Anfech­tung einer Betriebs­rats­wahl – und der Betriebs­be­griff

Nach § 19 Abs. 1 BetrVG kann die Wahl eines Betriebs­rats ange­foch­ten wer­den, wenn gegen wesent­li­che Vor­schrif­ten über das Wahl­recht, die Wähl­bar­keit oder das Wahl­ver­fah­ren ver­sto­ßen wur­de und eine Berich­ti­gung nicht erfolgt ist, es sei denn, durch den Ver­stoß konn­te das Wahl­er­geb­nis nicht ver­än­dert oder beein­flusst wer­den. Ein sol­cher Ver­stoß liegt ua. vor, wenn bei der Wahl der betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Betriebs­be­griff ver­kannt wur­de 1.

Anfech­tung einer Betriebs­rats­wahl – und der Betriebs­be­griff

Ein Betrieb iSv. § 1 Abs. 1 Satz 1 BetrVG ist eine orga­ni­sa­to­ri­sche Ein­heit, inner­halb derer der Arbeit­ge­ber zusam­men mit den von ihm beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mern bestimm­te arbeits­tech­ni­sche Zwe­cke fort­ge­setzt ver­folgt. Dazu müs­sen die in der Betriebs­stät­te vor­han­de­nen mate­ri­el­len und imma­te­ri­el­len Betriebs­mit­tel zusam­men­ge­fasst, geord­net und gezielt ein­ge­setzt und die mensch­li­che Arbeits­kraft von einem ein­heit­li­chen Lei­tungs­ap­pa­rat gesteu­ert wer­den 2.

Ein Betrieb kann auch von meh­re­ren Arbeit­ge­bern als gemein­sa­mer Betrieb geführt wer­den mit der Fol­ge, dass ein (gemein­sa­mer) Betriebs­rat zu wäh­len ist.

Davon geht das Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz in sei­nem § 1 Abs. 1 Satz 2 und Abs. 2 in der seit dem 28.07.2001 gel­ten­den Fas­sung des Geset­zes zur Reform des Betriebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes vom 23.07.2001 aus. Nach das Bun­des­ar­beits­ge­richts­recht­spre­chung vor dem Inkraft­tre­ten von § 1 BetrVG in der jet­zi­gen Fas­sung war von einem gemein­sa­men Betrieb meh­re­rer Unter­neh­men aus­zu­ge­hen, wenn die in einer Betriebs­stät­te vor­han­de­nen mate­ri­el­len und imma­te­ri­el­len Betriebs­mit­tel für einen ein­heit­li­chen arbeits­tech­ni­schen Zweck zusam­men­ge­fasst, geord­net und gezielt ein­ge­setzt wur­den und der Ein­satz der mensch­li­chen Arbeits­kraft von einem ein­heit­li­chen Lei­tungs­ap­pa­rat gesteu­ert wur­de. Dazu muss­ten sich die betei­lig­ten Unter­neh­men zumin­dest kon­klu­dent zu einer gemein­sa­men Füh­rung recht­lich ver­bun­den haben. Die­se ein­heit­li­che Lei­tung muss­te sich auf die wesent­li­chen Funk­tio­nen eines Arbeit­ge­bers in sozia­len und per­so­nel­len Ange­le­gen­hei­ten erstre­cken. Eine ledig­lich unter­neh­me­ri­sche Zusam­men­ar­beit genüg­te dage­gen nicht. Viel­mehr muss­ten die Funk­tio­nen des Arbeit­ge­bers in den sozia­len und per­so­nel­len Ange­le­gen­hei­ten des BetrVG insti­tu­tio­nell ein­heit­lich für die betei­lig­ten Unter­neh­men wahr­ge­nom­men wer­den 3. Für die Fra­ge, ob der Kern der Arbeit­ge­ber­funk­tio­nen in sozia­len und per­so­nel­len Ange­le­gen­hei­ten von der­sel­ben insti­tu­tio­na­li­sier­ten Lei­tung aus­ge­übt wird, war vor allem ent­schei­dend, ob ein arbeit­ge­ber­über­grei­fen­der Per­so­nal­ein­satz prak­ti­ziert wird, der cha­rak­te­ris­tisch für den nor­ma­len Betriebs­ab­lauf ist 4. Dar­an hat sich durch das Betriebs­ver­fas­sungs­re­form­ge­setz vom 23.07.2001 nichts geän­dert. Die von der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze gel­ten wei­ter 5.

Nach § 1 Abs. 2 BetrVG in der seit dem 28.07.2001 gel­ten­den Fas­sung des Geset­zes zur Reform des Betriebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes vom 23.07.2001 wird ein gemein­sa­mer Betrieb meh­re­rer Unter­neh­men ver­mu­tet, wenn zur Ver­fol­gung arbeits­tech­ni­scher Zwe­cke die Betriebs­mit­tel sowie die Arbeit­neh­mer von den Unter­neh­men gemein­sam ein­ge­setzt wer­den (Nr. 1) oder wenn die Spal­tung eines Unter­neh­mens zur Fol­ge hat, dass von einem Betrieb ein oder meh­re­re Betriebs­tei­le einem an der Spal­tung betei­lig­ten Unter­neh­men zuge­ord­net wer­den, ohne dass sich dabei die Orga­ni­sa­ti­on des betrof­fe­nen Betriebs wesent­lich ändert (Nr. 2). In die­ser Vor­schrift hat der Gesetz­ge­ber den Begriff des gemein­sa­men Betriebs meh­re­rer Unter­neh­men nicht eigen­stän­dig defi­niert, son­dern unter Zugrun­de­le­gung des von der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Begriffs gere­gelt, dass unter den genann­ten Vor­aus­set­zun­gen ein gemein­sa­mer Betrieb meh­re­rer Unter­neh­men – wider­leg­bar – ver­mu­tet wird. Die Ver­mu­tungs­tat­be­stän­de die­nen dem Zweck, Betriebs­rä­ten und Wahl­vor­stän­den den in der Pra­xis oft schwer zu erbrin­gen­den Nach­weis einer Füh­rungs­ver­ein­ba­rung zu erspa­ren 6. Die von der Recht­spre­chung zum Gemein­schafts­be­trieb ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze gel­ten daher auch nach dem Inkraft­tre­ten des Betriebs­ver­fas­sungs­re­form­ge­set­zes wei­ter, wobei das Bestehen eines ein­heit­li­chen Lei­tungs­ap­pa­rats unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 1 Abs. 2 BetrVG ver­mu­tet wird. Grei­fen die Ver­mu­tungs­tat­be­stän­de nicht ein, besteht den­noch ein gemein­sa­mer Betrieb, wenn sich meh­re­re Unter­neh­men – aus­drück­lich oder kon­klu­dent, zur Füh­rung eines gemein­sa­men Betriebs recht­lich ver­bun­den haben 7.

Bei den Begrif­fen des Betriebs und des gemein­sa­men Betriebs meh­re­rer Unter­neh­men han­delt es sich um unbe­stimm­te Rechts­be­grif­fe. Bei der Beur­tei­lung, ob Unter­neh­men einen gemein­sa­men Betrieb bil­den, steht dem Gericht der Tat­sa­chen­in­stanz ein Beur­tei­lungs­spiel­raum zu. Die Wür­di­gung des Lan­des­ar­beits­ge­richts ist in der Rechts­be­schwer­de­instanz nur dar­auf über­prüf­bar, ob es den Rechts­be­griff selbst ver­kannt, gegen Denk­ge­set­ze, aner­kann­te Aus­le­gungs­grund­sät­ze oder all­ge­mei­ne Erfah­rungs­sät­ze ver­sto­ßen oder wesent­li­che Umstän­de außer Acht gelas­sen hat 8.

Ein Betriebs­teil kann einem Haupt­be­trieb zuzu­ord­nen sein oder als selb­stän­di­ger Betrieb gel­ten, für den ein eige­ner Betriebs­rat zu bil­den ist.

Ein Betriebs­teil ist auf den Zweck des Haupt­be­triebs aus­ge­rich­tet und in des­sen Orga­ni­sa­ti­on ein­ge­glie­dert. Er ist aller­dings gegen­über dem Haupt­be­trieb orga­ni­sa­to­risch abgrenz­bar und rela­tiv ver­selb­stän­digt. Für die Abgren­zung von Betrieb und Betriebs­teil ist der Grad der Ver­selb­stän­di­gung ent­schei­dend, der im Umfang der Lei­tungs­macht zum Aus­druck kommt. Erstreckt sich die in der orga­ni­sa­to­ri­schen Ein­heit aus­ge­üb­te Lei­tungs­macht auf alle wesent­li­chen Funk­tio­nen des Arbeit­ge­bers in per­so­nel­len und sozia­len Ange­le­gen­hei­ten, han­delt es sich um einen eigen­stän­di­gen Betrieb iSv. § 1 Abs. 1 BetrVG. Für einen Betriebs­teil genügt ein Min­dest­maß an orga­ni­sa­to­ri­scher Selb­stän­dig­keit gegen­über dem Haupt­be­trieb. Dazu reicht es aus, dass in der orga­ni­sa­to­ri­schen Ein­heit über­haupt eine den Ein­satz der Arbeit­neh­mer bestim­men­de Lei­tung insti­tu­tio­na­li­siert ist, die Wei­sungs­rech­te des Arbeit­ge­bers aus­übt 9.

§ 4 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 und Nr. 2 BetrVG bestimmt im Wege einer gesetz­li­chen Fik­ti­on, dass ein Betriebs­teil als selb­stän­di­ger Betrieb gilt, wenn er räum­lich weit vom Haupt­be­trieb ent­fernt (§ 4 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BetrVG) oder durch Auf­ga­ben­be­reich und Orga­ni­sa­ti­on eigen­stän­dig ist (§ 4 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BetrVG). Für einen sol­chen Betriebs­teil ist grund­sätz­lich ein eige­ner Betriebs­rat zu wäh­len, es sei denn, die Arbeit­neh­mer haben nach § 4 Abs. 1 Satz 2 BetrVG beschlos­sen, an der Betriebs­rats­wahl im Haupt­be­trieb teil­zu­neh­men. Die für einen selb­stän­di­gen Betriebs­teil nach § 4 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BetrVG erfor­der­li­che rela­ti­ve Eigen­stän­dig­keit setzt kei­nen umfas­sen­den eige­nen Lei­tungs­ap­pa­rat vor­aus, erfor­dert aber, dass es in dem Betriebs­teil eine eigen­stän­di­ge Lei­tung gibt, die in der Lage ist, die Arbeit­ge­ber­funk­tio­nen in den wesent­li­chen Berei­chen der betrieb­li­chen Mit­be­stim­mung wahr­zu­neh­men 10.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 23. Novem­ber 2016 – 7 ABR 3/​15

  1. vgl. BAG 19.11.2003 – 7 ABR 25/​03, zu C I 1 der Grün­de mwN[]
  2. vgl. zur st. Rspr.: BAG 13.02.2013 – 7 ABR 36/​11, Rn. 27; 9.12 2009 – 7 ABR 38/​08, Rn. 22; 13.08.2008 – 7 ABR 21/​07, Rn. 18 mwN; 17.01.2007 – 7 ABR 63/​05, Rn. 15, BAGE 121, 7[]
  3. vgl. BAG 13.02.2013 – 7 ABR 36/​11, Rn. 28; 13.08.2008 – 7 ABR 21/​07, Rn.19 mwN[]
  4. vgl. BAG 22.06.2005 – 7 ABR 57/​04, zu B II 1 der Grün­de mwN[]
  5. vgl. BAG 13.02.2013 – 7 ABR 36/​11, Rn. 28; 13.08.2008 – 7 ABR 21/​07, Rn. 23 mwN[]
  6. vgl. BT-Drs. 14/​5741 S. 33[]
  7. BAG 13.02.2013 – 7 ABR 36/​11, Rn. 29; 17.08.2005 – 7 ABR 62/​04, zu B III 2 der Grün­de mwN[]
  8. BAG 13.02.2013 – 7 ABR 36/​11, Rn. 31; 18.01.2012 – 7 ABR 72/​10, Rn. 28 mwN; 13.08.2008 – 7 ABR 21/​07, Rn. 26 mwN[]
  9. vgl. BAG 9.12 2009 – 7 ABR 38/​08, Rn. 23; 17.01.2007 – 7 ABR 63/​05, Rn. 15, BAGE 121, 7[]
  10. vgl. BAG 9.12 2009 – 7 ABR 38/​08, Rn. 24 mwN[]