Arbeit beim Job­cen­ter – und der neue kom­mu­na­le Trä­ger

Gemäß § 6c Abs. 1 Satz 1 SGB II geht das Arbeits­ver­hält­nis nur dann auf den kom­mu­na­len Trä­ger über, wenn der Beschäf­tig­te am Tag vor der Zulas­sung und min­des­tens 24 Mona­te davor Auf­ga­ben der Grund­si­che­rung wahr­ge­nom­men hat.

Arbeit beim Job­cen­ter – und der neue kom­mu­na­le Trä­ger

Dadurch soll sicher­ge­stellt wer­den, dass nur objek­tiv qua­li­fi­zier­tes, gründ­lich ein­ge­ar­bei­te­tes Per­so­nal auf den kom­mu­na­len Trä­ger über­geht [1]. Die fach­li­che Erfah­rung der bis­he­ri­gen Beschäf­tig­ten der Bun­des­agen­tur für Arbeit im Bereich der Grund­si­che­rung soll für die Opti­ons­kom­mu­ne gesi­chert wer­den [2]. Die­se soll mit „der­sel­ben Mann­schaft“ star­ten, die zuvor bei der BA die Auf­ga­ben der Grund­si­che­rung wahr­ge­nom­men hat [3].

Es kann dabei für das Bun­des­ar­beits­ge­richt dahin­ste­hen, ob es ange­sichts die­ses Zwecks aus­reicht, dass der Beschäf­tig­te im Zeit­punkt der Zulas­sung der Kom­mu­ne auf einer Plan­stel­le oder Stel­le des Rechts­krei­ses SGB II geführt wur­de, wie es bei der Arbeit­neh­me­rin der Fall war [4]. Jeden­falls ste­hen Unter­bre­chun­gen der tat­säch­li­chen Tätig­keit im Bereich der Grund­si­che­rung, zu denen es in den letz­ten 24 Mona­ten vor der Zulas­sung der Kom­mu­ne kommt, dem Über­gang des Arbeits­ver­hält­nis­ses nicht ent­ge­gen, wenn die­se Unter­bre­chun­gen nach § 19 Abs. 6 TV-BA für die Lauf­zeit in den Ent­wick­lungs­stu­fen unschäd­lich sind.

Die Tarif­ver­trags­par­tei­en haben in § 19 Abs. 6 TV-BA – ver­gleich­bar der Rege­lung in § 17 Abs. 3 TVöD-V – abschlie­ßend fest­ge­legt, wel­che Unter­bre­chun­gen der tat­säch­li­chen Tätig­keit für die Stu­fen­lauf­zeit und damit für den Fort­be­stand der Berufs­er­fah­rung als unschäd­lich anzu­se­hen sind. Inso­weit tritt kraft Fik­ti­on kein Ver­lust an Erfah­rungs­wis­sen ein. Die­se von der Ein­schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve der Tarif­ver­trags­par­tei­en gedeck­te Fik­ti­on ist auch bei der Anwen­dung der Stich­tags­re­ge­lung des § 6c Abs. 1 Satz 1 SGB II zu ach­ten. Dar­um ist ua. Eltern­zeit grund­sätz­lich als Beschäf­ti­gungs­zeit zu wer­ten [5].

Etwas ande­res kann nur dann gel­ten, wenn im Refe­renz­zeit­raum kei­ner­lei akti­ve Tätig­keit in der Grund­si­che­rung aus­ge­übt wird. Dann fehlt es an der von § 6c Abs. 1 Satz 1 SGB II gefor­der­ten „Wahr­neh­mung“ von Auf­ga­ben in der Grund­si­che­rung. Zugleich wür­de ins­be­son­de­re dann das Rege­lungs­ziel, der Kom­mu­ne ein­ge­ar­bei­te­tes Per­so­nal zur Ver­fü­gung zu stel­len, mit dem sofort die Auf­ga­ben der Grund­si­che­rung fort­ge­führt wer­den kön­nen, ver­fehlt, wenn ruhen­de Arbeits­ver­hält­nis­se über­gin­gen [6].

Dabei ist für das Bun­des­ar­beits­ge­richt uner­heb­lich, dass die Arbeit­neh­me­rin als Sach­be­ar­bei­te­rin Ord­nungs­wid­rig­kei­ten im Bereich SGB II nicht im Kern­be­reich der Grund­si­che­rung tätig war. Auch die Sank­tio­nie­rung von Ver­stö­ßen ist Teil der Auf­ga­ben der BA im Bereich der Grund­si­che­rung. Der auf­neh­men­de kom­mu­na­le Trä­ger ist auch inso­weit auf hin­rei­chend erfah­re­nes Per­so­nal ange­wie­sen. Damit ist der Zweck der Anrech­nung der Berufs­er­fah­rung nach dem gesetz­lich ange­ord­ne­ten Über­gang des Arbeits­ver­hält­nis­ses erfüllt.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 17. März 2016 – 6 AZR 96/​15

  1. vgl. BAG 16.04.2015 – 6 AZR 142/​14, Rn. 42[]
  2. Luthe in Hauck/​Noftz SGB II Stand Janu­ar 2013 K § 6c Rn. 8[]
  3. Sau­er in Sau­er SGB II § 6c Rn. 24[]
  4. in die­sem Sin­ne die Ant­wort des BMAS unter A II Ziff. 1 und Ziff. 3 iVm. Ant­wort zu Fra­ge A I Ziff. 3 im Fra­ge-Ant­wort-Kata­log des BMAS zum gesetz­li­chen Per­so­nal­über­gang nach § 6c SGB II [Stand 25.11.2011]; grund­sätz­lich auch Gagel/​Luik SGB II Stand April 2014 § 6c Rn. 15[]
  5. vgl. Aus­schuss­druck­sa­che 17(11)169 des Aus­schus­ses für Arbeit und Sozia­les des Deut­schen Bun­des­tags vom 03.06.2010 S. 27[]
  6. noch offen­ge­las­sen von BAG 16.04.2015 – 6 AZR 142/​14, Rn. 13; Gagel/​Luik aaO; ähn­lich: Mün­der in LPK-SGB II 5. Aufl. § 6c Rn. 2; Luthe in Hauck/​Noftz aaO; aA: Säch­si­sches LAG 28.02.2013 – 9 Sa 407/​12, Rn. 32 ff. [Erfor­der­lich ist unun­ter­bro­che­ne Tätig­keit von min­des­tens 18 Mona­ten], Revi­si­on anhän­gig unter – 8 AZR 410/​13; VG Hal­le 12.12 2012 – 5 A 224/​11 – [Neun Mona­te Tätig­keit rei­chen nicht]; Rixen/​Weißenberger in Eicher/​Spellbrink SGB II 3. Aufl. § 6c Rn. 2 [Län­ge­re Unter­bre­chung ver­hin­dert den Über­gang][]