Anfech­tung der Betriebs­rats­wahl im Gemein­schafts­be­trieb – und die Betei­li­gung der Tarif­ver­trags­par­tei­en

Nach § 547 Nr. 4 ZPO ist eine Ent­schei­dung stets auf einer Ver­let­zung des Rechts beru­hend anzu­se­hen, wenn eine Par­tei in dem Ver­fah­ren nicht nach Vor­schrift der Geset­ze ver­tre­ten war, sofern sie nicht die Pro­zess­füh­rung aus­drück­lich oder still­schwei­gend geneh­migt hat. Vor dem Hin­ter­grund, dass der abso­lu­te Revi­si­ons­grund nach § 547 Nr. 4 ZPO sich als beson­de­re Aus­prä­gung der Ver­sa­gung recht­li­chen Gehörs dar­stellt, ist die­se Vor­schrift ent­spre­chend auch auf Drit­te anwend­bar, die ent­ge­gen zwin­gen­der Vor­schrif­ten an dem Ver­fah­ren nicht betei­ligt wur­den [1]. Dies gilt auch für die unter­blie­be­ne Anhö­rung eines Betei­lig­ten im Beschluss­ver­fah­ren.

Anfech­tung der Betriebs­rats­wahl im Gemein­schafts­be­trieb – und die Betei­li­gung der Tarif­ver­trags­par­tei­en

Nach § 83 Abs. 3 ArbGG haben im Beschluss­ver­fah­ren ua. die Stel­len ein Recht auf Anhö­rung, die im Ein­zel­fall betei­ligt sind. Betei­ligt ist jede Stel­le, die durch die begehr­te Ent­schei­dung in ihrer Rechts­stel­lung unmit­tel­bar betrof­fen ist [2].

Die begehr­te Ent­schei­dung über die Wirk­sam­keit der Betriebs­rats­wahl betrifft die Gewerk­schaf­ten sowie den Arbeit­ge­ber­ver­band nicht unmit­tel­bar in ihrer durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­ten Tarif­au­to­no­mie. Zwar ist der Abschluss eines Tarif­ver­trags nach § 3 Abs. 1 Nr. 1 bis Nr. 3 BetrVG durch Art. 9 Abs. 3 GG geschützt [3]. Die­se Abschluss­frei­heit wird durch die Ent­schei­dung über die Recht­mä­ßig­keit der Betriebs­rats­wahl im Gemein­schafts­be­trieb jedoch nicht berührt, da die Wirk­sam­keit der Lan­des­be­zirks­ta­rif­ver­trä­ge nur eine Vor­fra­ge für die­se Ent­schei­dung ist und an der Rechts­kraft­wir­kung nicht teil­nimmt. Mit der Ent­schei­dung im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren steht nicht bin­dend fest, dass die Lan­des­be­zirks­ta­rif­ver­trä­ge Nr. 8/​2016 und Nr. 8a/​2016 unwirk­sam sind. Die Beschwer­de­füh­rer kön­nen die Fra­ge, ob sie mit den Lan­des­be­zirks­ta­rif­ver­trä­gen Nr. 8/​2016 und Nr. 8a/​2016 eine betriebs­rats­fä­hi­ge Ein­heit geschaf­fen haben, in einem Ver­fah­ren nach § 18 Abs. 2 BetrVG klä­ren las­sen. Die­ses Ver­fah­ren dient der Klä­rung der für die gesam­te Betriebs­ver­fas­sung grund­sätz­li­chen Vor­fra­ge, indem ver­bind­lich fest­ge­legt wird, wel­che Orga­ni­sa­ti­ons­ein­heit als der Betrieb anzu­se­hen ist, in dem ein Betriebs­rat gewählt wird und in dem er sei­ne Betei­li­gungs­rech­te wahr­neh­men kann [4].

Eine ande­re Beur­tei­lung ist auch nicht des­halb gebo­ten, weil den Tarif­ver­trags­par­tei­en als den „Betei­lig­ten vor Ort“ mit der Neu­fas­sung des § 3 BetrVG weit­rei­chen­de und fle­xi­ble Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten ein­ge­räumt wer­den soll­ten, damit sie mit Hil­fe von Ver­ein­ba­rungs­lö­sun­gen Arbeit­neh­mer­ver­tre­tun­gen schaf­fen kön­nen, die auf die beson­de­re Struk­tur des jewei­li­gen Betriebs, Unter­neh­mens oder Kon­zerns zuge­schnit­ten sind [5]. Das bedeu­tet nicht, dass die Tarif­ver­trags­par­tei­en auch dann an einem Beschluss­ver­fah­ren betei­ligt sind, wenn die Wirk­sam­keit eines Tarif­ver­trags nach § 3 Abs. 1 Nr. 1 bis Nr. 3 BetrVG nur eine Vor­fra­ge für die begehr­te Ent­schei­dung ist. Die Betei­li­gung der Tarif­ver­trags­par­tei­en ist auch nicht erfor­der­lich, um in einem Wahl­an­fech­tungs­ver­fah­ren dar­zu­le­gen, dass die geschaf­fe­nen Betriebs­struk­tu­ren sach­ge­recht sind. Die­sen Vor­trag kön­nen die Betriebs­par­tei­en hal­ten und dafür – soweit erfor­der­lich – die not­wen­di­gen Infor­ma­tio­nen von den Tarif­ver­trags­par­tei­en ein­ho­len.

Die Beschwer­de­füh­rer beru­fen sich ohne Erfolg auf die Betei­li­gung der betrof­fe­nen Tarif­ver­trags­par­tei­en im Ver­fah­ren nach § 97 ArbGG [6]. Durch eine Ent­schei­dung über ihre Tarif­fä­hig­keit oder Tarif­zu­stän­dig­keit sind die Tarif­ver­trags­par­tei­en unmit­tel­bar in ihrer kol­lek­tiv­recht­li­chen Rechts­po­si­ti­on betrof­fen.

Aus der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts zu ande­ren Fall­kon­stel­la­tio­nen folgt nichts Gegen­tei­li­ges.

In Ver­fah­ren nach § 98 ArbGG sind zwar die Tarif­ver­trags­par­tei­en, die den Tarif­ver­trag abge­schlos­sen haben, der für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt bzw. durch Rechts­ver­ord­nung erstreckt wur­de, betei­ligt. Die­se Betei­li­gung ergibt sich aber schon aus den Antrags­rech­ten der Tarif­ver­trags­par­tei­en nach § 5 TVG, §§ 7, 7a AEntG und § 3a AÜG. Die Tarif­ver­trags­par­tei­en sind dort unmit­tel­bar in ihrer Rechts­stel­lung als Antrag­stel­ler berührt, wenn die All­ge­mein­ver­bind­lich­keits­er­klä­rung oder Rechts­ver­ord­nung für (un)wirksam erklärt wür­de [7].

Es besteht auch kein Wider­spruch zu der Ent­schei­dung des Sechs­ten Senats des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 29.07.1982 [8]. Der Sechs­te Senat hat die Mit­glie­der einer Arbeits­grup­pe an einem Ver­fah­ren betei­ligt, des­sen Gegen­stand die Wirk­sam­keit des von der Arbeits­grup­pe gefass­ten Beschlus­ses war. Gegen­stand des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens ist nicht die Wirk­sam­keit der Lan­des­be­zirks­ta­rif­ver­trä­ge Nr. 8 und Nr. 8a/​2016, son­dern die Wirk­sam­keit der Betriebs­rats­wahl.

Die Tarif­ver­trags­par­tei­en kön­nen sich auch nicht mit Erfolg auf die BAG-Ent­schei­dung vom 29.07.2009 [9] beru­fen. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat sich in die­ser Ent­schei­dung nicht zu der Fra­ge der Betei­li­gung geäu­ßert.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 21. April 2020 – 7 ABN 79/​19

  1. BAG 26.04.2018 – 8 AZN 974/​17, Rn. 10, 13, BAGE 162, 375; BGH 30.10.2002 – XII ZR 345/​00, zu 1 der Grün­de mwN; 27.03.2002 – XII ZR 203/​99, zu 4 der Grün­de mwN; BVerwG 22.01.2016 – 5 PB 10/​15, Rn. 15[]
  2. BAG 15.05.2019 – 7 ABR 35/​17, Rn. 15[]
  3. vgl. BAG 29.07.2009 – 7 ABR 27/​08, Rn. 38, BAGE 131, 277[]
  4. BAG 17.05.2017 – 7 ABR 21/​15, Rn. 13 mwN[]
  5. BT-Drs. 14/​5741 S. 33; BAG 29.07.2009 – 7 ABR 27/​08, Rn. 27, BAGE 131, 277[]
  6. vgl. BAG 26.06.2018 – 1 ABR 37/​16, Rn.19, BAGE 163, 108[]
  7. BAG 21.09.2016 – 10 ABR 33/​15, Rn. 80, BAGE 156, 213[]
  8. BAG 29.07.1982 – 6 ABR 51/​79, zu II 6 a der Grün­de, BAGE 39, 259[]
  9. BAG 29.07.2009 – 7 ABR 27/​08, BAGE 131, 277[]