nur von aner­kann­ten Hafen­ar­bei­tern ver­rich­tet wer­den darf. Im Jahr 2014 rich­te­te die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on ein Mahn­schrei­ben an Bel­gi­en, in dem sie die­sem mit­teil­te, dass sei­ne Rege­lung über die Hafen­ar­beit die Nie­der­las­sungs­frei­heit (Art. 49 AEUV) ver­let­ze. Dar­auf­hin erließ Bel­gi­en 2016 einen König­li­chen Erlass über die Aner­ken­nung von Hafen­ar­bei­tern in den Hafen­ge­bie­ten, in dem die Moda­li­tä­ten für die Durch­füh­rung des Geset­zes über die Hafen­ar­beit fest­ge­legt wur­den, was die Kom­mis­si­on dazu ver­an­lass­te, das Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren gegen Bel­gi­en einzustellen.

In der Rechts­sa­che „Kato­en Natie Bulk Ter­mi­nals und Gene­ral Ser­vices Ant­werp„1 bean­trag­ten die bei­den Gesell­schaf­ten die­ses Namens, die Hafen­ar­bei­ten in Bel­gi­en und im Aus­land aus­füh­ren, beim Raad van Sta­te (Staats­rat, Bel­gi­en) die Nich­tig­erklä­rung die­ses König­li­chen Erlas­ses von 2016, da sie der Ansicht waren, dass er ihre Frei­heit beschrän­ke, für die Arbeit in den bel­gi­schen Hafen­ge­bie­ten Hafen­ar­bei­ter aus ande­ren Mit­glied­staa­ten als Bel­gi­en einzustellen.

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In der Rechts­sa­che „Midd­le­ga­te Euro­pe„2 war gegen die betref­fen­de Gesell­schaft eine Geld­bu­ße ver­hängt wor­den, nach­dem die bel­gi­sche Poli­zei einen Ver­stoß der Ver­rich­tung von Hafen­ar­beit durch einen nicht aner­kann­ten Hafen­ar­bei­ter fest­ge­stellt hat­te. In einem Ver­fah­ren, das bei dem in die­ser zwei­ten Rechts­sa­che vor­le­gen­den Gericht, dem Grond­wet­tel­jk Hof (Ver­fas­sungs­ge­richts­hof, Bel­gi­en), anhän­gig ist, bean­stan­de­te Midd­le­ga­te Euro­pe die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des Geset­zes über die Hafen­ar­beit und ver­trat die Auf­fas­sung, dass es gegen die Han­dels- und Gewer­be­frei­heit der Unter­neh­men ver­sto­ße. Die­ses Gericht ist der Auf­fas­sung, dass die­se in der bel­gi­schen Ver­fas­sung ver­an­ker­te Frei­heit in engem Zusam­men­hang mit meh­re­ren durch den AEU-Ver­trag garan­tier­ten Grund­frei­hei­ten wie dem frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehr (Art. 56 AEUV) und der Nie­der­las­sungs­frei­heit (Art. 49 AEUV) ste­he. Es hat beschlos­sen, den Gerichts­hof – eben­so wie es der Raad van Sta­te (Staats­rat) in der ers­ten Rechts­sa­che getan hat, zur Ver­ein­bar­keit der natio­na­len Vor­schrif­ten, die wei­ter­hin eine Son­der­re­ge­lung für die Ein­stel­lung von Hafen­ar­bei­tern vor­se­hen, mit die­sen bei­den Grund­frei­hei­ten zu befra­gen. Über die Beant­wor­tung die­ser Fra­ge hin­aus wird der Gerichts­hof in die­sen ver­bun­de­nen Rechts­sa­chen ersucht, wei­te­re Kri­te­ri­en fest­zu­le­gen, um klä­ren zu kön­nen, ob die Hafen­ar­bei­ter­re­ge­lung mit den Anfor­de­run­gen des Uni­ons­rechts ver­ein­bar ist.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on stellt zunächst fest, dass die frag­li­che Rege­lung, nach der gebiets­frem­de Unter­neh­men, die sich in Bel­gi­en nie­der­las­sen wol­len, um dort Hafen­ar­bei­ten aus­zu­füh­ren, oder die, ohne sich dort nie­der­zu­las­sen, dort Hafen­dienst­leis­tun­gen erbrin­gen wol­len, nur Hafen­ar­bei­ter ein­set­zen dür­fen, die gemäß die­ser Rege­lung als sol­che aner­kannt sind, die­se Unter­neh­men dar­an hin­dert, ihr eige­nes Per­so­nal ein­zu­set­zen oder ande­re nicht aner­kann­te Arbei­ter ein­zu­stel­len. Daher beschränkt die­se Rege­lung, die es für die­se Unter­neh­men weni­ger attrak­tiv machen kann, sich in Bel­gi­en nie­der­zu­las­sen oder dort Dienst­leis­tun­gen zu erbrin­gen, die durch die Art. 49 und 56 AEUV garan­tier­ten bei­den Grund­frei­hei­ten der Nie­der­las­sungs- und der Dienst­leis­tungs­frei­heit. Eine sol­che Beschrän­kung kann durch einen zwin­gen­den Grund des All­ge­mein­in­ter­es­ses gerecht­fer­tigt sein, sofern sie geeig­net ist, die Errei­chung des mit ihr ver­folg­ten Ziels zu gewähr­leis­ten, und nicht über das hin­aus­geht, was zur Errei­chung die­ses Ziels erfor­der­lich ist. Im vor­lie­gen­den Fall kann die frag­li­che Rege­lung für sich allein nicht als unge­eig­net oder unver­hält­nis­mä­ßig ange­se­hen wer­den, um das mit ihr ver­folg­te Ziel, die Sicher­heit in den Hafen­ge­bie­ten zu gewähr­leis­ten und Arbeits­un­fäl­le zu ver­hü­ten, zu errei­chen. Auf der Grund­la­ge einer umfas­sen­den Beur­tei­lung der frag­li­chen Rege­lung ent­schei­det der Gerichts­hof, dass eine sol­che Rege­lung mit den Art. 49 und 56 AEUV ver­ein­bar ist, sofern die in Anwen­dung der Rege­lung fest­ge­leg­ten Bedin­gun­gen und Moda­li­tä­ten zum einen auf objek­ti­ven, dis­kri­mi­nie­rungs­frei­en und im Vor­aus bekann­ten Kri­te­ri­en beru­hen, die den Hafen­ar­bei­tern aus ande­ren Mit­glied­staa­ten den Nach­weis ermög­li­chen, dass sie in ihrem Her­kunfts­staat Anfor­de­run­gen erfül­len, die den für inlän­di­sche Hafen­ar­bei­ter gel­ten­den Anfor­de­run­gen gleich­wer­tig sind, und zum ande­ren kein begrenz­tes Kon­tin­gent aner­ken­nungs­fä­hi­ger Arbei­ter festlegen.

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Sodann prüft der Uni­ons­ge­richts­hof die Ver­ein­bar­keit des ange­foch­te­nen König­li­chen Erlas­ses mit den ver­schie­de­nen vom AEU-Ver­trag garan­tier­ten Ver­kehrs­frei­hei­ten und stellt fest, dass die frag­li­che natio­na­le Rege­lung auch die in Art. 45 AEUV ver­an­ker­te Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keit beschränkt, da sie eine abschre­cken­de Wir­kung gegen­über Arbeit­ge­bern und Arbeit­neh­mern aus ande­ren Mit­glied­staa­ten haben kann. Der Uni­ons­ge­richts­hof beur­teilt anschlie­ßend die Erfor­der­lich­keit und Ver­hält­nis­mä­ßig­keit der ver­schie­de­nen in die­ser Rege­lung ent­hal­te­nen Maß­nah­men in Bezug auf das Ziel, die Sicher­heit in den Hafen­ge­bie­ten zu gewähr­leis­ten und Arbeits­un­fäl­le zu verhüten.

Dabei stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ers­tens fest, dass die frag­li­che Rege­lung, die ins­be­son­de­re vor­sieht, dass

  • die Aner­ken­nung von Hafen­ar­bei­tern durch einen Ver­wal­tungs­aus­schuss erfolgt, der pari­tä­tisch aus Mit­glie­dern zusam­men­ge­setzt ist, die von den Arbeit­ge­ber- und den Arbeit­neh­mer­or­ga­ni­sa­tio­nen benannt werden,
  • die­ser Aus­schuss nach Maß­ga­be des Arbeits­kräf­te­be­darfs auch dar­über ent­schei­det, ob die aner­kann­ten Arbei­ter in ein Kon­tin­gent von Hafen­ar­bei­tern auf­zu­neh­men sind, wobei bei den Hafen­ar­bei­tern, die nicht in die­ses Kon­tin­gent auf­ge­nom­men wer­den, die Dau­er ihrer Aner­ken­nung auf die Dau­er ihres Arbeits­ver­trags begrenzt ist, so dass für jeden neu­en Ver­trag, den sie schlie­ßen, ein neu­es Aner­ken­nungs­ver­fah­ren ein­zu­lei­ten ist,
  • es kei­ne maxi­ma­le Frist gibt, inner­halb deren der Aus­schuss ent­schei­den muss,

da sie zur Errei­chung des ange­streb­ten Ziels weder erfor­der­lich noch geeig­net ist, nicht mit den in den Art. 45, 49 und 56 AEUV ver­an­ker­ten Ver­kehrs­frei­hei­ten ver­ein­bar ist.

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Zwei­tens prüft der Uni­ons­ge­richts­hof die Bedin­gun­gen für die Aner­ken­nung von Hafen­ar­bei­tern. Nach der frag­li­chen Rege­lung muss ein Arbeit­neh­mer, sofern er nicht nach­wei­sen kann, dass er in einem ande­ren Mit­glied­staat gleich­wer­ti­ge Bedin­gun­gen erfüllt, gesund­heit­lich geeig­net sein, einen psy­cho­lo­gi­schen Test bestehen und eine vor­he­ri­ge beruf­li­che Fort­bil­dung absol­vie­ren. Bei die­sen Anfor­de­run­gen han­delt es sich um Bedin­gun­gen, die geeig­net sind, die Sicher­heit in den Hafen­ge­bie­ten zu gewähr­leis­ten, und die in Bezug auf ein sol­ches Ziel ver­hält­nis­mä­ßig sind. Folg­lich sind sol­che Maß­nah­men mit den in den Art. 45, 49 und 56 AEUV vor­ge­se­he­nen Ver­kehrs­frei­hei­ten ver­ein­bar. Es ist jedoch Sache des vor­le­gen­den Gerichts, zu prü­fen, ob die Auf­ga­be, die der Arbeit­ge­ber­or­ga­ni­sa­ti­on und gege­be­nen­falls den Gewerk­schaf­ten der aner­kann­ten Hafen­ar­bei­ter bei der Benen­nung der mit der Durch­füh­rung die­ser Unter­su­chun­gen, Tests oder Prü­fun­gen betrau­ten Orga­ne über­tra­gen wur­de, nicht die Trans­pa­renz, Objek­ti­vi­tät und Unpar­tei­lich­keit der Unter­su­chun­gen, Tests oder Prü­fun­gen in Fra­ge stel­len kann.

Drit­tens ent­schei­det der Uni­ons­ge­richts­hof, dass die frag­li­che Rege­lung, nach der die Aner­ken­nung, die ein Hafen­ar­bei­ter gemäß einer frü­he­ren gesetz­li­chen Rege­lung erhal­ten hat, fort­gilt, und er in das Kon­tin­gent von Hafen­ar­bei­tern auf­ge­nom­men wird, nicht als unge­eig­net erscheint, das ver­folg­te Ziel zu errei­chen, und auch nicht als unver­hält­nis­mä­ßig im Hin­blick auf die­ses Ziel, so dass sie inso­weit auch mit den in den Art. 45, 49 und 56 AEUV ver­an­ker­ten Frei­hei­ten ver­ein­bar ist.

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Vier­tens stellt der Uni­ons­ge­richts­hof fest, dass die frag­li­che Rege­lung, wonach der Trans­fer eines Hafen­ar­bei­ters in das Arbeit­neh­mer­kon­tin­gent eines ande­ren Hafen­ge­biets als des­je­ni­gen, in dem er sei­ne Aner­ken­nung erhal­ten hat, den in einem Tarif­ver­trag fest­ge­leg­ten Bedin­gun­gen und Moda­li­tä­ten unter­liegt, mit den in den Art. 45, 49 und 56 AEUV vor­ge­se­he­nen Ver­kehrs­frei­hei­ten ver­ein­bar ist. Es ist jedoch Sache des vor­le­gen­den Gerichts, zu prü­fen, ob die­se Bedin­gun­gen und Moda­li­tä­ten im Hin­blick auf das Ziel, die Sicher­heit in jedem Hafen­ge­biet zu gewähr­leis­ten, erfor­der­lich und ver­hält­nis­mä­ßig sind.

Schließ­lich ent­schei­det der Uni­ons­ge­richts­hof, dass eine Rege­lung, nach der logis­ti­sche Arbeit­neh­mer über eine „Sicher­heits­be­schei­ni­gung“ ver­fü­gen müs­sen, deren Aus­stel­lungs­mo­da­li­tä­ten in einem Tarif­ver­trag vor­ge­se­hen sind, nicht mit den in den Art. 45, 49 und 56 AEUV ver­an­ker­ten Frei­hei­ten unver­ein­bar ist, vor­aus­ge­setzt, dass die Bedin­gun­gen für die Aus­stel­lung einer sol­chen Beschei­ni­gung in Bezug auf das Ziel, die Sicher­heit in Hafen­ge­bie­ten zu gewähr­leis­ten, erfor­der­lich und ver­hält­nis­mä­ßig sind, und das Ver­fah­ren für ihre Ein­ho­lung kei­nen unzu­mut­ba­ren und unver­hält­nis­mä­ßi­gen Ver­wal­tungs­auf­wand erfordert.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 11. Febru­ar 2021 – C ‑407/​19 und C ‑471/​19

  1. EuGH – C‑407/​19[]
  2. EuGH – C‑471/​19[]